Das Inflations­gespenst geht um

Mit welchen Erwartungen man in das zweite Börsenhalbjahr gehen kann, wo die wahren „Schreckgespenster“ lauern und wo es interessante „Schnäppchen“ gibt.

(Illustration: Markus Murlasits)

Die internationalen Aktienmärkte präsentierten sich im ersten Halbjahr 2021 überwiegend in Rekordlaune. Für die freundliche Verfassung und den wiedergewonnenen Optimismus waren in erster Linie große Fortschritte bei den Corona-Impfungen, die weltweit deutliche Konjunkturerholung und eine weltpolitisch relativ stabile Situation hauptverantwortlich. Anleger, deren Entscheidungen ja bekanntlich von Erwartungen und Hoffnungen geprägt sind, honorierten die positiven Rahmenbedingungen mit entsprechenden Käufen und verhalfen dadurch vielen Börsenindizes zu neuen historischen Höchstständen. Doch wie geht’s jetzt weiter?

Ist die Dynamik für eine Fortsetzung der Weltbörsenhausse anhaltend und beschleunigen sich die Aufwärtstrends vielleicht sogar in den kommenden Monaten? Müssen wir uns vor dem „Schreckgespenst“ einer aufkeimenden Verbraucherpreisinflation fürchten? Ist das gegenwärtige Konjunkturhoch nur ein Strohfeuer? Und vor allem, wie geht‘s mit der Pandemie und ihren Auswirkungen weiter? Und nicht zu vergessen, der Kampf gegen den Klimawandel, der jetzt wieder verstärkt Politik und Wirtschaft beschäftigt.

Börsen weltweit im Plus

Gemessen am Weltaktienindex MSCI World brachten Aktien im ersten Halbjahr durchschnittlich zwölf Prozent an Kurszuwachs. Das Plus an den US-Börsen und den meisten europäischen Märkte lag in diesem Zeitraum in einer Bandbreite von neun bis 16 Prozent, bei Asiens Handelsplätzen eher im einstelligen Bereich, wobei vor allem China enttäuschte...

Doch halt! Eine kleine Börse ragt besonders heraus, nämlich Wien. Mit einem Anstieg von 34 Prozent gemessen am Leitindex ATX konnte sich der international vernachlässigte heimische Markt ins Spitzenfeld der weltweiten Performanceskala hochkatapultieren.

Das „Schwergewicht“ OMV war dabei mit einem Kursplus von 57 Prozent seit Jahresbeginn hauptverantwortlich, unter den Spitzenreitern befinden sich die Addiko-Bank (+72 Prozent), Polytec (+66 Prozent), Österreichische Post (+62 Prozent) und Semperit (+50 Prozent). Letztere konnte sich im Zwölf-Monats-Vergleich sogar um 226 Prozent (!) verbessern.

Corona-Gewinner und -verlierer

Weltweit trat seit dem Jahreswechsel der Technologiesektor etwas in den Hintergrund. Die im Vorjahr unbeliebten Automobil- und Ölaktien erfreuten sich hingegen eines massiven Aufschwunges. So weist etwa der Branchenriese ExxonMobil trotz aller Klimadebatten einen Kursanstieg um 52 Prozent auf. Ford und Porsche erholten sich um erstaunliche 75 Prozent.

Im Tech-Sektor konnte sich unter den sogenannten „FAANG“-Aktien Facebook mit 21 Prozent ganz gut halten. Apple und Amazon zeigen ein Minus von fünf Prozent beziehungsweise ein kleines Plus von aktuell zwei Prozent. Netflix ging um sechs Prozent zurück und Google- beziehungsweise Alphabet-Aktien stechen als Einzige mit plus 40 Prozent hervor. Bei den „Pandemie-Aktien“, seien es Gewinner oder Verlierer, konnten Biontech (+171 Prozent seit Jahresbeginn) und Moderna (+90 Prozent) beeindrucken, die Pharmariesen Pfizer und AstraZeneca blieben mit plus zehn und plus 14 Prozent deutlich zurück. Das erklärt sich damit, dass bei den beiden Pharma-Riesen die neuen Impfstoffe nur einen geringen Anteil des Umsatzes ausmachen.

Bei den vor einem Jahr gehypten Pandemiefavoriten wie Zoom Video Communications (lediglich vier Prozent plus seit Jahresbeginn) und Netflix gab es kaum Schlagzeilen, der deutsche Zustelldienst Hello Fresh konnte sich hingegen mit plus 31 Prozent gut behaupten.

Spekulation: Bitcoin, Gamestop & Co.

Die Spekulationsbühne hat sich in letzter Zeit entsprechend erweitert. Während Krypto-Tokens wie Bitcoin und Ethereum (Kursgewinn +250 Prozent bzw. +770 Prozent in den vergangenen zwölf Monaten) schon seit mehreren Jahren die Aufmerksamkeit der Spekulanten auf sich gezogen haben und allein diese beiden „Branchenleader“ zusammen auf eine ansehnliche Marktkapitalisierung von über 800 Milliarden Dollar verweisen können, haben „Meme-Aktien“ erst seit heuer eine breite Bühne. Darunter versteht man eine Handvoll Aktien, die meist über soziale Netzwerke wie Reddit, Twitter oder Stocktwits promotet und gepusht werden. Die „Empfehlungen“ verbreiten sich „viral“ und lösen schneeballsystemartige Kursanstiege aus, denen oft auch ebenso spektakuläre Kursstürze folgen.

Plakative Beispiele sind die Aktien von Gamestop (Videospielhandel), deren Kurs in vier Monaten bis zum 28. Jänner 2021 von 3,8 auf 483 US-Dollar gestiegen ist. Oder die Aktienkurse der Kinokette AMC Enterprises, die seit Jahresbeginn über 2.000 Prozent förmlich „explodiert“ sind. Im Mai hat sich auch das deutsche Unternehmen Windeln.de (Babywindeln Online-Versand) dazugesellt und in wenigen Handelstagen mit einem Kursplus von 109 Prozent in der deutschsprachigen Welt für Furore gesorgt.

Runden wir das Thema noch rasch um die Rohstoffmärkte ab. So zeigt sich, dass Gold seit Jahresbeginn kaum Wertveränderungen aufweist, der Rohölpreis hingegen um 48 Prozent gestiegen ist. Kupfer als bedeutender Basisrohstoff weist ein Plus von 30 Prozent auf, Zinn gar von 62 Prozent.

„Inflationsgespenst“ geht um

Bewegen wir uns von den teils schwindelerregenden Höhen der Spekulationswelten herab in die „Niederungen“ volkswirtschaftlicher Fundamente, so ist das Thema „Inflation“ und damit eng im Zusammenhang stehend die wichtige Zinstendenz ein entscheidender Faktor an den Finanzmärkten. Und tatsächlich waren so manche der jüngst verlauteten Inflationsraten überraschend hoch und für manche Investoren sogar beängstigend. Das Inflationsgespenst bedroht nun angeblich die Wirtschafts- und Finanzwelt.

Seit vielen Jahren „wünschen“ sich Notenbanken etwas höhere Inflationsraten. Die Europäische Zentralbank hat ihr Ziel mit knapp unter zwei Prozent pro Jahr definiert. Steigt der Wert darüber hinaus, ergäbe sich Handlungsbedarf – aber welcher Art? Verabschieden wir uns nun von der mehrjährigen Null- und Minuszinsenphase oder ist dies aktuell nur eine kleine Zacke nach oben?

Zum Basiswissen: Inflation im Sinne von Preissteigerungen kann auf mehrere Ursachen zurückzuführen sein. Steigende Rohstoff- und dann Großhandelspreise werden auf Endkonsumenten überwälzt. Klassisch etwa ein höherer Rohölpreis, der sich an unseren Zapfsäulen niederschlägt. Weitere Möglichkeit: die Preis-Lohn-Spirale. Also wenn höhere Löhne aufgrund höherer Lebenshaltungskosten gefordert werden und Unternehmer wiederum ihre Preise erhöhen. Eine importierte Inflation liegt dann vor, wenn wichtige Importgüter teurer werden und unsere Lebenshaltungskosten erhöhen. Weitere „technische“ Varianten, etwa über die Erhöhung der Geldumlaufgeschwindigkeit, wollen wir jetzt außer Acht lassen.

Rohstoffpreise steigen

Aktuell sind einige Rohstoffe aufgrund gestiegener Nachfrage wie erwähnt teurer geworden, da während der Pandemie ein Nachfragedefizit zu geringerer Produktion geführt hat. Das muss jetzt erst aufgeholt werden, weil auch die Lager geleert wurden. Vieldiskutiertes Beispiel: Die Knappheit bei Computer-Chips, wodurch heuer nach Schätzungen der Boston Consulting Group weltweit vier bis sechs Millionen Autos verspätet oder gar nicht fertiggestellt werden. Die ebenfalls bekannte Preisexplosion bei Bauholz ist eine Folge des Baubooms etc. „Just in time“-Lieferungen und die Globalisierung generell hatten in den Jahren vor der Pandemie zu Reduktionen von Lagerbeständen geführt. Wegen Corona führten Unterbrechungen der Lieferketten jetzt vielerorts zu Problemen.

Ein besserer Konjunkturverlauf kann dabei leichter zu Preiserhöhungen führen. Aktuell ist zu klären, wieweit hier lediglich Nachzieheffekte wirken oder sich tatsächlich eine (erfreuliche) konjunkturelle Eigendynamik ergeben könnte. Weltweite wirtschaftliche Hilfen in Form von Förderungen, Steuerstundungen, bis hin zu Geldgeschenken sollen entsprechende Impulse setzen und den Konsum anregen und vorweg Arbeitsplätze sichern. Die Wahrscheinlichkeit ist damit hoch, dass wir in den kommenden Quartalen eher einen Aufholeffekt als ein „neues Wirtschaftswunder“ erwarten können. Dies bedeutet, dass einerseits – wenn überhaupt – nur geringe Zinserhöhungen zu erwarten sind und andrerseits sich auch die Inflationsentwicklung wieder beruhigen sollte.

Für Investoren stellt sich nach eigener Risikoeinschätzung die Frage, ab welchem Zinssatz eine risikolose bzw. risikoarme Veranlagung am Geld- und Anleihenmarkt das Interesse an Aktien schwinden lässt. Da sprechen wir natürlich auch von den institutionellen Anlegern wie Pensionskassen und Versicherungsgesellschaften. In den USA wird erwartet, dass eine Rendite über drei Prozent für zehnjährige Staatsanleihen eine Wende einlenken könnte (derzeit bei etwa 1,50 Prozent), da gibt es also noch Luft nach oben.

Grundsätzlich sei noch ergänzt, dass eine steigende Inflation auch dann kein „Gespenst“ darstellt, wenn eine florierende Konjunktur von einer Eigendynamik getragen wird. Außerdem bringt eine höhere Inflation das Sachwertdenken in den Vordergrund, wovon auch Aktien profitieren.

„Schulden-Tsunami“

Die globalen Maßnahmen zur Eindämmung des Konjunktureinbruchs haben die Schuldenberge auf enorme Dimensionen wachsen lassen. Die weltweite Gesamtverschuldung – öffentlich, privat und den Finanzsektor einschließend – ist insgesamt zur Jahresmitte auf die unvorstellbare Rekordsumme von 289 Billionen (nicht Milliarden!) US-Dollar angestiegen. Um sich diese Dimensionen bildhaft vorstellen zu können: Ein Stapel mit 100-Euro-Scheinen würde bereits zwei Drittel der Strecke von der Erde zum Mond (also etwa 255.000 km) erreichen...

Nach aktuellen Berechnungen des IFF (Institut of International Finance) sind davon 2020 etwa 24 Billionen zur Bekämpfung von Corona hinzugekommen. Ein starker Zinsanstieg ist daher kaum umsetzbar. Am ehesten ist eine „schleichende Entschuldung“ der Staaten in Form einer „Financial Repression“ vorstellbar, was eine steigende negative Realverzinsung über eine wachsende Inflationsrate, die über dem Wirtschaftswachstum liegt, bedeutet.

Die Favoriten an der Börse

Der Börsenhimmel sollte sich auch im Spätsommer und Herbst heiter präsentieren, kleine „Schauer“ sind natürlich immer möglich. Keine oder zu wenige Aktien zu besitzen bleibt langfristig ein Risiko, man sollte daher den bestehenden Aufwärtstrend mitmachen. Aufgrund des raschen Favoritenwechsels unter den Branchen ist eine entsprechende Streuung sinnvoll.

Bei Neukäufen sollten fundamental gut abgesicherte Standardwerte bevorzugt werden. Dazu zählen in den USA die Branchenriesen Microsoft (Software) und Amazon (Nummer eins im Online-Versand). Alphabet (Google) bleibt ebenso interessant. Aus den defensiven Bereichen sind Starbucks (Kaffeehauskette mit erfolgreichem Engagement in China), Merck (US-Pharmariese) und Medtronic (u.a. Herzschrittmacher) interessant.

Aus dem Gesundheitswesen sind die Titel von Shop Apotheke Europe (in Europa führend bei Online-Medikamentenhandel, sollte ab 2021 auch erstmals profitabel sein), Moderna (Corona-Impfstoff) sowie Sanofi (französischer Insulinhersteller) interessant. Deutschland sollte mit Porsche, SAP (führendes Softwarehaus, stark im Cloud-Geschäft) und Carl Zeiss Meditec (optische Präzisionsinstrumente) vertreten sein.
Zu den Favoriten in China zählen Xiaomi (Smartphones), Netease (Online-Spiele) und BYD (Elektrofahrzeuge und Batterien).

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