"An den Aktienmärkten könnten die "wilden" 20er-Jahre beginnen“

In Phasen sehr niedriger Zinsen könnten die Aktien laut Börsenexperten Erich Pitak unter Schwankungen deutlich weiter steigen.

Erich Pitak, Gerichtssachverständiger für Bank- und Börsenwesen (Foto: jimmidee-production/A. Zechmeister)

GEWINN: 2019 haben die meisten Aktienmärkte die Verluste aus 2018 mit kräftigen Zugewinnen überkompensiert. Kann dieser Aufschwung noch anhalten? Abgesehen von niedrigen Zinsen gibt es derzeit ja von konjunktureller Seite und aus geopolitischer Sicht eher hemmende Faktoren für die Märkte.

Pitak: Stimmt, aber gerade die niedrigen Zinsen sind ganz entscheidend für die relative Attraktivität von Aktien. Der Handelskonflikt USA gegen China darf natürlich nicht eskalieren und in eine Rezession münden. Ein derartiges Restrisiko, wie auch von anderen Katastrophen, besteht immer. Mein Hauptszenario ist aber allenfalls eine leichte Konjunkturabschwächung. Da sind dann Aktien der „Einäugige unter den Blinden“, weniger überbewertet als mitteleuropäische Staatsanleihen.

GEWINN: Vor einem Jahr haben Sie hier bei düsterer Börsenlage neue Höchststände für 2019/2020 angekündigt.

Pitak: Die US-Indizes haben es 2019 geschafft, beim DAX sollte es dieses Jahr gelingen. Generell könnten an den Aktienmärkten die „wilden 20er-Jahre“ beginnen. Vielleicht nicht ganz so wild wie im letzten Jahrhundert, aber bei internationalen Aktien im Durchschnitt mindestens vier Prozent Kursgewinn plus zwei Prozent Dividende im Jahr. Aber Vorsicht: ein Riese und ein Zwerg haben im Mittelwert Normalgröße, und auch Aktienjahre mit plus 28 Prozent und minus 20 Prozent ergeben im Mittel ein Plus von vier Prozent. Mit guten Anleihen können Sie von solchen Renditen nur träumen. Wem das zu wenig Prämie für das kurzfristige Aktienrisiko ist – der hat Pech: risikolose, positive Renditen nach Abzug der Inflation wird es in den kommenden Jahren nicht geben. Mit Staatsanleihen werden Sie bei zwei Prozent Inflation schleichend ent-
eignet.

GEWINN: Der Handelskonflikt zwischen den USA und China könnte sich angesichts der Tatsache, dass Trump vor den Präsidentschaftswahlen 2020 einen Erfolg braucht, etwas entspannen. Aber besteht nicht die Gefahr, dass dieser Konflikt die Weltwirtschaft auf lange Sicht hemmt?

Pitak: Präsident Trump kann vor der Wahl eine Eskalation nicht brauchen. Reagiert die Börse auf neue Zölle nervös, wird hoffentlich auf die Peitsche gleich wieder Zu­ckerbrot folgen. Und sollte Trump wiedergewählt werden, erinnert er sich hoffentlich an seine Rede zur Lage der Nation: „Amerika wird niemals ein sozialistisches Land sein.“ Diese Ansage erscheint mir für langfristig steigende Aktienkurse entscheidender als etwaige Handelskonflikte. Der Kampf um die Vormachtstellung zwischen den USA und der früheren UdSSR hat zeitweise zu Turbulenzen geführt, aber den langfristigen Aktienkursanstieg auch nicht verhindert. Ja, d i e USA und China dürften sich getrennte Lieferketten aufbauen. Vielleicht stacheln sich die beiden Staaten dabei aber zu Höchstleistungen an. Wer schwankende Kurse verkraftet, kann da auf den Aktienmärkten möglicherweise ganz gut mitverdienen.

GEWINN: Kann man schon wieder Banken oder Autohersteller kaufen, die massiv unterbewertet sind? Oder sind sie aufgrund der gewaltigen Umbrüche in diesen Sektoren langfristig zu heikel?

Pitak: „Besser Hartz-IV-Empfänger als BMW-X4-Besitzer“, so scheint mitten in Europa die Jugend zu denken. Die wirtschaftskritische Einstellung einiger Lehrer und anderer Meinungsbildner dürfte Banken und Autoherstellern kaum helfen. Allerdings gibt es für Wagemutige tatsächlich in diesen Branchen einige Schnäppchen, die aber ­genaues Research erfordern. Wichtiger für den langfristigen Anlageerfolg ist es, in den breiten Aktienindizes durch spesengünstige Exchange Traded Funds (ETFs) überhaupt investiert zu sein, als bestimmte Sektoren zu „spielen“.

GEWINN: Das Zinsniveau im Euro-Raum scheint auf Jahre hinaus auf einem Tiefpunkt „eingefroren“ zu sein. Aufgrund der konjunkturellen Schwäche wird sich die EZB in naher Zukunft wohl kaum zu Zinsanhebungen veranlasst sehen. Ist es sinnvoll, im Anleihenteil des Portfolios auf andere Währungs- und Zinsräume auszuweichen?

Pitak: Nur mit europäischen Staatsanleihen sehr guter Bonität werden Sie „keinen Staat machen“ – renditeloses Risiko statt risikoloser Rendite. Bei steigender Risikobereitschaft werden diese „sicheren Häfen“ weniger nachgefragt und die Kurse wahrscheinlich etwas fallen. Sie können inflationsindexierte US-Staatsanleihen und Anleihen aus den Schwellenländern beimischen. Als Privatanleger aber nicht über einzelne Anleihen, sondern nur über Fonds.

GEWINN: Unternehmensanleihen bieten ja üblicherweise einen gewissen Zinsaufschlag für das höhere Risiko im Vergleich zu Staatsanleihen. Gibt es hier noch interessante Segmente?

Pitak: Wenn, dann nur über professionelle Fonds. Allerdings sind hier tatsächlich die Risikoaufschläge nur noch recht gering, vor allem bei Anleihen, die aus der „Investmentqualität“ in die Hochzinskategorie, auch als „Schrott“ bezeichnet, abrutschen können.

GEWINN: Angenommen man möchte mit einem 100-Prozent-Aktienportfolio sehr langfristig ein Vermögen aufbauen. Wie könnte eine passende, zukunftsfitte Allokation aussehen?

Pitak: Als Kerninvestment ist ein ETF auf den MSCI-All-Country-World-Index sinnvoll, damit investiert man in über 3.000 Aktien aus 49 Staaten mit einem Wertpapier. Wem die Gewichtung von 55 Prozent USA und nur 13 Prozent Emerging Markets zu wenig zukunftsfit erscheint, kann mit entsprechendem Risiko auch zusätzlich Schwellenländerfonds oder -ETFs beimischen. Damit das ganze Portfolio nicht zu „Growth“-lastig und damit zu riskant wird, am besten auch interessante „Value“-Werte wie österreichische Immobilienaktien beimischen. Ich bin selber in diese investiert und auf Hauptversammlungen anzutreffen, da ich mich dort auch für die Interessen der Kleinaktionäre zu Wort melde. 70 Prozent in einen All-Country-World-Index-ETF, zehn Prozent in einen Emerging-Markets-Fonds oder -ETF und 20 Prozent in österreichische Immobilienaktien halte ich für ein zukunftsfittes Aktienportfolio.

GEWINN: Gold als Beimischung? Wenn ja, wie viel?

Pitak: Gold auf jeden Fall beimischen. Sichere Aufbewahrung und Versicherung nicht vergessen! Das kostet ein bisschen – aber die Eigentümer von Staatsanleihen werden durch die Inflation auch scheibchenweise enteignet. Der Goldpreis schwankt zwar, längerfristig sollte aber die Kaufkraft erhalten werden. Ein Mix aus Sparbüchern (Einlagensicherungsgrenze beachten!) und Gold (ca. zehn Prozent) als sichere Komponente ist interessanter als renditelose Anleihen.

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