Affektheuristik (Teil 2): Bei Aktienkauf auf Mondphasen achten

Aktienrenditen an Vollmondtagen sind niedriger als zu Neumond – und zwar hochgerechnet um drei bis fünf Prozent pro Jahr!

Illustration: Markus Murlasits

Fast unglaublich, aber wissenschaftlich belegt: Aktienrenditen an Vollmondtagen sind niedriger als zu Neumond – und zwar hochgerechnet um drei bis fünf Prozent pro Jahr! Diesen Zusammenhang zwischen unserem kosmischen Nachbarn und Börsenrenditen bei Mondphasen haben die Wissenschaftler Yuan, Zheng und Zhu in einer Studie in 48 Ländern nachgewiesen. Doch welches Phänomen steckt hinter dieser Beobachtung?

Stimmung wirkt auf Risikobereitschaft

Vor einem Monat habe ich in meiner Kolumne über die Affektheuristik geschrieben. Gemäß diesem psychologischen Phänomen werden Entscheidungen und Urteile oft unbewusst emotional getroffen, noch bevor rationale Argumente berücksichtigt werden. Man entscheidet also aus dem Bauch heraus. Dieses Bauchgefühl hängt maßgeblich von der Stimmung ab – je besser, desto größer die Bereitschaft zum Risiko.
Die Stimmung wird wiederum von diversen Einflüssen geprägt, beispielsweise von der Winterdepression. Im Herbst und Winter leiden viele Menschen an Symptomen wie Traurigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten oder Schlafstörungen, ausgelöst durch ein geringeres Volumen an Tageslicht.

Dies beeinflusst auch die Finanzmärkte: In den Frühlings- und Sommermonaten ist es in den wichtigsten Finanzzentren, nämlich in Europa und den USA, länger hell, daher wird mehr Tageslicht konsumiert. Das hebt die Gemütslage und wirkt sich auf die Risikobereitschaft aus. In Folge steigen die Aktienkurse tendenziell. Im Herbst und Winter sieht das freilich genau umgekehrt aus. Saisonale Stimmungsschwankungen bewirken also, dass Aktien in der kalten Jahreszeit tendenziell billiger sind als im Sommer. Auch Vollmond führt zu einer schlechteren Stimmung, womit die Risikoaversion steigt und   – wie eingangs aufgezeigt – Aktien weniger stark nachgefragt werden.

Langfristig kann sich das Handeln nach dem Kalender also bezahlt machen. Denn das Phänomen der Affektheuristik erklärt auch zum Teil, warum sich die Börsenweisheit „Sell in May and go away, but remember to come back in November“ in der Praxis der Aktienmärkte langfristig im Durchschnitt als erfolgreich erwiesen hat. Auch wenn dieses Jahr, angesichts der Corona-Krise, möglicherweise ein Ausstieg im Mai nach dem Kurseinbruch und einer nur teilweisen Erholung nicht vorteilhaft erscheint.

Auf gutes Wetter bauen

Ähnliches lässt sich bei der Umstellung zwischen Sommer- und Winterzeit beobachten: So wirkt sich die temporäre Störung unserer inneren Uhr negativ auf die Stimmung aus, was wiederum Risikobereitschaft und Aktienkurse tendenziell sinken lässt. Die Forscher David Hirshleifer und Tyler Shumway haben auch einen möglichen Zusammenhang zwischen dem Wetter und der Kurs­entwicklung an 26 internationalen Aktienmärkten unter die Lupe genommen. Mitdem Ergebnis, dass Sonnenschein mit steigenden Börsenkursen einhergeht und schlechtes Wetter wiederum einen gegenteiligen Effekt hat.

Das alles kommt Ihnen unglaublich vor? Stimmt, klingt unglaublich! Aber bedenken Sie: All diese Phänomene sind wissenschaftlich belegt. Außerdem: Wären diese Zusammenhänge von der Mehrheit akzeptiert, würden alle Investoren die Einflüsse der Stimmung kennen und danach handeln. Dann wären sie schon im Vorfeld in die Kurse eingepreist und man könnte diese Effekte weder beobachten noch von ihnen profitieren.

Tipps

Stimmungen wirken sich stark auf unser tägliches Handeln aus. Nur selten ist das von Vorteil. Blenden Sie daher bei wichtigen Entscheidungen Ihre Gefühle möglichst aus und setzen Sie rationales Denken an erste Stelle. Wägen Sie ganz bewusst Für und Wider ab und halten Sie Ihre Argumente schriftlich fest. Auch empfehle ich, dieselbe Entscheidung an einem anderen Tag oder in einer anderen Stimmung erneut und unabhängig vom bereits gefällten Votum zu treffen.

Achten Sie dabei unbedingt darauf, nicht automatisch wieder in dasselbe Denkmuster zu verfallen! Überprüfen Sie schließlich, ob sich Ihre Entscheidungen decken.

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