Das Selbstkontrollproblem: Bekämpfen Sie den inneren Schweinehund!

In uns kämpfen zwei Akteure gegeneinander – der rationale Planer und der irrationale Macher. Der Macher entscheidet aus einem Impuls heraus, während der vorausschauende Planer versucht, ihn im Zaum zu ­halten – und immer wieder scheitert.

(Foto: ArmadilloStock – GettyImages.com)

Eines Tages beschloss İbrahim Yücel, seinen Kopf in einen Käfig zu sperren. Nachdem sein Vater an Lungenkrebs gestorben war, hatte Yücel mehrmals erfolglos versucht, sich das Rauchen abzugewöhnen. Den Schlüssel für den Käfig bekamen nur seine Ehefrau und seine Tochter. Nur zum Essen durfte er seinen Kopf daraus befreien. Das nahm er in Kauf, um endlich seine mangelnde Selbstkontrolle in den Griff zu bekommen.
Das Selbstkontrollproblem ist wohl so alt wie die Menschheit selbst. Wir unterliegen ihm, wenn wir unseren Konsum von Süßigkeiten reduzieren wollen und an der Supermarktkassa doch wieder zur Schokolade greifen. Oder wenn wir Sport machen sollten, den Tag aber lieber auf der Couch verbringen. Immer dann, wenn uns der „innere Schweinehund“ besiegt. Immer dann, wenn wir uns lieber auf Facebook herumtreiben oder angenehme Arbeiten verrichten und unliebsame To-do’s auf später oder den Sankt Nimmerleinstag verschieben.
Rein rational macht das meist keinen Sinn, wie auch schon der Marshmallow-Test des Stanford-Psychologen Walter Mischel aus den 1960er-Jahren zeigt. Hier wurde Kindern ein Marshmallow in Aussicht gestellt. Sie durften ihn gleich essen oder 15 Minuten warten, um dafür als Belohnung einen zweiten Marshmallow zu erhalten. Einige Kinder aßen ihn sofort. Die anderen, die warten konnten, wurden nicht nur in der Studie belohnt, sondern hatten es im Leben später auch besser, wie eine Langzeitstudie zeigte: Sie kamen in höhere berufliche Positionen, hatten mehr Geld und stabilere Familien als jene mit weniger Selbstkontrolle.

Der rationale Planer und der irrationale Macher

Psychologisch erklären kann man das Selbstkontroll-Problem so: In uns kämpfen zwei Akteure gegeneinander – der rationale Planer und der irrationale Macher. Der Macher entscheidet aus einem Impuls heraus, während der vorausschauende Planer versucht, den Macher im Zaum zu halten – und immer wieder scheitert.
Auch im Finanzbereich sind wir nicht vor dem Selbstkontrollproblem gefeit. Wenn wir mit mehreren Kreditkarten einkaufen und ihre Rahmen sprengen. Wenn wir zu wenig oder gar nicht für unsere Pension vorsorgen. All das hat langfristig nachteilige Auswirkungen für uns, und dennoch tun wir es.
Es gibt sogar Finanzprodukte zur Verbesserung der Selbstkontrolle: In den USA sind „Christmas Clubs“ sehr beliebt. Hier zahlen die Sparer monatlich oder wöchentlich einen Betrag ein, den sie erst kurz vor Weihnachten beheben können. Lange gab es keine Zinsen dafür. Hier mitzumachen war also rational gesehen Unsinn. Doch die Sparer wollten sich so selbst davor bewahren, ihr Geld für andere Dinge als Weihnachtsgeschenke auszugeben. In den USA gibt es übrigens auch den „Save More Tomorrow“-Plan: Dabei verpflichtet man sich im Voraus, einen Teil seiner zukünftigen Gehaltserhöhungen in einen Pensionssparplan umzuleiten. Einmal beschlossen, bleibt es dabei.

Tipps

Egal, wo Sie Ihr Selbstkontrollproblem verorten, es gibt Tricks, wie Sie den irrationalen Macher in Ihnen bezwingen können: Schließen Sie einen Vertrag, am besten schriftlich und mit Unterschrift, mit sich selbst ab. So zwingt Ihr heutiges Ich (der Planer) Ihr zukünftiges Ich (den Macher), in der Situation X rational zu handeln. Setzen Sie die dazugehörigen Maßnahmen: z. B. keine Schokolade oder Zigaretten mehr zu kaufen bzw. sich bei den Weight Watchers oder in der Sportgruppe einschreiben zu lassen. Richten Sie einen Dauerauftrag vom eigenen Konto auf ein Pensionsprodukt ein. Der Trick: Alles, was der irrationale Macher in der Zukunft wieder ändern oder rückgängig machen müsste, wird er aus Bequemlichkeit unterlassen.
Als Notlösung helfen simple Regeln, die der rationale Planer für den irrationalen Macher aufstellt – etwa die Faustregel: „Konsumiere nur die Dividende, lasse die Substanz (den Aktienbestand) unangetastet.“ So kann das heutige Ich verhindern, dass das zukünftige Ich immer wieder Aktien verkauft, um konsumieren zu können, und so die Pen­sionsvorsorge kannibalisiert. Gutes Gelingen beim Verbessern Ihrer Selbstkontrolle!

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