„Aktien bleiben attraktiv, auch wenn sie nicht mehr günstig sind“

Frank Engels, Leiter des Portfoliomanagements bei Union Investment, erwartet, dass sich die Wirtschaft in zwei, drei Jahren vom Corona-Schock erholt hat – falls die Impfung wie erwartet Anfang 2021 verfügbar ist.

Frank Engels, Union Investment „Die globale Konjunktur hat sich, sowohl hier in Europa und vor allem auch in den USA und in China, besser entwickelt, als es im Frühjahr erwartet wurde“ (Foto: Union Investment Privatfonds GmbH)

GEWINN: Corona hat die Wirtschaft schwer getroffen. Geht’s wieder bergauf?

Engels: Die globale Konjunktur hat sich, sowohl hier in Europa und vor allem auch in den USA und in China, besser entwickelt, als es im Frühjahr erwartet wurde. Die BIP-Prognosen für das Gesamtjahr 2020 sind zwar abgesehen von China noch immer tiefrot, wie etwa für die Euro-Zone mit minus 7,9 Prozent, für Deutschland mit minus 5,9, für die USA mit minus 4,6 Prozent. Aber das ist wie gesagt besser, als man es noch vor drei Monaten prognostiziert hätte.

GEWINN: Die wirtschaftliche Entwicklung läuft ja sehr unterschiedlich in den einzelnen Sektoren ab . . .

Engels: Ja, es gibt – je nach Betroffenheit durch die Pandemie – absolute Krisengewinner, dazu gehören die Bereiche Digitalisierung, IT oder Pharma. Und dann gibt es Branchen, die sehr stark betroffen sind wie Tourismus, Gast­ronomie oder Veranstaltungsunternehmen. Aber auch Banken gehören dazu, die unter den weiter gesunkenen Zinsen und Kreditausfallrisken leiden. Alles in allem werden wir zumindest im westlichen Teil der Welt die Vorkrisenniveaus daher erst wieder Ende 2022 oder Anfang 2023 erreichen. Das setzt aber voraus, dass ab dem Frühjahr 2021 tatsächlich auch ein wirksamer Impfstoff verfügbar ist. Sollte das wider
Erwarten nicht möglich sein, wird die Erholung auf Vorkrisenniveaus wohl noch länger dauern.

GEWINN: Werden wirtschaftliche Langzeitfolgen bleiben?

Engels: Es wird auch unabhängig von der Pandemie Strukturbrüche in der sektoralen Entwicklung der Wirtschaft geben. Der Trend hin zu Digitalisierung, der schon vor der Pandemie bestanden hatte, wird jetzt noch beschleunigt. Das wird auch nicht mehr zurückgehen. Es gibt auch ganze Branchen, die diese Krise nicht überleben werden. Kultur- und Eventmanager werden es etwa unheimlich schwer haben, weil sich möglicherweise das Verhalten der Konsumenten dauerhaft ändert.

GEWINN: Zentralbanken und Staaten pumpen weltweit Billionen in die Wirtschaft. Helfen diese Maßnahmen?

Engels: Die Konjunkturpakete der Regierungen und die Maßnahmen der Zentralbanken helfen kurzfristig ungemein. Temporär sind diese durchaus sinnvoll. Wenn das hingegen längerfristig passiert, führt das zu Verzerrungen in der realen Wirtschaft und auf dem Finanzmarkt. Auch die stark gestiegenen Schuldenstände sind schon mit einem kritischen Auge zu sehen, weil kommende Generationen diese Schulden ja bedienen müssen und hierzu auf ein robustes Wirtschaftswachstum angewiesen sind.

GEWINN: Mittel- bis längerfristig fürchten viele unerwünschte Nebenwirkungen dieser expansiven Geld- und Fiskalpolitik.

Engels: Ein unerwünschter Nebeneffekt kann Inflation sein. Hier muss man aber differenzieren: Inflation wird ja normalerweise an den Verbraucherpreisindizes gemessen. Aber wenn man den Begriff weiter fasst, fällt ja auch die Preissteigerung bei Wertanlagen wie etwa Immobilien oder Aktien darunter. Und hier zeigt sich, dass die Inflation schon ihren Weg gefunden hat. Die Immobilienpreise, die stark gestiegen sind und immer noch weiter steigen, Gold war noch nie so teuer wie heute, auch die Aktienbewertungen sind angesichts der konjunkturellen Lage ambitioniert.

GEWINN: Was bedeuten die genannten Entwicklungen für die Aktienmärkte?

Engels: Aktien bleiben kurz- bis mittelfristig relativ zu anderen Anlageklassen weiterhin attraktiv, auch wenn sie im historischen Vergleich derzeit nicht mehr günstig bewertet sind. Zum einen wegen der lockeren Geldpolitik. So hat etwa die US-Notenbank angekündigt bis mindes­tens Ende 2023 die Zinsen weiterhin niedrig zu halten. Längerfristig hängt die Attraktivität der Aktien stark von der Geldpolitik der Zent­ralbanken ab. Diesbezüglich ist es aber noch zu früh, um ein Urteil zu fällen.

GEWINN: Manche Märkte und Sektoren wie etwa im Technologiebereich haben sich fast schon wieder erholt, andere hängen noch ordentlich in den Seilen. Wo sehen Sie das Potenzial, diesen Rückstand in absehbarer Zeit wieder aufzuholen?

Engels: Die Gewinnerbranchen an der Börse sind eher jene, die das Zuhause beliefern, wie etwa Online-Shopping-Anbieter. Und auch die gesamte Pharma-Branche. Auf der anderen Seite sehen wir eine schlechte Aktienmarktentwicklung bei sehr zyk­lischen Sektoren, die stark von den Einschränkungen durch die Pandemie betroffen sind. Diese Aktien sind derzeit günstig bewertet. Wie zum Beispiel im Bereich Schifffahrt oder Tourismus. Sobald jedoch ein glaubhaft wirksamer und sicherer Impfstoff vorliegt, würde bei diesen Aktien sofort ein Umschwung einsetzen. Dann wird der Kapitalmarkt sehr schnell eine Erholung vorwegnehmen und etwa Tourismus oder Airline-Aktien dürften sofort in der Bewertung sehr stark ansteigen. Gleichzeitig würde ich vermuten, dass einzelne Impfstoffproduzenten dann eher im Kurs verfallen dürften. Die boomenden Online-Shopping-Unternehmen hingegen werden davon nicht betroffen sein, weil die Konsumenten das in der Krise als bequem und zuverlässig erkannt haben. Es wird damit auch Aktien geben, die aktuell hoch bewertet sind und auch hoch bewertet bleiben.

GEWINN: Besteht die Gefahr, dass die Krise auch den Finanzsektor „infiziert“?

Engels: Das glauben wir nicht, weil Banken heute als Folge der letzten Finanzkrise 2008 wesentlich besser kapitalisiert und damit besser gerüstet sind. Gerade die europäischen und amerikanischen Großbanken haben mittlerweile erhebliche Kreditvorsorgen für notleidende Kredite in ihren Bilanzen vorgesehen. Falls ein Impfstoff wie erwartet bald zur Verfügung steht, sollte das Ausfallrisiko in den Kreditbüchern überschaubar bleiben und somit kaum Spuren in den Bankbilanzen hinterlassen. Falls allerdings nächstes Jahr kein Impfstoff verfügbar ist, dann könnte es verstärkt zu Kreditausfällen kommen, wofür dann Banken weitere Kreditvorsorgen treffen müssten.

GEWINN: Sie verantworten bei Union Investment auch den Multi-Asset- bzw. Mischfonds-Bereich. Hat sich durch die Corona-Krise etwas an der langfristigen, strategischen Anlagestrategie geändert?

Engels: In Europa wird durch die Corona-Krise das Niedrig- oder Negativzinsumfeld auf längere Zeit einzementiert. Das macht es zum einen notwendig, sich auch auf der Renten- und Zinsmarktseite nicht zu stark auf die Euro-Zone zu konzentrieren und die Portfolios stärker international danach auszurichten, wo eine höhere Verzinsung möglich ist. Und auf der Aktienseite legen wir jetzt auch bei Mischfonds stärkeres Gewicht auf die Auswahl von Einzeltiteln in aller Welt. Wir suchen uns dazu Trends, die sich auf bestimmte Regionen und Sektoren beziehen und Zusatzerträge liefern können.

GEWINN: Können Sie ein Beispiel dafür nennen?

Engels: Wir haben das Verhalten der chinesischen Konsumenten anhand der Umsätze am jährlich stattfindenden Singles Day, einem Tag mit umfangreichen Sonderangeboten für Alleinstehende, analysiert. Dabei haben wir festgestellt, dass von 2000 bis ins Jahr 2010 hauptsächlich westliche Markenprodukte nachgefragt wurden. Doch in den letzten zehn Jahren wurden immer stärker auch chinesische Markenprodukte gekauft. Und wir haben eine Aktienstrategie aufgesetzt, die von diesem Trend hin zu chinesischen Marken profitiert und allein heuer schon über 20 Prozent zugelegt hat.

GEWINN: Mit welchen Anlageklassen bringen Sie Stabilität in Portfolios?

Engels: Es gibt immer noch die sicheren Häfen, die ein Portfolio stabilisieren helfen, weil ihre Kurse im Krisenfall in der Regel steigen. Wie zum Beispiel deutsche Bundesanleihen, japanische Staatsanleihen oder US-Treasuries. Auf der Währungsseite zählen historisch betrachtet der US-Dollar, der Schweizer Franken und der japanische Yen zu den sicheren Häfen. Auch Gold hat diese Funktion. Generell gehören Edelmetalle in ein diversifiziertes Portfolio, weil sie mit den Aktien- und Rentenmärkten relativ schwach korrelieren und so in unsicheren Zeiten dabei helfen, das Portfolio zu stabilisieren.

GEWINN: Sie haben unlängst einen Mitarbeiter wegen Insiderhandel freigestellt. Was wird ihm konkret vorgeworfen? Kamen dadurch Kunden von Union Investment zu Schaden?

Engels: Ja, wir haben einen Mitarbeiter freigestellt, weil gegen ihn der Vorwurf erhoben wird, dass er auf privaten Depots außerhalb der Systeme unseres Unternehmens verbotene Insidergeschäfte getätigt habe. Die Mitarbeiter im Portfoliomanagement sind vertraglich verpflichtet, private Wertpapierdepots beim Arbeitgeber zu melden. Das hat er in dem Fall nicht gemacht. Daher konnten wir das auch nicht überprüfen. Aber weder Kunden noch die Sondervermögen von Union Investment sind auf Basis der uns aktuell vorliegenden Erkenntnisse geschädigt worden.

Zur Person

Dr. Frank Engels ist seit 2014 Mitglied der Geschäftsführung von Union Investment und leitet dort seit 2018 das Portfoliomanagement mit mehr als 250 Mitarbeitern und rund 250 Milliarden verwalteter Kundengelder. Gleichzeitig verantwortet er den Bereich Multi Asset, dessen Leitung er im Januar 2017 übernahm.

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