„Aktien halten viel mehr an Krisen durch, als man glaubt!“

Für Hendrik Leber, Gründer und Chef von Acatis Investments, führt kein Weg an Aktien vorbei, obwohl er aufgrund steigender Verschuldung in ein paar Jahren einen großen Crash erwartet.

Foto: Bigshot/Marija-M. Kanižaj

GEWINN: Ihre Investmentstrategie ist ja eher langfristig ausgerichtet und nicht so stark von tagesaktuellen Ereignissen abhängig. Welche Entwicklungen haben Ihrer Meinung nach auf lange Sicht den größten Einfluss auf die Märkte?
Leber: Da sind zum einen neue Bruchlinien, die sich rund um den Globus spannen. Wir hatten 50 Jahre einen Trend hin zu großen Einheiten, internationalen Organisationen, die Regeln aufstellen, die für alle verbindlich sind. Das bricht jetzt mit dem Brexit auseinander, auch der Handelsstreit zwischen den USA und China ist ein Indiz dafür. Wenn Trump etwa US-Firmen untersagt, Technologie an die chinesische Huawei zu liefern. Das ist ein Vertrauensbruch. Die Chinesen werden alles dafür tun, um nie mehr von Technologien aus dem Ausland abhängig zu sein. Damit ist die weltweite Arbeitsteilung, wie wir sie in den letzten Jahrzehnten erlebt haben, vorbei.

GEWINN: Sie haben im letzten ­GEWINN-Interview auch Zinsen als wesentlichen Faktor genannt.
Leber: Ja, mein zweiter Punkt wäre die Niedrigzinspolitik und damit die massiv steigende Verschuldung. Die wird ja verniedlicht, etwa durch die Modern Monetary Theory. Als ob es eine Theorie gäbe, die das rechtfertigen kann. Wenn man Schulden aufnimmt mit der Absicht, diese nicht zurückzuzahlen, wird irgendjemand enttäuscht werden. Die Frage ist nur, wer . . . Das werden etwa Rentner sein, die in ihrem Versicherungsdepot Schuldscheine haben, die nicht bedient werden, und daher weniger Rente bekommen. Die Entschuldung der Welt wird wahrscheinlich mit einem riesigen Knall enden, der einen ganz großen Teil der Bevölkerung enttäuschen wird.

GEWINN: Aus Sicht der Unternehmen sind niedrige Zinsen vorteilhaft, oder?
Leber: Die Nullzinspolitik verführt die Firmen dazu, Unsinn zu machen, weil sie das billige Geld nicht immer für die Ausweitung ihrer Geschäfte nützen können. Das führt zu umfangreichen Aktienrückkaufprogrammen, bei denen die Unternehmen ihre eigenen Aktien zurückkaufen. Damit sind die Unternehmen selbst derzeit die größten Investoren auf dem Aktienmarkt. Wenn sich die Zinsen für das Fremdkapital von ein auf zwei Prozent verdoppeln sollten, könnte das für viele Firmen dann sehr eng werden. Das müsste in den nächsten Jahren kommen. Wir haben lange keine großen Firmenpleiten mehr erlebt. Die haben einen Zyklus praktisch ausgelassen und sind überfällig. Aber bis 2025 wird das Niedrigzinsregime noch bleiben, die Verschuldung wird weiter zunehmen, was in Summe zu weiterhin steigenden Kursen führen wird. Allerdings mit Störungen auf dem Weg dahin, die nächs­ten zwei, drei Jahre werden sicherlich nicht einfach.

GEWINN: Welche Rolle spielt Techno­logie?
Leber: Durch das unglaubliche Tempo der technologischen Entwicklung ist praktische jede Firma auf der Welt in irgendeiner Weise betroffen. Das hatten wir nie zuvor in der Menschheitsgeschichte. Damit werden etwa die Lebenszyk­len der Produkte kürzer.

GEWINN: Wenn man diese drei Entwicklungen zu Ende denkt, dann ergibt sich daraus ja ein sehr problematisches Umfeld aus Sicht eines langfristig orien­tierten Investors. Das wird doch zu einem Crash führen müssen?
Leber: Ja, aber Aktien halten viel mehr an Krisen durch, als man glaubt. Das hat man etwa im Zweiten Weltkrieg gesehen. Man denkt immer, die Staaten wären stabiler als Unternehmen. Aber das stimmt nicht. Daher bin ich überzeugt, wenn man die richtigen Firmen herauspickt, kommt man durch alle Krisen hindurch.

GEWINN: Also besser sich an einem Unternehmen zu beteiligen, als einem Staat Geld leihen?
Leber: Ja, ganz klar.

GEWINN: Niedrige Zinsen, hohe Bewertungen. Das ist doch ein schwieriges Umfeld für Sie als Value-Investor . . .
Leber:  Das ist ein Vorurteil, dass Value rein als Investieren nach Kennziffern in die Konsumgüterindustrie falsch verstanden wird. Es geht bei Value für mich nur darum, einen zukünftigen Cashflow zu antizipieren. Die Nestlés dieser Welt haben ein Umsatzwachstum von zwei Prozent, während Unternehmen wie Alphabet um zehn bis 15 Prozent pro Jahr wachsen und hohes Cashflow-Wachstum haben, dann ist das für mich genauso Value.

GEWINN: Können Sie konkrete Unternehmen nennen, die aus Ihrer Sicht ein gutes Investment sind?
Leber: Wir haben zum Beispiel im letzten Dezember Aktien von HP  gekauft.  Die haben ein sehr stabiles Geschäft mit Druckern und Tonern und quasi kostenlos bekommt man noch das 3D-Druckergeschäft obendrauf, was in den Fabriken der Zukunft eingesetzt wird. Die sind in diesem Bereich Weltmarktführer und hatten damals ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von zehn. Neulich haben wir auch Anteile an der Firma Genmab gekauft. Das ist eine dänische Biotechfirma, die ein neues Medikament gegen Blutkrebs hat, das hochprofitabel ist und in einem großen Tempo wächst. Da kann man ein hohes Kurs-GewinnVerhältnis einfach rechtfertigen, denn wir sehen, wie der Umsatz steigt.

GEWINN: Sie setzen ja auch künstliche Intelligenz beim Fondsmanagement ein.
Leber: Die erste praktische Anwendung von KI bei Acatis erfolgte im bestehenden Fonds Acatis Global Value Total Return. Hier trifft die Maschine basierend auf Kennzahlen eine Auswahl an Aktien , die dann noch von Menschen kontrolliert wird. 2017 haben wir dann zwei weltweit in Einzeltitel investierende Aktienfonds aufgelegt, deren Aktienauswahl und Portfoliozusammensetzung einzig durch ein selbstlernendes Deep-Learning-Modell erfolgen.

GEWINN: Werden in Zukunft Roboter unser Geld verwalten?
Leber: Ja, im Moment ist es noch sehr viel Datenaufräumerei, aber ähnlich wie das Autofahren selbstfahrend funktioniert, wird auch das Asset-Management irgendwann einmal selbstfahrend.

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