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Chancen jenseits des Corona-Hypes

Investments in Biotech- und Pharma-Unternehmen sind mehr als nur Corona-Spekulationen. Einst teuer bewertete Wachstumswerte der Branche bieten aktuell große Chancen.

(Foto: EllenM - GettyImages.com, Bildbearbeitung: GEWINN)

Derzeit schaut die ganze Welt gebannt auf das Rennen um die allseits erhofften Corona-Impfungen. Auch die Börsenwelt ist gefesselt von den wirtschaftlichen Erfolgsversprechungen der Impfstoffentwickler, die mit Corona einen regelrechten Höhenflug erleben. Beispielsweise stieg Novavax im laufenden Jahr auf mehr als das 31-Fache (Stichtag: 27. November).

Es ist aber mittelfristig zu erwarten, dass eine Vielzahl an Impfungen auf den Markt kommen und der kombinierte Einsatz mehrerer unterschiedlich wirkender Impfungen die Standardlösung wird. Das bedeutet: Mehrere Marktteilnehmer bekommen ein Stück vom „Corona-Kuchen“ und gleichzeitig ist mit zunehmendem Margendruck zu rechnen, während das Absatzpotenzial von Jahr zu Jahr wieder schrumpft.

Großes Aufholpotenzial

Auf der anderen Seite hat sich in den vergangenen zehn bis 20 Jahren eine Vielzahl ehemaliger Forschungsunternehmen im Biotech- und Pharma-Bereich in rentable Marktteilnehmer verwandelt, und dies ganz ohne Corona-Sondereffekt.

Doch diese Entwicklungen gingen am Aktienmarkt fast spurlos vorüber: So durchlief der Gesamtmarkt für Pharmazie- und Biotech-Aktien, gemessen am MSCI World Pharmaceutical, Biotechnology und Life Sciences Index, in den Jahren 2015 bis 2019 eine Seitwärtsbewegung, ehe nach einem kurzen Einbruch im März bis Mitte Juli dieses Jahres ein Schub folgte, der seine fundamentale Berechtigung hat.

In den vergangenen fünf Jahren standen einer Wertentwicklung des Weltaktienindex MSCI World von annualisiert 8,7 Prozent nur 5,4 Prozent p.a. im MSCI World Pharma, Biotech- und Life Sciences gegenüber. Die darin enthaltenen 80 Unternehmen sind mit einem durchschnittlichen Kurs-Gewinn-Verhältnis von 14,7 weit niedriger als die Unternehmen im Gesamtmarkt (19,2) bewertet. Historisch betrachtet hatten Biotech/Pharma-Werte meist höhere Bewertungen, die aufgrund des hohen Wachstumspotenzials auch gerechtfertigt sind. Damit verfügen diese Unternehmen aktuell über hohes Aufhol­potenzial an der Börse.

Anhaltendes Wachstum

Der globale Pharmamarkt wuchs von 2001 bis 2019 von 390 auf 1.250 Milliarden Dollar bzw. um durchschnittlich 6,7 Prozent pro Jahr. Laut „EvaluatePharma World Preview 2019“ sollte sich der Trend bei verschreibungspflichtigen Medikamenten im Zeitraum 2019 bis 2024 mit 6,9 Prozent Umsatzwachstum pro Jahr weiter fortsetzen. Das schafft angesichts der vergleichsweise schwachen Entwicklung der Aktienkurse einiges an fundamentalem Value (Wert).

Auch in den USA, dem weltweit größten Pharmamarkt, lag die Anzahl zugelassener Medikamente im Zeitraum von 2009 bis 2017 bei 302, im Vergleich zu 209 Neuzulassungen in den acht Jahren davor. Und im jüngsten Vergleichszeitraum fiel mit 17,5 Prozent der größte Teil auf Krebstherapien. Allein in den Jahren 2017 bis 2019 wurden insgesamt 153 neue Medikamente in den USA zugelassen.

Die aktuell günstige Bewertung des ­Sektors ruft bereits den Value-Investor Warren Buffett auf den Plan, der laut jüngsten Meldungen über seine Beteiligungsgesellschaft, Berkshire Hathaway in Aktien von Merck, Bristol Myers Squibb und AbbVie jeweils 1,8 bis 1,9 Milliarden Dollar investierte. 136 Millionen Dollar flossen zusätzlich in Pfizer. Was reizt Warren Buffett, den seine erfolgreichen Investments zu einem der reichsten Menschen der Welt gemacht haben, an diesen Unternehmen?

Value im Pharma-Sektor

Merck & Co. verdient insbesondere mit Medikamenten gegen Krebs, Diabetes und einer Impfung gegen diverse Krebsarten und andere Krankheiten, die auf verschiedene Arten von HPV-Viren zurückzuführen sind. Die große Cash-Kuh des Unternehmens ist der Krebsblockbuster Keytruda, ein Medikament bei zahlreichen Tumoren und für etwa 30 Tumor­arten in klinischer Erprobung. Besonderheit: Keytruda ist ein humanisierter monoklonaler Antikörper, der letztendlich das körpereigene Immunsystem wieder in die Lage versetzt, verstärkt gegen den Krebs zu kämpfen.

Die Experten von EvaluatePharma gehen davon aus, dass der Umsatz allein mit diesem Medikament von 2018 bis 2024 um 15,4 Prozent pro Jahr auf 17 Milliarden Dollar steigen sollte. Laut Zacks Investment Research hatten zuletzt die Analysten ihre Gewinnprognosen nach oben geschraubt und das für 2021 geschätzte KGV liegt bei günstigen 13,3.

Besonders günstige Pharma-Riesen

Noch günstiger mit einem erwarteten KGV von knapp über acht bewertet ist AbbVie. Zwar lief bereits 2018 bei deren Produktflaggschiff Humira, dem Mittel gegen entzündlich rheumatische Erkrankungen, der Patentschutz ab, doch die daraus resultierenden Umsatzrückgänge sollten durch eine Reihe wachstumsstarker Präparate überkompensiert werden.

Darüber hinaus führt die Akquisition von Allergan zu einem Ausbau der Marktpositionen in der Immunologie und in der Hämatoonkologie sowie neuen Chancen in der Neurologie und medizinischen Ästhetik (z. B. durch die Faltenbehandlung mit dem Präparat Botox).

Neue Impulse gibt der alteingesessene Pharmariese Bristol-Myers Squibb mit einer breiten Produktpalette inklusive Präparate gegen Krebs, Aids, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Hepatitis, Rheumatoide Arthritis und psychische Probleme. Infolge der im November 2019 abgeschlossenen Übernahme von Celgene wuchs im dritten Quartal der Umsatz um 75 Prozent auf 10,5 Milliarden Dollar. Ein verbesserter Produktmix führte zu einer Verbesserung der Bruttomarge von 70,2 auf 76,3 Prozent. Kassenschlager waren u. a. der Immunmodulator Revlimid gegen Krebs des Lymphsystems und Lymphknotenkrebs und Eliquis zur Hemmung der Blutgerinnung. Angesichts dieser Märkte und seines globalen Vertriebsnetzes ist Bristol-Myers-Sqibb mit einem für 2021 erwarteten KGV von 8,4 spottbillig, zumal noch die Analysten ihre Prognosen tendenziell aufwärts revidieren.

Pfizer soll in den kommenden Jahren mit verschreibungspflichtigen Medikamenten weiter wachsen und könnte tatsächlich als einer der wichtigsten Anbieter den „Corona-Impf-Jackpot“ mitknacken. Trotz dieser chancenreichen Aussichten stellt ein laut Analys­tenkonsens für 2021 erwartetes KGV von 12,6 eine deutliche Unterbewertung dar.

Biotech-Chancen

Rapides Wachstum in der Behandlung der seltenen Stoffwechselerkrankung Mukoviszidose bietet Vertex Pharmaceuticals, deren Umsatz laut Zacks im laufenden Jahr um 47,5 Prozent auf 6,14 Milliarden Dollar wachsen sollte. Zuletzt kontinuierlich zweistellige positive Gewinnüberraschungen und ständige Aufwärtsrevisionen durch Analysten sprechen für ein Investment. Ebenfalls über eine starke Gewinnwachstumsdynamik verfügt Regeneron, die im dritten Quartal 2020 mit Dupixent gegen Neurodermitis und Eylea gegen diverse Augenerkrankungen zulegte.

Als Klassiker mit einem für 2021 geschätztem KGV von 13,1 unterbewertet ist Amgen. Das Unternehmen hat 25 Medikamente in der Entwicklungs-Pipeline (bereits in Phase III), darunter auch Mittel gegen Arthritis, Psoriasis (Schuppenflechte) und hämatoonkologische Produkte.

Derzeit noch im Forschungs- und Entwicklungsstadium ist Sangamo Therapeutics, die auf Basis der Genomeditierung bereits eine Therapie gegen Morbus Hunter (MPS II), aber auch Gentherapien gegen Hämophilie A (Bluterkrankheit) und das Fabry-Syndrom in klinischer Erprobung hat. Biogen schloss mit dem Unternehmen eine Kooperation über die Entwicklung von Therapien gegen Alzheimer, Parkinson, neuromuskulare sowie andere neurologische Erkrankungen und zahlte Sangamo vorab 125 Millionen Dollar. Insgesamt winken Sangamo Therapeutics bis zu 2,37 Milliarden Dollar an sogenannten Meilensteinzahlungen für die Entwicklungen von Wirkstoffen. Bilanzgewinne sind hingegen erst in einigen Jahren zu erwarten.
Während die genannten Forschungsunternehmen hohe Fehlschlagrisken eingehen, gibt es Labordienstleister und -ausstatter, die relativ sichere Einnahmen erzielen. Ein Klassiker mit breiter Produktpalette ist hier Thermo Fisher Scientific.

Risiko streuen mit Fonds und ETFs

Achtung: Die vorgeschlagenen Investments zeigen zwar auf ihre Weise gewisse Value-Chancen, doch wer primär den Biotech-Sektor und dafür breiter gestreut abdecken möchte, sollte dies unbedingt über Fonds oder ETFs machen. Als Fonds besonders interessant ist Pictet Biotech-Fonds mit Schwerpunkten auf Onkologie und seltene Erkrankungen, der über entsprechendes Aufholpotenzial verfügt, zumal bei den größten Positionen auch ein gewisser Value-Faktor erkennbar ist. Die Portfoliozusammensetzung ist im Vergleich zum Vergleichsindex nicht eingeschränkt.

Auffallend stark ist indessen die Performance des Polar Capital Funds Biotechnology-Fonds, der eine höhere Wertentwicklung als der Nasdaq-Biotech-Index zum Ziel hat. Einen nachhaltigen Wertzuwachs gegenüber dem Nasdaq-Biotech-Index strebt auch der DWS Biotech-Fonds an, dem dies durchaus zeitweise gelingt. Auffallend ist die Zehn-Jahres-Performance von 390 Prozent. Auch beim Allianz Biotechnologie-Fonds ist die Benchmark der Nasdaq-Biotech-Index mit dessen Wertentwicklung der Fonds in den vergangenen fünf Jahren knapp Schritt halten konnte. Durch die großen Unternehmen des Nasdaq-Biotech-Index kommt ein tendenzieller Value-Faktor ins Spiel, was sich auch beim Allianz Biotechnologie erkennen lässt.

Einen eigenen Weg geht indessen der Bellevue BB Adamant Biotech-Fonds, dessen Titelauswahl mit Fokus auf seltene Krankheiten unabhängig von einem Vergleichsindex nach fundamentalen Kriterien erfolgt. Der Fokus liegt auf profitablen mittel- und großkapitalisierten Unternehmen, die bereits über ein reiferes Produktportfolio verfügen.

Auch über einschlägige Pharma-Aktienfonds kann man noch tiefer in den Value-Bereich vordringen. Doch auch die Wachstumsdynamik der übergewichteten Branchengiganten hält sich in Grenzen, sodass hier keine Performance-Wunder zu erwarten sind. Hier geht es daher primär um Stabilität und realen Vermögenserhalt. Aber es gibt quer durch Biotech und Pharma eine besondere Chance, nämlich Entwicklung von „Orphan Drugs“, Medikamenten gegen sehr seltene Krankheiten. Kostengünstig Zugang bietet hier der L&G Pharma Breakthrough ETF.

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