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Auf die Gewinner setzen!

Bei der Momentum-Strategie investiert man in die Sieger der letzten Zeit und kann damit auf lange Sicht den Gesamtmarkt schlagen.

Die Idee hinter der Momentum-Strategie lautet: „Investiere in die Gewinner und trenne dich von den Verlierern der jüngeren Börsenvergangenheit." (Foto: Maydaymayday – GettyImages.com)

„Investiere in die Gewinner und trenne dich von den Verlierern der jüngeren Börsenvergangenheit“ – so lässt sich in groben Zügen die Idee hinter der Momentum-Strategie umschreiben. Dass diese Strategie nicht nur bei Aktien, sondern auch anderen Veranlagungen wie Anleihen, Währungen oder Rohstoffen Anwendung findet, hat einen guten Grund: Zahlreiche Studien bestätigen, dass mit dem Ansatz über längere Zeiträume hinweg relativ robuste Mehrerträge erzielt werden können – ohne dass Anleger dafür zwangsläufig höhere Risken eingehen müssen.

Wie Josef Zechner, Professor für Finance and Investments an der WU Wien und Mitglied der Leitung des Spängler Iqam Research Center, erklärt, gehört Momentum zur Gruppe der wichtigsten Faktoren beziehungsweise zu den bedeutendsten wissenschaftlich belegten Phänomenen an den Aktienmärkten, die sich langfristig positiv auf die Performance von Aktien auswirken. Dazu kommen „Small Size“ (Fokus auf Unternehmen mit geringer Börsenkapitalisierung), „Value“ (Bevorzugung von günstig bewerteten Aktien) und „Quality“ (profitable Firmen mit hoher Bilanzqualität bringen Anlegern mehr).

Wieso funktioniert das?

Wieso funktioniert die Momentum-Strategie eigentlich? Laut Zechner gibt es dafür zwei Erklärungsansätze: „Die Anhänger des rationalen Ansatzes argumentieren, dass mit der Strategie Risken verbunden sind, die das Preismodell für Kapitalgüter (Anm.: CAPM) nicht richtig abbildet. Daraus ergeben sich auch höhere Renditeaussichten.“ Die Vertreter der Behavioral-Finance-Theorie würden dafür wiederum nicht rationales Verhalten beziehungsweise fehlerhafte Entscheidungen der Marktteilnehmer verantwortlich machen. „So kaufen beispielsweise Anleger aufgrund von übertriebenen Erwartungen weiter Aktien, die zuvor gut gelaufen sind“, erklärt Zechner.

„Momentum ist die an den Märkten beobachtbare Folge von Herdenverhalten“, bringt Teodoro Cocca, Leiter der Abteilung für Asset-Management der Johannes Kepler Universität Linz (JKU), das Phänomen in Verbindung mit Verhaltensanomalien, die die Behavioral-Finance-Theorie erklärt. Herdenverhalten sei ein sehr robuster Effekt, der etwa durch selektive Wahrnehmung ausgelöst werden könne. „Dabei filtert das menschliche Gehirn Informationen, bevor sie ein Individuum bewusst aufnimmt. Das bedeutet nichts anderes, als dass Informationen, die im Einklang mit der eigenen Meinung stehen, eher aufgenommen werden und vice versa“, so der Experte.

Große Verluste vermeiden

Momentum wird in verschiedenen Anlagestrategien, mit denen Investmentfonds und ETFs gemanagt werden, berücksichtigt. In den meisten Fällen fließt der Faktor als einer von mehreren ein. Produkte, die ausschließlich auf diesen Ansatz ausgerichtet sind, kommen dagegen eher selten vor. Eine wichtige Rolle spielt die Strategie etwa im Total-Return-Konzept von Arts Asset Management, das bei allen hauseigenen Mischfonds angewendet wird. Mit einem selbst entwickelten quantitativen Handelssystem wird ein Pool aus mehr als 10.000 Investmentfonds, ETFs und Aktien nach vorhandenen Trends durchsucht. „Im Falle von klar erkennbaren Aufwärts- und Abwärtsbewegungen werden automatische Kauf- und Verkaufsentscheidungen ausgelöst“, erklärt Arts-CEO Leo Willert.

„Das quantitative Handelssystem wurde mit einem klaren Ziel entwickelt: das Verlust­risiko in Korrekturphasen so weit wie möglich zu begrenzen“, so Willert. Zwar mache es durchaus Sinn, Aktien über sehr lange Zeiträume zu halten, dafür brauche man aber mitunter starke Nerven und viel Geduld. Der Hintergrund: die mit der „Buy and Hold“-Strategie eingefahrenen hohen Kursverluste können in der Regel nur nach vielen Jahren wieder aufgeholt werden. Als Beispiel verweist Willert auf den japanischen Nikkei-225-Index, der zwischen Ende 1989 und Anfang März 2009 um 82 Prozent einbrach. Dieser Verlust konnte bis zum heutigen Tag nicht vollständig wettgemacht werden. Das Total- Return-Konzept von Arts arbeitet hingegen mit einer marktabhängigen Aktienquotensteuerung und Stop-Loss-Systematik, die das Verlustpotenzial der Aktienmärkte reduzieren sollen. „In fallenden Märkten wird die Aktienquote schrittweise verringert“, so Willert. Bei allen Mischfonds kann sie theoretisch auf null heruntergefahren werden.

Letzten Monat auslassen

Bei Spängler Iqam wird beim Management der Aktienmandate und Investmentfonds auf den Momentum-Ansatz gesetzt. „Im Rahmen unserer Multi-Faktor-Strategie ist Momentum neben ,Value‘ und ,Quality‘ eine wichtige Säule“, so Zechner. Monatlich wird der Iqam-Sentiment-Index berechnet. In diesen fließen unter anderem die Entwicklung des Handelsvolumens, die implizite Marktvolatilität (sagt aus, wie teuer es ist, sich gegen Kursverluste abzusichern, Anm.) sowie Sentiment-Umfragedaten ein. „Nimmt der Index einen Wert von mehr als eins ein, so gilt der Markt als überhitzt und eine Korrektur könnte bevorstehen. Aus einem besonders niedrigen Sentiment kann wiederum geschlossen werden, dass die Marktteilnehmer zu pessimistisch sind und eine Erholung zu erwarten ist“, erklärt Zechner. In beiden Sentiment-Phasen sind Momentum-Strategien besonderen Risken ausgesetzt und sollten daher begrenzt eingesetzt werden.

„Bei Iqam schauen wir uns an, wie sich gut laufende Aktien in den vergangenen zwölf Monaten entwickelt haben, den vergangenen Monat berücksichtigen wir allerdings nicht. Der Hintergrund ist die sogenannte Short-Term-Reversal-Anomalie. Dieses Phänomen sagt aus, dass Aktien, die sich im vergangenen Monat (oder Woche) besonders gut entwickelt haben, im kommenden Monat (oder Woche) schlecht laufen können. Das lässt sich dadurch erklären, dass gute Aktien – weil in aller Munde – zu stark nachgefragt werden und daher auch zu teuer sind. Nach einem kurzen Zeitraum, der offensichtlich benötigt wird, um sich der Überreaktion bewusst zu werden, normalisiert sich dieses Phänomen wieder. Deshalb wird bei der Berechnung für den Momentum-Wert bei Iqam der letzte Monat nicht berücksichtigt.

Gut für späte Börsenphasen

Zu den derzeit gut nachgefragten Produkten beim ETF-Anbieter Blackrock gehört der rund eine Milliarde US-Dollar schwere iShares-Edge-MSCI-World-Momentum-Factor-ETF. Wie Bahram Sadighian, Leiter für ETF and Index Investments Austria and Eastern Europe, erklärt, wird dafür der MSCI-World-Index nach jenen Aktien mit der besten Performance über zwei Zeitfenster durchsucht und gekauft: sechs und zwölf Monate. Die Aktien mit der schlechtesten Wertentwicklung werden wiederum aus dem Portfolio, das aktuell 348 Titel umfasst, ausgeschlossen.

Die Performance von rund 21 Prozent seit Jahresbeginn kann sich jedenfalls sehen lassen. „Das liegt daran, dass derzeit die Preise vieler globaler Aktien klare Aufwärtstendenzen zeigen“, so Sadighian.

Die gute Performance kann aber auch einen weiteren Grund haben: Besonders das Ende von Rallys war in der Vergangenheit eine immer besonders gute Momentum-Phase. Willert hält es aber durchaus für möglich, dass sich die seit mehr als einem Jahrzehnt andauernde Börsen-Hausse – angesichts der neuerlichen Geldschwemme der EZB – noch eine Weile fortsetzen könnte. Darauf deuten auch die aktuell niedrigen Börsenschwankungen. „Negative Kursstürze waren nämlich in der Vergangenheit immer mit hoher Volatilität verbunden“, so der Experte.

Grenzen der Momentum-Strategie

Der Momentum-Ansatz hat aber auch seine Grenzen. Als Momentum-Trader hätte man beispielsweise Anfang 2009 jene Aktien gekauft, die davor am besten unterwegs waren. Im Krisenjahr 2008 waren das sehr defensive Aktien.

Auf der anderen Seite wurden die schlecht performenden Zykliker verkauft. In der daraufhin einsetzenden Erholungsphase erwies sich beides als falsch. „Es hat sich auch gezeigt, dass Aktien, die auf Basis dieser Strategie gekauft werden, in Phasen mit großem Stress an den Börsen ein hohes Markt-Beta aufweisen, was bedeutet, dass sie besonders sensibel auf starke Kursbewegungen reagieren“, so Zechner zu einem weiteren Nachteil. Mit dem regelmäßigen Rebalanzieren eines Portfolios sei aber auch ein relativ hohes Handelsvolumen verbunden. Nachsatz: „Das bedeutet letztlich auch höhere Transaktionskosten.“

Auch Willert räumt ein, dass es Phasen gibt in denen der Momentum-Ansatz besser und schlechter funktioniert. Daher empfiehlt er Anlegern auch nicht, ihr ganzes Geld in momentumgetriebene Strategien zu investieren. Ideal wäre ein Portfolioanteil von rund 15 bis 20 Prozent.

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