„Anleger bereit, für Garantieprodukte mehr als den gerechtfertigten Preis zu zahlen“

Prof. Stefan Palan von der Universität Graz hat in Experimenten bestätigt, was es laut Theorie eigentlich nicht geben dürfte: Risikoarme Wertpapiere werden meist zu teuer gehandelt.

Stefan Palan, Karl Frazenus Universität Graz, Institut für Banken und Finanzierung (Foto: Zlu Haller)

Gewinn: Sie ließen in einem Laborexperiment mehr als 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmer unter Einsatz echten Geldes in einem künstlichen Kapitalmarkt handeln. Zu welchem Ergebnis sind Sie dabei gekommen?

Palan: Wir haben damit bestätigt, was vorangegangene Studien schon vermuten ließen: Wertpapiere mit geringer oder keiner erwarteten Verlustwahrscheinlichkeit wurden in dem Experiment teurer gehandelt als vergleichbare Wertpapiere mit größerem Verlust­risiko – und das bei gleich hoher Standardabweichung der Renditen. Wenn Anleger Wertpapiere bewerten, achten sie offenbar in erster Linie auf die Verlustwahrscheinlichkeit. Die tatsächliche Höhe möglicher Gewinne oder Einbußen spielt nur eine untergeordnete Rolle. Das wiederum heißt, dass risikoarme Aktien meist überbewertet werden – was den gängigen Kapitalmarkttheorien widerspricht.

Gewinn: Wie wird das Risiko von Anlegern also wahrgenommen?

Palan: Unsere und andere Untersuchungen zeigen, dass das in der Praxis ganz anders geschieht, als es in der Theorie angenommen wird. So spielt die Standardabweichung bzw. Volatilität, die in jeder Beschreibung eines Finanzproduktes angegeben werden muss, für die Leute in den Untersuchungen keine Rolle. Als einzig relevant wird die Verlustwahrscheinlichkeit wahrgenommen.

Gewinn: Sollte es in einem Markt nicht zu einem Ausgleich kommen, wenn rationale Anleger diese Fehleinschätzung der anderen ausnutzen?

Palan: Ja, gängige Theorien gehen davon aus. Aber in unserem Experiment wurde die Fehleinschätzung Einzelner auch nicht durch andere Investoren ausgeglichen. ­Diese verzerrte Risikowahrnehmung betrifft da-
bei nicht nur private Anleger, sondern auch professionelle Fondsmanager, zum Nachteil der Endverbraucher. Auch die Größe der Gruppe bzw. des Marktes hat typischerweise keinen Einfluss auf das Ergebnis, lediglich auf die Schwankungsbreite der Ergebnisse.

Gewinn: Wie äußert sich das in der Praxis an den Finanzmärkten?

Palan: An den Aktienmärkten gar nicht so stark wie etwa bei den strukturierten Produkten. Heimische Anleger haben zum Beispiel eine besondere Vorliebe für Investmentprodukte mit Kapitalgarantie. Als Kunde muss man sich aber bewusst sein, dass diese Garantie etwas kostet. Unsere Ergebnisse legen nahe, dass Anleger bereit sind, für Garantieprodukte mehr als den gerechtfertigten Preis zu zahlen.

Gewinn: Somit geht die Risikoaufklärung bei Finanzgeschäften derzeit eigentlich am Ziel vorbei?

Palan: Ja, wir plädieren daher dafür, die Darstellungsformen von Risiko in den Kundenprospekten so zu gestalten, dass Privatanleger, die mit einem Investment verbundenen Risken möglichst gut einschätzen können. Auf jeden Fall sollte man auch auf das Ausmaß möglicher Verluste schauen. Das entfällt derzeit vollkommen. Mit einer gezielteren Risikoaufklärung würden Anleger rationaler handeln und am Ende auch gelassener reagieren, wenn es zwischendurch mal an den Börsen bergab geht. 

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