Klimaschutz als Wirtschaftsmotor

Auf der einen Seite kostet der Klimawandel Österreich 8,8 Milliarden Euro – pro Jahr! Auf der anderen Seite entpuppt sich der Klimaschutz aber auch als wichtiger Impulsgeber für Arbeitsplätze und Innovationen.

Wasserkraft schont zwar das Klima, der Klimawandel bedroht aber auch diese Ressource (Foto: Verbund)

Ein Temperaturanstieg von deutlich unter zwei Grad (angepeilt werden unter 1,5) gegenüber vorindustriellen Werten – das ist das Kernziel des Weltklimavertrags von Paris, der Anfang November in Kraft trat. Tatsächlich bewegt sich die Welt jedoch auf eine Erwärmung von mehr als drei Grad zu, so Experten. Um das Ziel zu erreichen, müssen die Treibhausgasemissionen de facto gegen null gesenkt werden. Ende November wurde in Marrakesch von 200 teilnehmenden Staaten daher – so einhellig wie noch nie – die „vollständige Umsetzung“ des in Paris beschlossenen globalen Aktionsplans bekräftigt: gemäß der Abschlusserklärung habe der Kampf gegen den Klimawandel „dringende Priorität“.

Vorm Schaden klug?

Wie dringend, hat man in Österreich seit letztem Jahr schwarz auf weiß. Die 2015 im Auftrag des Umweltministe­riums und des Klima- und Energiefonds erstellte weltweit erste Studie in dieser Breite zu den wirtschaftlichen Folgen des Klimawandels „COIN – Cost of Inaction: Assessing the Costs of Climate Change for Austria“ – an dem interdisziplinären Projekt der Universität Graz waren 42 Forscher aus 18 Forschungsgruppen aus ganz Europa beteiligt, nähere Infos dazu unter coin.ccca.at – kam zu einem erschre­ckenden Ergebnis. Demnach wird die österreichische Volkswirtschaft bis 2050 Schäden, die durch den Klimawandel verursacht werden, in Höhe von bis zu 8,8 Milliarden Euro zu verkraften haben – pro Jahr! Und in diese sind ext­reme Wetterereignisse wie ein Jahrhunderthochwasser noch gar nicht miteinberechnet. 

Klar dokumentiert ist zudem, dass vom Klimawandel keiner ausgenommen ist. Selbst unter der Annahme, dass die globale Erwärmung 2050 die Zwei-Grad-Grenze nicht überschreitet, sind von den Auswirkungen des Klimawandels praktisch alle Bereiche betroffen – von der menschlichen Gesundheit über die Infrastruktur bis zur Wirtschaft. Jedoch nicht immer nur negativ.

Verlierer und Gewinner

In der Landwirtschaft blickt man dem Klimawandel mit einem wenig lachenden und einem stark weinenden Auge entgegen. Denn auf der einen Seite bringt die Erwärmung höhere Erträge, auf der anderen Seite können diese durch Wetterkapriolen wieder zunichte gemacht werden. 

Analog die Situation im Fremdenverkehr. Höhere Temperaturen und weniger Regen fördern zwar den Sommertourismus, sorgen aber im Winter für ein Ausbleiben der Gäste. Laut der COIN-Studie übersteigen die in einem mittleren Klimawandelszenario erwartbaren Einbußen bei Nächtigungen im Winter mit 1,5 Millionen (entspricht Verlusten von durchschnittlich ca. 300 Millionen Euro) deutlich die Zugewinne im Sommer. Höhere Kosten, beispielsweise für Klimaanlagen im Sommer und künstliche Beschneiung im Winter, sind dabei nicht eingerechnet.

In den anderen Wirtschaftsbereichen sieht die Situation etwas besser aus. Großen Risken stehen auch neue Chancen gegenüber. Und wo alte Geschäftsmodelle über Bord geworfen werden müssen, entstehen neue. Ganz besonders gilt das für den Bereich Energie.

Grundsätzlich bringt der Klimawandel Einsparungen im Winter, aber einen erhöhten Bedarf an Kühlung im Sommer. In Österreich ergibt sich dabei ein spezifisches Problem. Mit knapp 70 Prozent wird der Strom hierzulande mehrheitlich aus Wasserkraft erzeugt. Heißere Sommer und Dürreperioden könnten hier aber zu Engpässen bei der Ressource Wasser führen. Verständlich, dass daher auch Österreichs größter Stromproduzent VERBUND, der 95 Prozent seiner Energie aus erneuerbaren Energiequellen erzeugt, über vier Fünftel davon aus Wasserkraft, den „Weg zum 100 Prozent CO2-freien Low- Cost-Erzeuger“ ganz oben auf die Strategieliste gesetzt hat. Wolfgang Anzengruber, CEO der VERBUND AG: „Das entscheidende Ziel ist die Dekarbonisierung des Energiesystems , also die Ablöse fossiler Energien durch erneuerbare, die kein CO2 ausstoßen. Nur so werden wir die vereinbarten Klimaziele erreichen. In Österreich sind wir bei der Stromerzeugung schon bei einem Anteil von 80 Prozent von erneuerbaren Energien. In den Bereichen Wärme und Mobilität liegt noch ein Kraftakt vor uns.“

Energiewende bringt viel Neues

Anhand des Verbund zeigen sich aber auch die positiven Seiten des Klimawandels. Trotz der riesigen Herausforderungen für die gesamte Branche „von Überkapazitäten auf dem Markt, Preisverfall an den Strombörsen, bis hin zu Wertberichtigungen“, so Anzengruber, entsteht für ihn eine „neue, spannende Energiewelt.“ Anzengruber: „Es liegt an uns, was wir draus machen und wie wir die Dekarbonisierung – auch in den Bereichen Wärme und Mobilität – als Wirtschaftsfaktor einsetzen.“ 

VERBUND investiert daher, trotz Sparprogramm, allein in den nächsten drei Jahren (2016 bis 2019) rund eine Milliarde Euro vor allem in Effizienz- und Ökologisierungsmaßnahmen. Zusätzlich sucht man innovative Partnerschaften. Das nicht nur mit großen Unternehmen wie voestalpine und OMV, mit denen vor Kurzem Kooperationen auf operativer Ebene, aber auch auf Forschungsebene im Zukunftsbereich „Wasserstoff“ angekündigt wurden.  Auch, oder gerade, Start-ups mit innovativen Ideen und ganz anderen Zugängen zum Markt sind interessante Partner für etablierte Größen. So hat sich VERBUND mit 50 Prozent an der 2008 gegründeten SOLAVOLTA (sonnezustrom.at) beteiligt. Mit rund 175.000 Quadratmeter verbauter Fläche ist das Unternehmen aus St. Margarethen im Burgenland vor allem bei Photovoltaikanlagen für Ein- und Mehrfamilienhäuser mittlerweile österreichweit führend. Mit zirka sieben Millionen Euro Umsatz und mit rund 40 Mitarbeitern ist SOLAVOLTA zudem ein wichtiger Arbeitgeber, den es ohne Klimawandel vielleicht gar nicht gäbe. Der Geschäftsführer kann dem jedenfalls zustimmen, Horst Bauer: „Unsere Jobs sind zu 100 Prozent Green Jobs, die nur aufgrund der Energiewende entstanden sind.“ Die Partnerschaft mit VERBUND soll zur weiteren Expansion genutzt werden. Bauer: „VERBUND ist auch im europäischen Kontext eine große Nummer. Das hilft uns, weitere Märkte zu erschließen.“ 

Aber auch VERBUND profitiert von der Verbindung indem man für Kunden etwa aus der Kombination von Photovoltaikanlage plus Batteriespeicher mit Wärmepumpe sogenannte Eco-Pakete schnürt. Ähnliche Projekte finden sich auch bei den regionalen Energieversorgern. Der größte, Wien Energie, hat etwa den Mitte Oktober lancierten „Hausmaster“, der Hausbesitzer dabei unterstützt, Strom selbst zu erzeugen und zu nutzen. Michael Strebl, Vorsitzender der Wien-Energie-Geschäftsführung: „Der Trend in der Energiewirtschaft geht in Richtung dezentrale Erzeugung, erneuerbare Energien und Digitalisierung. Wir nutzen die damit verbundenen Möglichkeiten, um neue Produkte und Services zu bieten.“ 

Handwerk profitiert von Sanierung

Eng mit der Energiewende verbunden ist die Gebäudesanierung, die nicht nur Wesentliches zur CO2-Reduktion beitragen kann. Besonders deutlich wird das in Wien, wo in den letzten 30 Jahren im Zuge der „Sanften Stadterneuerung“ fast 340.000 Wohneinheiten – das entspricht rund einem Drittel des aktuellen Bestands in der Stadt – saniert wurden, wie aus dem Büro des Wohnbaustadtrats Michael Ludwig zu erfahren ist. Die damit erzielte Reduktion des Heizwärmebedarfs von 1.100 GWh pro Jahr (!) entspricht der Regelarbeitsleistung des Kraftwerks Freudenau. Und die Einsparung der Treibhausgasemissionen belief sich 2015 auf 361.300 Tonnen CO2, was wiederum der Jahresemission von rund 100.000 Mittelklasse-Pkw entspricht. 

Damit nicht genug, profitiert von den mehr als 180 Millionen Euro Fördermitteln, die die Stadt Wien auch 2017 wieder zur Verfügung stellt, vor allem die lokale Wirtschaft. Stadtrat Ludwig: „Allein der Bereich der geförderten Sanierung sichert in Wien vor allem in Klein- und Mittelbetrieben bis zu 5.000 Arbeitsplätze jährlich.“

Aber auch innovative Start-ups wie Naporo profitieren vom verstärkten Bewusstsein für den Energieverbrauch von Häusern. Das Unternehmen mit Sitz in Perg (Oberösterreich) hat eine Fassadendämmung aus Hanf entwi­ckelt. Diese CO2-freundliche Alternative zu Styropor und Steinwolle brachte Erfinder Robert Schwemmer 2013 sowohl eine Auszeichnung beim GEWINN-Jungunternehmer-Wettbewerb sowie beim Österreichischen Klimaschutzpreis. Schwemmer: „Da gab es einfach eine Lücke. 85 Prozent der Gebäude in Deutschland und Österreich sind massiv gebaut und pro Jahr werden 50 Millionen Quadratmeter gedämmt. Das war die Schlagrichtung, die wir hatten.“ Heute werden etwa 1.000 Häuser pro Jahr mit Hanf gedämmt (das entspricht 8.898 Tonnen CO2-Einsparung) und damit auch die Jobs der 20 Mitarbeiter in der Produktion im niederösterreichischen Haugsdorf (Bezirk Hollabrunn) gesichert. Aber nicht nur, Schwemmer: „Den Rohstoff beziehen wir von etwa 50 Hanfbauern, die ebenfalls rund um die Fabrik angesiedelt sind.“ 

Wirtschaftsdynamo E-Mobilität

Am wenigsten weit muss man suchen, wenn man nach Innovationen im Bereich E-Mobilität sucht – der Bereich in dem vielleicht das größte Potenzial in jeder Hinsicht steckt. Genaugenommen müssen Sie nur bis Seite 58 zurückblättern, um eines der vielversprechendsten Start-ups aus Österreich in diesem Bereich kennenzulernen: Kreisel Electric, 2016 Sieger des GEWINN-Jungunternehmer-Wettbewerbs, die mit ihrer revolutionären Batterietechnologie mit fast allen Herstellern weltweit am E-Auto der nächsten Generation arbeiten.

Kreisel ist aber nur die Spitze einer Branche, die es ohne den Klimawandel wohl nicht gäbe. Wie viel Potenzial in der E-Mobilität steckt, zeigt die aktuelle Studie „E-MAPP: E-Mobility and the Austrian Production Potential“, die der Klima- und Energiefonds in Auftrag gegeben hat. Demnach bietet diese bis 2030 ein Potenzial für bis zu 33.900 Jobs und 3,1 Milliarden Euro Wertschöpfung in Österreich. Auch Infrastrukturminister Jörg Leichtfried sieht daher in der E-Mobilität eine Win-Win-Situation für Klima und Wirtschaft: „Um den Industriestandort Österreich zu stärken und das heimische Wachstum auszubauen, braucht es neue Märkte. Die Elektromobilität bietet dafür besonders große Chancen. Wir können unsere Vorreiterrolle beim Umweltschutz ausbauen und gleichzeitig auch neue Arbeitsplätze schaffen.“

Gemeinsam mit dem Wirtschafts-, dem Umwelt- sowie dem Sozialminis­terium ist daher auch das Verkehrsministerium daran interessiert, das Abkommen von Paris „mit Leben zu erfüllen“. Das im Mai 2016 erstellte Grünbuch für eine integrierte Energie- und Klimastrategie ist Grundlage eines noch laufenden umfassenden Dialogpro­zesses. Im Dezember werden die Ergebnisse der Konsultationen präsen­tiert, darauf aufbauend soll dann bis zum Frühjahr 2017 die Klima- und Energiestrategie Österreichs konkretisiert werden.

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