Affektheuristik: Warum Sport­ergebnisse Aktienkurse beeinflussen

„Kaufen Sie Aktien in einem Land nach Fußballniederlagen, wenn sie günstig sind, und werfen Sie diese nach ­Fußballsiegen auf den Markt.“

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Tagtäglich gilt es zig Entscheidungen zu fällen. So ist bereits mit dem Läuten des Weckers unser Votum gefragt: Schlummer-taste oder lieber gleich aufstehen? Noch bevor rationale Argumente die Entscheidungsgrundlage für unser Handeln bilden, erfolgt eine unbewusste emotionale Evaluierung. Sprich: Man entscheidet aus dem Bauch heraus. Dieses (Bauch-)Gefühl ist maßgeblich von der Stimmung abhängig. Das sogenannte „Affect Infusion Model“ zeigt, wie Stimmungen Urteile beeinflussen. Demnach werden Gefühlszustände oft als Heuristik herangezogen. Steht eine Entscheidung an, horcht man also zuerst auf seine innere Stimme. Ergo bedeutet: „Ich habe mich für X entschieden.“ oft nichts anderes als „Ich habe X bevorzugt.“

Darüber hinaus werden Inhalte, die zur aktuellen Gefühlslage passen, stärker wahrgenommen. Insofern fördern positive Gefühle positive Gedanken und umgekehrt. Kurz: Gefühle spielen bei der Entscheidungsfindung eine tragende Rolle. Dieses Phänomen nennt man in der Psychologie Affektheuristik.

Vom Eistee zur Blockchain

Auch die Bewertung von Aktien läuft nicht ohne Gefühlseinwirkung ab. So war der Markt im Jahr 2017 aufgrund des Bitcoin-Hypes äußerst positiv gegenüber der Blockchain-Technologie gestimmt. Das amerikanische Getränkeunternehmen Long Island Iced Tea nutzte diesen Trend. Es sprang auf die Blockchain-Welle auf, indem es seinen Firmennamen in Long Blockchain umbenannte – und landete einen bemerkenswerten Coup: Die Aktie des Unternehmens stieg daraufhin binnen kürzes­ter Zeit um fast 300 Prozent an! Offensichtlich reichte lediglich eine Namensänderung, um massive Zukäufe auszulösen.

Vergleichbares konnte man bereits rund zwei Jahrzehnte zuvor beim Dot.com-Boom beobachten: Hier erzeugten Unternehmen allein durch den Namenszusatz „.com“ zusätzliche Aktienrenditen von durchschnittlich 74 Prozent binnen zehn Tagen. Das Platzen der Dot.com-Blase drehte den Spieß um: Nun erzielten all jene Unternehmen massive Kursgewinne, die das „.com“ wieder aus ihrem Namen strichen.

Sportergebnisse beeinflussen Aktienkurse

Ähnlich verhält es sich mit der Risikobereitschaft. Hier gilt der Zusammenhang: Je besser die Stimmung, desto optimistischer die Sicht der Dinge und desto eher ist man bereit ein Risiko einzugehen. Umgekehrt trübte die
Corona-Krise aufgrund der Sorge vor einer Infektion und der das alltägliche Leben einschränkenden Maßnahmen zur Viruseindämmung die Stimmung der Menschen. Folglich stieg die Risikoaversion. Das zeigte sich, neben den in vielen Ländern getätigten Hamsterkäufen und steigenden Verkaufszahlen von Waffen in den USA, auch in einem massiven Rückgang der Aktienkurse an den internationalen Börsen. So verstärkte die Affektheuristik die fundamentalen Effekte aus der Verschlechterung der Wirtschaftsdaten.

Ebenso ist ein starker Einfluss von Sportergebnissen auf Aktienkurse belegt. Ein Sieg im Sport hebt die Stimmung im Land, was sich auf die Risikofreude auswirkt und den Kapitalmarkt belebt. In Folge steigen die Aktienkurse. Bei Niederlagen sieht das freilich genau umgekehrt aus. So sind nach einem verlorenen Fußball-Match oder dem Ausscheiden aus einem Turnier die Aktienkurse im betreffenden Land signifikant geringer. Zum Beispiel analysierte der Wissenschaftler Bert Scholtens 1.274 Spiele von acht Teams in den nationalen Ligen und in europäischen Bewerben. Mit dem Ergebnis, dass die Aktienmärkte kongruent zu Sieg und Niederlage beim Fußball reagierten. Dabei war die Kursreaktion bei Spielen auf europäischer Ebene stärker als in den nationalen Ligen. Außerdem lieferten – auf europäischer Ebene – unerwartete Ergebnisse einen stärkeren Effekt als erwartete.

Tipps

Nachdem Gefühle oft kein guter Ratgeber sind, empfehle ich Ihnen bei Anlageentscheidungen, Ihre Emotionen und Gefühle möglichst auszublenden. Stattdessen sollten objektive Kriterien die Grundlage für Entscheidungen bilden. Besonders offensive Anleger können auch noch versuchen, aus dem Einfluss von Sportergebnissen auf die Aktienkurse Kapital zu schlagen. Die entsprechende Strategie wäre: Kaufen Sie Aktien in einem Land nach Fußball­niederlagen, wenn sie günstig sind, und werfen Sie diese nach Fußballsiegen auf den Markt.

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