Airbag für Ihr Portfolio

Chancen nützen – Risken begrenzen! So sichern Sie Ihre Investments ab!

 

(Foto: PhonlamaiPhoto – GettyImages.com)

Der sogenannte Corona-Crash im Frühjahr dieses Jahres hat Anlegern wieder einmal in Erinnerung gerufen, wie steil es an den Aktienmärkten talwärts gehen kann. Wer da ungebremst  in den „Börsengraben“ gekracht ist, musste miterleben wie die Kurse innerhalb weniger Tage und Wochen in die Tiefe purzelten. Viele Anleger, die im Tief die Nerven verloren und verkauften, mussten Kursverluste von 30, 40 oder mehr Prozent hinnehmen.

Wäre es in einer derartigen Situation nicht toll, wenn man eine Art Versicherung gegen Kursverluste hätte, die den Schaden ausgleicht? Oder eine Funktion, mit der die Aktien automatisch verkauft werden, bevor großer Schaden entsteht? Ja, diese Möglichkeiten gibt es tatsächlich! Aber in der Praxis gestaltet sich die Absicherung oftmals deutlich schwieriger als angenommen. Und in einigen Fällen macht eine Absicherung auch gar keinen Sinn. Wie man als Privatanleger Absicherungen in der Praxis sinnvoll einsetzt und welche Schikanen  man meiden sollte, beschreibt TOP-GEWINN.

Risiko streuen hilft

Auch auf die Gefahr hin, dass sich manch ein Leser dabei an die ewig gleichen Corona-Ratschläge zu Mund-Nasen-Schutz, Abstand und Händewaschen erinnert fühlt, sollte hier noch einmal betont werden: Risikostreuung funktioniert! „Idealerweise kommt man als Anleger gar nicht in die Situation, einzelne Positionen oder das gesamte Portfolio absichern zu müssen. Wenn man breit diversifiziert in Unternehmen mit soliden Geschäftsmodellen investiert, entschärft das vorweg schon einen gewissen Teil des Risikos“, rät Erich Stadlberger, Leiter des Private Banking bei der Oberbank. Und wer nicht nur in Aktien investiert, sondern auch noch weniger riskante Wertanlagen ins Depot hinzufügt, könne damit laut Ernst Huber, Chef der Dadat Bank,  gut das Gesamtrisiko des Depots steuern. Ein einfaches Rechenbeispiel verdeutlicht den banalen, aber effektiven Zusammenhang: Bei einem Aktienanteil von 60 Prozent und 40 Prozent Cash reduziert sich der Gesamtschaden für das Depot bei einem Einbruch der Börsenkurse von 30 Prozent auf 18 Prozent.

Florian Helmberger, Leiter der Kundencenter und Weiterbildung der Hellobank in Österreich, findet, dass „bei Anlegern mit einem langen Anlagehorizont und einer klassischen Buy-and-Hold-Strategie Absicherungen möglicherweise keinen Sinn machen. Die Börsen haben sich bisher nach jedem Crash wieder erholt, auch wenn es oft lange Zeit gedauert hat“.

Cash statt Staatsanleihen

Doch welche anderen Anlageklassen kann man in Zeiten von Negativzinsen überhaupt noch ins Depot holen? „Wir setzen in der Vermögensverwaltung keine Staatsanleihen der Industriestaaten mehr ein. Besser ist es etwa, einen höheren Cash-Bestand zu halten, als negativ verzinste Anleihen zu kaufen. Wir weichen auch lieber auf Unternehmensanleihen guter Bonität aus, als bei Staatsanleihen auf der Suche nach den letzten positiven Renditen immer größere Risken einzugehen. Auch ein Hedging über einen Goldanteil von zehn bis maximal 15 Prozent hat heuer gut funktioniert“, berichtet Stadlberger aus der Praxis.

Häufig ist auch zu lesen, dass Anleger auf Krisenwährungen  setzen sollten. Davon hält der Private Banker wenig: „Die Vergangenheit hat gezeigt, dass häufig vermeintliche Krisenwährungen ihre Funktion nicht erfüllt haben. Man hat aber mit einem international diversifizierten Aktienportfolio ohnehin einen gewissen Anteil an Fremdwährungen im Depot, die für ausreichende Währungsdiversifikation sorgen.“

Arten der Absicherung

„Grundsätzlich sollte man in einem Wertpapierportfolio durch eine breite Streuung auf verschiedene Anlageklassen und Regionen für eine gewisse Stabilität sorgen“, meint auch Markus Kaller, Anlageexperte der Erste Bank. Aber „wenn man darüber hinaus noch einzelne Aktienpositionen absichern möchte, ergeben sich für Privatanleger in der Praxis noch folgende Möglichkeiten: Einerseits können Privatanleger Aktien durch gewisse Orderarten wie etwa Stopp-Loss automatisch bei Erreichen einer gewissen Kursschwelle automatisch verkaufen. Andererseits kann man auch mit Turbo-Zertifikaten oder Optionsscheinen, die von fallenden Kursen des Basiswerts profitieren, eventuelle Kursverluste einer Aktie ausgleichen.“

Aus Sicht von Helmberger war dieses Jahr jedenfalls „ein perfektes Beispiel, wie man mit Stop-Loss-Orders sein Portfolio absichern kann. Wer im Jänner oder Februar sein Gesamtportfolio etwa 20 Prozent unter dem Kurs abgesichert hatte, konnte damit die deutlich stärkeren Verluste im Corona-Crash vermeiden“. Doch wie so oft steckt hier der Teufel im Detail, wie Helmberger aus Erfahrung weiß: „Das richtige Stop setzen ist jedenfalls eine Kunst für sich. Ich habe zahlreiche Schulungen für Online-Trading abgehalten und dabei festgestellt, dass viele Anleger die Stop-Loss-Order nicht einsetzen, da sie den Orderzusatz gar nicht kennen bzw. die Funktionsweise nicht verstehen. Wenn man die Stop-Loss-Order zum Beispiel stur immer 20 Prozent unter dem Kaufkurs ansetzt, kann das etwa für eine stabilere Aktie gut passen, aber etwa bei schwankungsintensiveren Technologieaktien dazu führen, dass man vorzeitig ausgestoppt wird.“

Aus diesem Grund rät er dazu, keinen fixen Wert für alle Stop-Loss-Order zu verwenden, sondern sie immer an die Schwankungsbreite der jeweiligen Aktie anzupassen. Dabei sind aus seiner Sicht Grundkenntnisse der Charttechnik jedenfalls von Vorteil.

Achtung vor Kurssprüngen

Auch Christian Ratz, der Leiter des Treasury der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich, rät dazu, bei der Erteilung einer Stop-Loss-Orders gut aufzupassen: „Ich erinnere dabei etwa an den abrupten Absturz des Euro zum Schweizer Franken vor fünf Jahren, als der Euro in kurzer Zeit um 30 Prozent einbrach, weil die Schweizer Nationalbank den Mindestkurs von 1,20 Franken je Euro aufgegeben hatte. Da mussten viele, die sich gegen einen fallenden Euro mittels Stop-Loss abgesichert hatten, miterleben, wie ihre Order weit unter den Stop-Kursen ausgeführt wurden, weil die Wechselkurse so abrupt eingebrochen sind.“

Darüber hinaus ist es laut Helmberger mindestens so wichtig, was man nach einer erfolgreich platzierten und ausgeführten Stop-Loss-Orders macht: „Entscheidend dabei ist es, den folgenden Anstieg nicht zu verpassen.“ Anleger sollten daher am besten schon vor dem Setzen des Stop-Loss definieren, bei welchem Niveau sie danach wieder einsteigen. Und Ernst Huber weist darauf hin, „dass Stop-Loss-Order nicht nur für Aktien, sondern auch für ETFs verfügbar sind, die ja an der Börse gehandelt werden. Damit kann man auch bei ETFs eine aktive Verlustbegrenzung betreiben“.

Trailing-Stop-Loss

„Um von einem möglichen Kursanstieg einer Aktie zu profitieren und sich gleichzeitig gegen stärkere Rückschläge abzusichern, können sogenannte Trailing-Stop-Loss-Orders gut geeignet sein, weil hier das Stop-Loss-Limit entsprechend der Kursentwicklung mitgezogen wird“, meint Kristian Volaric, Anlageexperte beim Online-Broker Flatex. Das sei vor allem für Anleger praktisch, die nicht ständig die Märkte beobachten oder möglicherweise nicht immer gleich reagieren können.

Doch im Unterschied zu den klassischen Stop-Loss-Orders werden Trailing-Stop-Loss nur von wenigen Banken bzw. Handelsplätzen angeboten. „Wir bieten bei der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich keine Trailing-Stop-Loss-Order an, weil diese Order von den Börsen sehr uneinheitlich gehandhabt werden. Manche Handelsplätze haben es im Angebot, andere wiederum nicht. Das kann bei den Kunden für Verwirrung sorgen“, meint dazu Ratz. Grundsätzlich hängt die Verfügbarkeit gewisser Orderarten an der Börse nicht nur vom Broker bzw. von der Bank, sondern auch vom jeweiligen Handelsplatz ab.

In der Bawag P.S.K. (samt Marke Easybank) können Wertpapierkunden (ausschließlich im „beratungsfreien Geschäft“) jedenfalls an verschiedenen Handelsplätzen eine Stop-Loss-Order platzieren. „Zusätzlich haben die Kunden die Möglichkeit, sich mit Optionsscheinen und strukturierten Zertifikaten selbst eine Absicherungsstrategie für ihr Portfolio zusammenzustellen“, so eine Sprecherin der Bawag Group.

Optionsscheine als  Absicherung

Neben den genannten Order-Arten stellen auch Derivate wie etwa Optionsscheine oder Hebelzertifikate eine Möglichkeit zur Absicherung von Einzelpositionen oder auch ganzen Portfolios dar.

Dabei sind aus Sicht von Sebastian Bleser, Produktexperte bei UniCredit Onemarkets, Put-Optionsscheine „die klassischste Variante zur Absicherung. Mit dem Kauf eines Put-Optionsscheins ist man bei fallenden Kursen abgesichert, kann aber im Fall steigender Kurse weiter profitieren“.

Auch hier steckt der Teufel  im Detail: Zunächst muss man die Frage beanworten, mit welchem Produkt das eigene Portfolio am besten abgedeckt ist, falls man das gesamte Depot absichern möchte. Für Anleger, die überwiegend Einzelwerte aus dem deutschen Aktienmarkt halten, scheint demnach ein Put-Optionsschein auf den DAX geeignet, um einen möglichen Kursverfall der Aktien durch den Wertanstieg des Put-Optionsscheines auszugleichen. Bei breiter diversifizierten Depots kann man versuchen, mittels mehrerer Put-Optionen eine bessere Absicherung zu erreichen. Die Auswahl der Laufzeit sollte sich primär danach orientieren, wie lang man eine Position absichern möchte. Eine zu kurze Laufzeit sollte man dabei nicht wählen, weil der Zeitwert von Optionsscheinen gegen Ende der Laufzeit überproportional abnimmt.

„Dabei muss man aber beachten, dass der Wert dieser Optionsscheine auch von der Volatilität abhängt. Und diese steigt in der Regel dann stärker an, wenn die Märkte stark fallen. Somit ist eine Absicherung mittels Optionsscheinen dann am günstigsten, so lange sich die Märkte noch ruhig entwickeln. Man versichert ja sein Haus auch gegen Feuer, bevor es zu brennen beginnt“, erklärt Helmberger.

Hebelzertifikate und Futures

Alternativ zu Put-Optionsscheinen könnte man auch mit Short-Hebelzertifikaten auf fallende Kurse setzen und somit den Wertverfall ausgleichen. Doch diese auch „Knock-out“ genannten Zertifikate verfallen noch vor Ablauf der Laufzeit nahezu wertlos, falls der Basiswert die Knock-out-Schwelle berührt. Dadurch sind sie für eine Absicherung in der Praxis eher ungeeignet.

Aber auch Faktorzertifikate, die ohne Knock-out-Schwelle auskommen, sind aus Sicht von Helmberger nur für Daytrader, die innerhalb eines Tages kaufen und verkaufen, und nicht für eine Absicherung geeignet.
Für absolute Börsenprofis ­wäre es theoretisch auch möglich, mittels Futures, etwa auf den DAX, sein Aktienportfolio abzusichern. „Aber das wird angesichts der üblichen Kontraktgrößen die finanziellen Möglichkeiten der meisten Anleger übersteigen. Außerdem gilt bei Futures im Unterschied zu Optionen oder Zertifikaten eine Nachschuss- bzw. Besicherungspflicht“, berichtet Ratz aus der Praxis.

Hebelprodukte statt Direktinvestment

Eine weitere Möglichkeit, den Wert einer Aktienposition abzusichern, wäre es, ein Direktinvestment in eine Aktie zur Gänze oder in Teilen durch Zertifikate (temporär) zu ersetzen. „Für Anleger, die von einer Aktie überzeugt sind, die sich aber gegen mögliche Kursrückgänge absichern möchten, könnten zum Beispiel Cap- Anleihen mit Mindestrückzahlung geeignet sein. Damit ist man bis zum Cap am Kursanstieg einer Aktie nach oben hin beteiligt, gleichzeitig kann man durch die Mindestrückzahlung am Laufzeitende den maximalen Verlust deutlich einschränken“, erklärt Frank Weingarts, Produktexperte bei UniCredit Onemarkets. Als Beispiel nennt er eine Cap-Anleihe auf die Aktie der Allianz: Hier ist durch die Mindestrückzahlung von 85 Prozent der maximale Verlust am Laufzeitende auf 15 Prozent beschränkt. Gleichzeitig sind Anleger an einem Anstieg der Aktie beteiligt. Der maximale Ertrag ist aber auf 35 Prozent limitiert.

Auch mit Bonuszertifikaten  oder Protect-Aktienanleihen kann man an der Entwicklung von Aktien mit einem gewissen Sicherheitspuffer profitieren.

Achtung! Ist hier der eingebaute Sicherheitspuffer einmal aufgebraucht, sind dennoch hohe Verluste möglich.
Bleser nennt auch noch die Möglichkeit einer „Cash-Extraction-Strategie“: Anleger verkaufen eine Aktienposition, nehmen z. B. 90 Prozent des Verkaufserlöses raus und investieren die verbleibenden zehn Prozent in ein Hebelprodukt auf diese Aktie mit einem Hebel von zirka zehn. Dadurch hat man 90 Prozent des Geldes in Sicherheit gebracht, partizipiert aber durch das Hebelprodukt weiterhin an der Kursentwicklung der Aktie.

Aber auch hier gilt: Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen!

GEWINN verwendet Cookies um die Website möglichst benutzerfreundlich zu gestalten und Ihnen damit den bestmöglichen Service zu gewährleisten.
Wenn Sie fortfahren, stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu.