Auf zu neuen Kursgipfeln

Auch an der Schweizer Börse folgte auf ein enttäuschendes Jahr 2018 heuer eine fulminante Aufholjagd mit neuen Höchstständen. Haben die Schweizer ausreichend Luft für einen weiteren Kursanstieg?

Foto: rcaucino - GettyImages.com, , Bildbearbeitung: GEWINN

Die Schweizer Börse teilte in den letzten Monaten das Schicksal der meisten Aktienmärkte: Zunächst ging es 2018 monatelang bergab und nach einem katastrophalen Dezember startete ein wilder Gipfelsturm, der im April mit neuen his­torischen Höchstständen belohnt wurde.

Die Finanzhochburg zeichnet sich durch eine robuste Konjunktur aus, die ansässigen internationalen Konzerne weisen stabile Ertragslagen auf, und man hat zu den Problemherden wie dem Brexit, dem Handelsstreit zwischen China und den USA und der schwächelnden Wirtschaft in der EU eine gewisse Distanz.
Mit einem Anstieg um 12,5 Prozent im Leitindex der Schweizer Börse (Swiss- Market-Index, kurz SMI) im heurigen Jahr ist Zürich auch im zweistelligen Plus (siehe Grafik). Vom Dezember-Tief 2018 weg berechnet sind es sogar plus 18,3 Prozent. Wird jetzt auch in der Schweiz die Börsenluft immer dünner oder starten wir zu einer zweiten Aufwärtswelle?

Im Sog der Weltbörsen

Wie eingangs erwähnt, haben sich die Aktien der Eidgenossen in den letzten Monaten tandemartig zur Tendenz an den meisten Weltbörsen verhalten. Ein kleines Plus des Schweizer Frankens hat dabei das sehr gute Ergebnis jüngst noch aufgebessert, auf Zwölf-Monats-Sicht legte die Währung schrittweise und eher unauffällig sogar 4,6 Prozent zum Euro zu.

Obwohl die Schweiz neben Japan schon seit Jahrzehnten als Niedrigzinsland gilt und es dort schon in Urzeiten Negativzinsen gab, hat der Stopp der US-Zinserhöhungen und auch die Ankündigung der Europäischen Zentralbank, heuer keine Zinswende zu vollziehen, die Kurse der Schweizer Dividendenwerte beflügelt. Dabei gilt es zu ergänzen, dass in den bekannten und breiten Indizes doch internationale Konzerne wie Nestlé oder Novartis das größte Gewicht einnehmen und die rein im Binnenland aktiven Unternehmen eine geringe Rolle spielen.

Ja, nun sind wir wieder auf neuen „Kursgipfeln“ angelangt. Kräftige Höhenflüge und rasante Anstiege in kurzer Zeit mahnen allerdings auch oft zur Vorsicht, die Euphorie ist nur selten eine gute Lehrmeisterin. Das am 9. April erzielte Rekordhoch von 9.628 Punkten im 20 Titel umfassenden SMI verleitete zwar zum Feiern, aber tatsächlich war es das Ergebnis eines mühsamen Aufholprozesses, da wir bereits vor 15 Monaten, genau am 24. Jänner 2018 fast dieses Niveau erreicht hatten.

Noch krasser ist ein weiterer Rückblick in die Börsengeschichte, lag der SMI doch schon am 4. Juni 2007, also vor knapp zwölf (!) Jahren bei 9.546 Punkten. In diesem Zeitraum blieben Aktionären nur die Dividenden als kleiner Trost.

9,5 Prozent p. a.

Einzelne Zeitfenster herauszufiltern ist allerdings nicht ganz fair, weshalb wir mit einer Langfriststudie doch die ertragsmäßig langfristig sehr sinnvolle und ergebnisreiche Investition in Aktien anführen wollen: Das Schweizer Bankhaus Pictet & Cie analysiert die Wertentwicklung der Schweizer Aktien und Anleihen ab Jahresbeginn 1926. Das Ergebnis ist zwar inhaltlich keine Überraschung, weil an allen Weltbörsen über einige Jahrzehnte hinweg Aktien eindeutig Anleihen schlagen – von seltenen Ausnahmen wie Japan und Österreich einmal abgesehen.

Das Ausmaß und damit die Differenz verblüfft jedoch auch Anlageprofis: 100 Franken zu Jahresende 1925 in Schweizer Bundesanleihen angelegt, ergaben Ende 2018 immerhin 4.893 Franken. Daraus errechnet sich eine durchschnittliche Jahresrendite von 4,3 Prozent. Bei Aktien erklommen die 100 investierten Franken jedoch einen Wert von unglaublichen 94.079 Franken (also das mehr als 19-Fache!), was einen tollen Gesamtjahresertrag aus Kursanstieg und Dividenden von im Schnitt 9,5 Prozent lieferte. Zieht man die durchschnittliche Inflation von ohnehin nur 1,99 Prozent pro Jahr ab, so ergeben sich reale Jahresrenditen für Anleihen von 2,37 und für Aktien von 7,40 Prozent.

Wechselkurs beachten

Für Aktionäre wurden Ausdauer, Mut und damit Risikofreudigkeit langfristig unter Inkaufnahme entsprechender Schwankungen (Volatilitäten) mit einem deutlichen Mehrertrag belohnt. 29 Verlustjahren stehen immerhin 64 Jahre mit positiver Performance gegenüber.

Ein Anlagehorizont von 93 Jahren mag nun wohl die Wenigsten interessieren, eine Zeitspanne von zehn oder 20 Jahren ist da realitätsnäher. Bei zehn Jahren ist die aktuelle Hausse voll inkludiert und bessert das Ergebnis auf acht Prozent auf, bei 20 Jahren sind es dann teils heftiger Hausse- und Baissephasen nur vier Prozent im Durchschnitt.

Für den Euro-Anleger gilt es dann natürlich auch, die Bewegungen des Schweizer Franken zum Euro zu berücksichtigen, was mehrheitlich ein zusätzliches Plus ergab, da der Schweizer Franken gegenüber dem Euro (und seinen Vorgängern) in den letzten 40 Jahren im Durchschnitt ein halbes Prozent pro Jahr aufwertete.

Auf zu neuen Höhen?

Wie erwähnt haben sich die 20 im SMI enthaltenen Unternehmen heuer schon in luftige Regionen bewegt und dabei auch Neuland betreten. Gute Unternehmensergebnisse der US-Banken beflügelten dabei auch in der Schweiz die Kurse der schwergewichtigen Geldins­titute. Die Börsen honorieren also durchaus neue positive Nachrichten. Die Frage ist nun, wo diese wohl in den nächsten Wochen herkommen könnten.
Die ökonomischen Rahmenbedingungen werden eher als bescheiden eingeschätzt, haben doch auch renommierte Institute heuer schon mehrmals die Erwartungen für 2019 zurückgenommen. Dies gilt auch für die Eidgenossen, wo man für dieses Jahr nur noch von einem realen Wirtschaftswachstum von etwa einem Prozent ausgeht, 2020 sollten es dann wieder 1,5 bis 2,0 Prozent werden. Die Gewinnmargen der Firmen liegen mit aktuell durchschnittlich 8,3 Prozent immerhin deutlich über dem 30-jährigen Durchschnitt von 6,9 Prozent.

Ansehnliche Dividenden

Ein griffiges Argument pro Aktien in einem Negativzinsumfeld ist jedenfalls die ansehnliche Dividendenrendite von aktuell 3,1 Prozent per annum (30-Jahres-Durchschnitt: 2,1 Prozent). Da punkten auch die Finanzwerte, liefert doch beispielsweise die Großbank UBS eine Dividendenrendite von tollen 5,9 Prozent, die Versicherungskonzerne Zürich Insurance und Swiss Re kommen ebenfalls jeweils auf 5,8 Prozent. Zwei weitere vielbeachtete Börsenkennzahlen, nämlich das Kurs-Gewinn-Verhältnis (aktuell bei 22) und die Relation zwischen dem Börsenkurs und dem Buchwert (aktuell: das 2,5-Fache) liegen im Durchschnitt.
Neben diesen wichtigen fundamentalen Statistiken spielen natürlich auch technische und psychologische Fakten eine wichtige Rolle. Neue Höchststände geben dabei einerseits einen positiven Grundton ab, andererseits wächst die Angst vor einem Rückschlag.

Konkret haben sich die Weltbörsen – und damit auch die Schweiz – nach dem kräftigen Anstieg in den letzten Monaten eine Verschnaufspause verdient. Die alte Börsenweisheit: „Sell in may and stay away“ sollte daher in Erinnerung gerufen werden, ergänzt um den Zusatz: „But do remember to be back in september“.
Eines der Hauptprobleme der Börsianer ist bekanntlich der Wiedereinstieg nach einem Verkauf von Positionen, egal ob mit Gewinn oder Verlust. Aktuell sollte man daher eher dem mittelfristigen Trend folgen, und der ist unverändert positiv.

Pro und Contra: Schweizer Börse

Die Argumente der Optimisten:

  • Die Weltbörsen bleiben nach einer Verschnaufpause auf Hausse eingestellt.
  • Die Zinsen bleiben nahe ihrer Rekordtiefs, Aktien stellen die interessanteste Anlageklasse mit wenig Alternativen dar.
  • Die Schweizer Wirtschaft kann sich auch bei einer flaueren EU-Konjunktur behaupten.
  • Keine Belastung durch „Schuldenthemen“.
  • Mit der Erwartung guter Gewinnmargen sind die Bewertungen immer noch fair.
  • Die Schweiz ist unverändert eine sehr beliebte Finanzhochburg.
  • Interessante Schweizer „Global Player“, aber auch interessante Nischenwerte an der Börse.
  • Die hohe Dividendenrendite sichert die Aktieninvestition ab.

Die Argumente der Pessimisten:

 

  • Zahlreiche positive Aspekte sind bereits in den Kursen enthalten, es fehlen kräftige, kurstreibende „News“.
  • Die Investoren werden immer ängstlicher, ein Meinungsumschwung könnte sehr rasch erfolgen.
  • Geopolitische Unruheherde dämpfen die Stimmung an den Finanzmärkten.
  • Die Weltwirtschaft trübt sich ein und belastet die ­Börsen.
  • Die Schweiz ist im Weltindex nur gering vertreten.
  • Singapur wird zur Konkurrenz als internationaler Bankenplatz.

*) Dr. Franz Gschiegl ist Geschäftsführer der ERSTE Immobilien KAG.

 

 

GEWINN verwendet Cookies um die Website möglichst benutzerfreundlich zu gestalten und Ihnen damit den bestmöglichen Service zu gewährleisten.
Wenn Sie fortfahren, stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu.