Cannabisaktien gehen in Rauch auf

Seit dem „berauschenden“ Börsenhöhenflug für Cannabisaktien im Jahr 2014 ging es in den letzten Jahren steil bergab. Bei medizinischen Anwendungen scheinen die langfristigen Chancen für Anleger jedoch intakt.

(Foto: IRA_EVVA - GettyImages.com)

Was haben die amerikanische Lifestyle-Ikone Martha Stewart, die American-Football-Legende Joe Montana, Tesla-Chef Elon Musk, Hollywood-Schauspielerin Whoopi Goldberg, Ex-Boxchampion Mike Tyson, Star-Investor Peter Thiel und der US-Rapper Snoop Dogg gemeinsam? Bei Letzterem ist der Groschen womöglich gefallen, machte er doch 2018 Schlagzeilen, weil er aus Protest gegen Donald Trump vor dem Weißen Haus einen Joint rauchte. Des Rätsels Lösung: Sie alle setzen in der einen oder anderen Form auf den Cannabismarkt.

Tatsächlich war es für Anleger, die frühzeitig auf Aktien von Unternehmen der Cannabisbranche oder entsprechende börsennotierte Indexfonds (ETFs) gesetzt haben, in den ersten Jahren bis 2014 aufgrund starker Kursgewinne ein berauschendes Geschäft. Doch trotz einiger kurzer Erholungsphasen sackten die Kurse der meisten Cannabisaktien und -indizes seither dramatisch ab und bisherige Kursgewinne gingen in Rauch auf: So hat der Global-Cannabis-Stock-Index, der die Entwicklung der rund 40 größten börsennotierten Unternehmen der legalen Cannabisbranche abbildet, vom Höchststand im April 2014 bis heute fast 96 Prozent verloren. Auch 2019 ging es nach einem kurzen Aufbäumen wieder rasch talwärts.

Wachstumsmarkt Cannabismedizin

Der Gesamtmarkt für Cannabis – sowohl reguliert als auch illegal – wurde im umfassenden „Global Cannabis Report“ des Datenanalysten New Frontier Data im Vorjahr auf ein Volumen von 344 Milliarden US-Dollar weltweit geschätzt. Wichtigste regionale Märkte sind Asien (132,9 Mrd. USD), gefolgt von Nordamerika (85,6 Mrd. USD) und Europa (68,5 Mrd. USD). International würden aktuell an die 263 Millionen Menschen Cannabis konsumieren. Der US-Marktforscher BDS Analytics bezifferte den globalen Umsatz im legalen Markt 2018 auf mehr als zehn Milliarden Euro, für 2022 werden knapp 28 Milliarden Euro erwartet.

Tatsächlich wurde in den vergangenen Jahren viel in Bezug auf die medizinischen Vorzüge von Cannabidiol geforscht. CBD, wie es abgekürzt wird, gilt als natürliches Heilmittel des (weiblichen) Hanfs und hat vor allem im komplementärmedizinischen Bereich bereits Eingang gefunden. Es ist der am zweitmeisten vorkommende Wirkstoff in der Cannabispflanze. Der medizinische Nutzen der nicht psychoaktiven Verbindung wird heute in etlichen Studien belegt. Im Gegensatz zu THC (Tetra-Hydrocannabinol) macht CBD-Extrakt nicht „high“.

Weltweit litten geschätzte 1,2 Milliarden Menschen an Gesundheitsproblemen, bei denen Cannabis einen nachweislichen therapeutischen Nutzen hat, geht weiters aus dem Global Cannabis Report hervor. „Wenn sich die Behandlung mit Medizinalcannabis auch nur bei einem Bruchteil durchsetzen würde, entstünde ein riesiger Markt.“ Cannabis ist mittlerweile ein weltweites Phänomen: Mehr als 50 Länder haben Medizinalcannabis in irgendeiner Form legalisiert, sechs Länder darüber hinaus für den privaten „Erwachsenenkonsum“.

Alternatives Schmerzmittel

Erst vor Kurzem hat die US-Behörde Food and Drug Administration (FDA) ein CBD-basiertes Schmerzmittel als rezeptfreies Medikament nach nur einjähriger Testphase zugelassen. Die von Honest Globe, einem Entwickler von Luxuskosmetik, Gesundheits- und Schönheitsprodukten, hergestellte Creme Elixicure reduziert Entzündungen, Schwellungen und Schmerzen und kann rezeptfrei bezogen werden. Sie wird als wirksame Alternative zu Opioiden und anderen Arzneimitteln mit starken Nebenwirkungen gefeiert. Auch in Spanien hat eine neue Studie die Wirksamkeit von Cannabinoidverbindungen (inklusive THC) zur Schmerzlinderung bei Frauen mit Endometriose aufgezeigt.

Im Vereinigten Königreich wurde Cannabisöl im Vorjahr vom NICE (National Ins­titute for Health and Care Excellence) für Epilepsie und Multiple Sklerose (MS) zugelassen. In Australien erhielt ein MS-Patient als Erster im Land eine medizinische Verschreibung von Cannabis für seine Erkrankung. Damit lassen sich Muskelkrämpfe, Seh- und Empfindungsprobleme sowie Gleichgewichtsstörungen mindern.

Israel will sich einen Vorsprung sichern und hat den Cannabisexport vor Kurzem genehmigt. Medizinhanf hat in Israel eine lange Tradition; 200 klinische Studien laufen dort aktuell. Cannabis wird in Israel für die Behandlung einer ganzen Reihe von Krankheiten eingesetzt, wie Parkinson und Morbus Crohn. Einer der größten Produzenten des Landes ist der Pharmakonzern Panaxia.

In Österreich wiederum haben Patienten mit Pharmazeutika wie Sativex oder Dronabinol Zugang zu registrierten und überprüften Medikamenten auf THC- bzw. THC/CBD-Basis. Diese seien entsprechend auf Wirkung und Nebenwirkungen geprüft. Allgemeinmediziner Kurt Blaas macht sich zudem stark für den medizinischen Einsatz auch von Cannabisblüten, „hundert Cannabinoide wirken besser als ein oder zwei Wirkstoffe“. 200.000 bis 300.000 Menschen, schätzt er, würden sich hierzulande mit Cannabis aus Eigenzucht, illegalen Quellen oder aus dem Ausland bezogenen Produkten versorgen. In Deutschland vertreibt der börsennotierte kanadische Hersteller Tilray bereits auch Blüten und daneben zwei verschiedene Vollspektrumextrakte (darin sind neben THC und CBD auch alle weiteren Inhaltsstoffe der Blüte, wie Terpene und Flavonoide, enthalten).

Kurzer Hype um Anbau-Unternehmen

Kein Zweifel: Neben der fortschreitenden Anerkennung der medizinischen Wirkungen findet ein gesellschaftlicher und kultureller Wandel statt. Der Cannabiskonsum steigt, die kritische Haltung, sowohl den „Konsumenten“ als auch dem „Produkt“ gegenüber, weicht sich auf. Und so füllt die legale Cannabisindustrie zusehends auch die Handelsregale und Börsen.

Der Markt biete neben den medizinischen Anwendungen zwei weitere Zukunftssegmente: einerseits den gewerblichen Anbau, der seinen Aufschwung um die Jahre 2013/2014 nahm. Canopy Growth, Aurora, Tilray sind allesamt sehr rasch große Unternehmen geworden. Die Anbauaktien sind gut gelaufen, allerdings hat es hier auch starke Gewinnmitnahmen gegeben. Mit der Legalisierung als Produkt zur persönlichen Entspannung 2018 in Kanada seien viele Unternehmen jetzt bemüht, „ausgewachsene Marken“ zu werden, sagt Rahul Bhushan, Co-Gründer von Rize ETF, einem Anbieter von börsennotierten Indexfonds (ETF).

Zu viel Angebot

Aktuell hat die Branche mit etlichen Problemen zu kämpfen, allen voran jenem der Schwarzmarktkonkurrenz. Wenig verwunderlich, kann doch die offizielle Preisgestaltung mit günstigen Schwarzmarktpreisen nicht mithalten. So wurde laut kanadischem Statistikamt in den ersten drei Quartalen 2019 illegal fast doppelt so viel umgesetzt als von den Unternehmen. Das zweite Übel bestehe in der Überproduktion: Laut Kryptoszene.de, einer Nachrichten- und Informationsplattform, lagerten sowohl in Kanada als auch den USA mehrere hundert Tonnen ungenutzten Cannabis. Der Grund könnte darin liegen, dass sich wegen unzureichender regulatorischer Voraussetzungen zu viele Player auf dem Markt tummeln – gleichzeitig gebe es zu wenig lizenzierte Verkaufsstellen. Und zu guter Letzt würde die Legalisierung weltweit langsamer voranschreiten als angenommen. So hat auch die FDA seit der letzten Anhörung weiter keine Klarheit über die Beimischung von CBD in Nahrungsmitteln geschaffen.

Dennoch kommt immer wieder ein wenig Bewegung in die Branche: So hat das Repräsentantenhaus vor Kurzem ein Gesetz beschlossen, das der Marihuanabranche den Zugang zu Banken erleichtert. Denn obwohl die meisten US-Bundesstaaten in irgendeiner Form Anbau und Konsum von Marihuana oder einige Cannabis ganz legalisiert haben, ist das Bundesrecht weiterhin rigide und Geschäfte und ihre Angestellten seien daher häufig Ziel von Mord, Überfällen und Angriffen gewesen, weil das Meiste in bar abgewickelt werden müsse. Laut der Lobbygruppe Norml beschäftigt die Branche inzwischen mindes­tens 200.000 Menschen und macht einen Milliardenumsatz. Die Hoffnung besteht vor allem im Generationswandel, da jüngere Menschen eine tolerantere Haltung gegenüber Cannabis haben. Heuer könnte das Großherzogtum Luxemburg als erstes Land in der EU Produktion und Verkauf von Cannabis verstaatlichen und entkriminalisieren, erwarten Experten.

Wie in Cannabis investieren?

Wie stellt sich der Markt als Investment­universum dar? Adam Bierman, bis vor Kurzem noch CEO von Medmen Enterprises, unterteilte die Industrie in fünf verschiedene Segmente: Anbau, Konsumgüter, Nebenprodukte/Software, Immobilien und Einzel­handel.

Die führenden Erzeuger in Kanada genießen aufgrund ihrer Börsennotierungen an der US-Nasdaq oder -NYSE einen (Finanzierungs-)Vorsprung. Dies erkläre ihre Dominanz. Die Konsumgüterhersteller stammen größtenteils aus Kalifornien und versuchen nun, in weitere Regionen zu expandieren. Hier seien langfristige Vertriebs- und Lieferverträge von entscheidender Bedeutung. Im Immobiliensektor sollten Anleger darauf achten, ob es sich um Einzelhandelsimmobilien oder Immobilien für die Cannabislandwirtschaft handelt. Für den Einzelhandel gilt wohl, was sonst auch gilt: Die Anzahl von Lizenzen, Kundenloyalität, strategisch gut positionierte Standorte, hochwertige Produkte, der First-Mover-Status etc. seien die Gewinnerdeterminanten.

Volatile Papiere

Allerdings ist bei Medmen Enterprises, dem einstigen Glamourunternehmen aus Kalifornien, seit einem Jahr selbst der Lack ab. Bierman gab am 31. Januar bekannt, den Hut zu nehmen, nachdem man im Oktober 2019 die Komplett­akquisition von PharmaCann in Höhe von 682 Millionen US-Dollar abgeblasen hat, eine Transaktion, die Medmen auch an die US-Ostküste gebracht hätte. Im November und Dezember wurden dann 40 Prozent der Belegschaft abgebaut, mit dem Ziel, Ende 2020 positiven Cashflow zu schreiben. Der Medmen-Kurs wurde in einem Jahr extrem nach unten geprügelt.

Ein Schicksal, das sich Medmen mit anderen teilt. Der Markt, der laut Experten „noch nicht reif genug“ sei, als dass Fundamentaldaten die Kurse maßgeblich beeinflussten, sei bereits überhitzt gewesen. „Und es liegt daran, dass sich die Unternehmen fast ausschließlich über den Kapitalmarkt finanzieren können, um zu expandieren. Jede Kapitalerhöhung führt zur Verwässerung“, erklärt Bhushan. Zudem sind die Käufer zu 100 Prozent Kleinanleger. Gibt es schlechte Nachrichten oder Rückschläge, ziehen sich die Privatanleger – anders als institutionelle Inves­toren – häufig rasch und en masse wieder zurück. Beispiel Canntrust: Nach einem Lizenzentzug durch die kanadische Gesundheitsbehörde wegen Missachtung von Produktionsvorschriften, unzureichender Sicherheitsvorkehrungen und Lieferantenproblemen brach der Kurs stark ein.

Big Pharma beobachtet den Markt

Zwar birgt der Freizeitbereich eigentlich das größere Potenzial, schätzt Bhushan. Von der europäischen Perspektive her hätten Marktteilnehmer und Investoren aber fraglos mit dem medizinalen Cannabis das geringste Problem. Es braucht ja auch Depotbanken. Die beiden in Europa registrierten Exchange Traded Funds (ETF) konzentrieren sich daher auf medizinisch-pharmazeutische Unternehmen, den „stabileren Sektor“. GW Pharma dürfte eine der Toppositionen sein, hat das britische Unternehmen doch bereits gute Erfolge mit einem Medikament gegen epileptische Anfälle. Etliche andere Unternehmen stecken noch in den Stadien der Forschung & Entwicklung oder haben Produkte in der Phase der klinischen Prüfung.

„Big Pharma beobachtet den Markt sehr genau. Ab dem Moment, wo sie etwas patentieren lassen können, z. B. durch synthetisch replizierbare Cannabinoide, werden sie massiv mitmischen“, ist Bhushan überzeugt. Am ehesten treffe dies für Novartis, Teva und AbbVie zu. Der Markt werde noch eine starke Konsolidierung sehen. Denn weltweit gebe es an die 32.000 Unternehmen, die mit Cannabis zu tun hätten.

Im Vorjahr hat es bereits einen Großdeal gegeben, als der mit einem Börsenwert von rund zehn Milliarden Euro größte Cannabisplayer weltweit, Canopy Growth aus Kanada, den US-Rivalen Acreage Holdings um 3,4 Milliarden Dollar schluckte. Canopy Growth baut mittlerweile auch in Deutschland und in Dänemark Hanfpflanzen zur Gewinnung von medizinischem Cannabis an.

Einzelaktien zu riskant

Der Markt für Medizinalcannabis scheint langfristig vielversprechend. Privatanleger, die sich über dieses riskante Nischenthema drübertrauen, sollten aber angesichts der starken Schwankungen und Vielzahl der Unternehmen eher auf einen Index bzw. Fonds setzen, die das große Risiko zumindest auf viele Einzeltitel streuen.

Auch in Europa haben mit Anfang des Jahres der Asset Manager Purpose Investments und HANetf den ersten Medizinischen- Cannabis-ETF aufgelegt, den Medical Cannabis and Wellness ETF (ISIN: DE000 A2PP Q08). Dieser börsennotierte Indexfonds bildet den medizinischen Cannabis- und Wellness-aktienindexvon Solactive nach: Er besteht aus Unternehmen, u. a. aus den Bereichen Produzenten und Lieferanten von medizinischem Cannabis, Lieferanten von Hydrokulturen und Ausrüstung, Software-Lösungen für medizinische Cannabis-Hersteller, Dienstleistungsanbieter, einschließlich Ausrüstung, Herstellung und Verarbeitung. Der ETF von Rize hingegen steht noch kurz vor der Zulassung an der Xetra-Börse.

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