„Das Wort ,Zins‘ wird wohl aus dem Duden gestrichen.“

Robert Halver, Kapitalmarktexperte der Baader Bank, nimmt Rückschläge an den Aktienmärkten mit Humor. Auf Einladung der Hellobank erklärt der beliebte Börsenkommentator unter anderem, warum die Zinsen weiter niedrig bleiben müssen.

„Ja, die Aktienmärkte sind sehr teuer, so teuer wie noch nie. Aber das ist Teil einer Realität, die uns nicht mehr verlassen wird.“ Robert Halver, Baader Bank AG (Foto: Baader Bank AG)

GEWINN: Die Aktienmärkte haben sich vielerorts bereits vom Corona-Crash ­erholt, während die Wirtschaft noch „in den Seilen hängt“. Die Börsen antizipieren ja bekanntlich die zukünftige Entwicklung, aber haben die Märkte diesesmal nicht eine zu rosarote Brille auf?
Halver: Die Aktienmärkte bezahlen derzeit die Zukunft mit sehr viel Vorschusslorbeeren. Die wirtschaftlichen Stimmungsindikatoren sind zwar durch die Bank aufwärts gerichtet. Aber Stimmungen sind noch keine harten Fakten, die müssen erst erbracht werden. Und wenn man sich die aktuelle Entwicklung der Covid-19-Zahlen ansieht, könnte es durchaus so sein, dass im Herbst wieder mehr geschlossen wird. Damit wären auch diese Aufwärtskräfte wieder geschwächt.

GEWINN: Sind Aktien damit zu teuer?
Halver: Ja, die Aktienmärkte sind sehr teuer, so teuer wie noch nie. Natürlich könnte man da sagen, das ist alles heiße Luft. Aber das ist Teil einer Realität, die uns nicht mehr verlassen wird. Die ­Liquiditätshausse treibt die Börsen, zum Beispiel im Hightech-Sektor in den USA, auf Niveaus, die es unter normalen Bedingungen niemals geben würde. Aber die Bewertungsfragen sind immer relativ zu stellen. Was ist denn die Alter­native zu Aktien? Man kann ja weder in Deutschland noch in Österreich Staatspapiere kaufen, die eine positive Rendite haben. Da frage ich mich, ist denn diese Anlageklasse attraktiv, die trotz immer schlechter werdender Bonität keine Zinsen mehr bietet und man nach Abzug der Inflation einen Vermögensverlust erleidet? Nein, das ist keine attraktive Alternative.

GEWINN: Manchen Privatanlegern sind Aktien dennoch zu „heiß“.
Halver: Man muss dann halt damit leben, dass man längerfristig nach Abzug der Inflation Kaufkraft verlieren wird. Wenn einem der Aktienmarkt zu teuer erscheint und man Angst hat, einzusteigen, dann gibt es ein wunderbares Instrument: nämlich Aktien- oder Fondssparpläne. Man investiert mit kleinen Beträgen jeden Monat. Wenn dann die Aktienmärkte runtergehen, ist das ja sogar gut in der Ansparphase. Da bekommt man dann ja mehr Aktien oder Fondsanteile für sein Geld.

GEWINN: Was macht Sie so sicher, dass das Geld so billig bleibt?
Halver: Man muss keine umfangreichen Studien machen, um zu erkennen, dass die heutigen Ausmaße der Staatsverschuldung bei steigenden Zinsen nicht mehr zu finanzieren sind. Würden die Zinsen steigen, würden unsere Systeme kollabieren. Das birgt wieder die Gefahr sozialer Unruhen. Daher gehe ich davon aus, dass die Zinslandschaft so bleibt, wie sie aktuell ist. Die Zinsen können mininmal steigen, aber wir werden nie mehr in die Lage versetzt werden, dass eine Notenbank die Zinsen auf Niveaus treiben könnte, wie sie früher üblich waren. Das Wort Zins wird wohl aus dem Duden gestrichen (lacht).

GEWINN: Die gute Entwicklung des US-Index S&P 500 lässt sich im Wesentlichen auf die Entwicklung von vier Aktien zurückführen – Alphabet, Amazon, Apple und Microsoft. Manche ziehen Vergleiche mit der Internet-Blase und sehen das als Warnsignal. Sie auch?
Halver: Das hat nichts mit der Dotcom-Blase zu tun, weil diese Firmen im Unterschied zu damals dramatisch viel Geld verdienen. Wenn man davon ausgeht, dass die Digitalisierung noch lange nicht abgeschlossen ist, sind diese Firmen mit ihren Geschäftsmodellen sehr gut aufgestellt, um auch in Zukunft weiter zu wachsen. Aber neben den bekannten großen Vier gibt es auch zahlreiche, wunderbare kleinere Unternehmen in diesem Bereich, die man nicht ignorieren sollte. Generell bin ich nach wie vor ein Fan des US-Aktienmarkts, da die USA weiterhin ein guter Nährboden für Hightech und Innovationen sein werden.

GEWINN: Die Schwellenländer haben sich – gerade in Asien – wirtschaftlich recht schnell wieder erholt. Dennoch gibt es auch Risken. Muss man in den Schwellenländern investiert sein?
Halver: Jein. . . Man muss hier unterscheiden zwischen Schwellenländern in Asien und Lateinamerika. Die asiatischen Märkte profitieren von China, das sich als Kommandowirtschaft besser als westliche Demokratien wirtschaftlich entwickeln kann. In China kann man den Aufschwung einfach befehlen, einfach mehr durchsetzen. Und es wird in der Region auch sehr stark auf Technologie und Innovation gesetzt. Im Vergleich dazu gibt es in Südamerika wenig Positives zu berichten. Diese Märkte sind sehr stark von den Rohstoffen abhängig. Das macht sie auch nicht so interessant, weil ein Wirtschaftsaufschwung in Zukunft nicht mehr wie früher unbedingt massiven Rohstoffverbrauch mit sich bringen muss. Daher sind jene Schwellenländer viel interessanter, die digitalisiert und innovativ sind. Die gehören als Depotbeimischung aus meiner Sicht unbedingt dazu.

GEWINN: Immobilien zählen in Österreich und Deutschland zu den beliebtesten ­Anlageformen. Wie stehen Sie dazu?
Halver: Betongold ist in Europa als Invest­ment prinzipiell interessant. Man muss den Markt aber differenziert betrachten. Einerseits werden wir in der Übergangsphase, bis die Wirtschaft nach Corona wieder rund läuft, bestimmt mancherorts Probleme mit Gewerbeimmobilien haben. Andererseits können Wohnimmobilien nach wie vor lukrative Investition sein. Immobilien werden so, gerade aufgrund der Zinsentwicklung, weiterhin viele Anleger anlocken. Jedoch nicht in Berlin, wo aufgrund der Mietpreisbremse keiner mehr inves­tieren möchte.

GEWINN: Die europäischen Aktienmärkte hinken noch hinterher – manche sehen darin eine besondere Chance für Anleger.
Halver: Es fehlen uns in Europa einfach die Unternehmen im Bereich Hightech und Digitalisierung. Wir haben zwar gerade in Deutschland in der zweiten Reihe viele interessante Firmen, die aber nicht so stark mit Hightech verbunden sind wie in den USA. Da hat Europa einfach ein Handicap.

GEWINN: Die Gold- und Silberpreise ­steigen seit Monaten stark an – selbst ein erklärter Kritiker wie Warren Buffett kauft Aktien von Goldminenunternehmen. Sind Edelmetalle aus Ihrer Sicht ein sinnvolles langfristiges Investment?
Halver: Gold ist als Beimischung durchaus sinnvoll. Denn das alte Gegenargument, wonach Gold keine Zinsen abwirft, ist heute obsolet. Auch bei Sparbüchern und Anleihen bekommt man heute keine Zinsen mehr. Wenn, wie derzeit, Vermögensverwalter als Schutz gegen Risken wie etwa geo­politische Spannungen in Gold inves­tieren, dann sind das klare Anzeichen dafür, dass Gold unter Schwankungen durchaus weiter steigen kann. Das kann man auch als Privatanleger machen. Aber nicht – wie Verschwörungstheoretiker empfehlen – möglichst zu 100 Prozent. Nein, bis zu zehn Prozent des liquiden Vermögens sind da durchaus sinnvoll. 

GEWINN: Derzeit hilft der Staat aus und pumpt sehr viel Geld in die Wirtschaft und privaten Haushalte. In Ihrer Kolumne auf www.hellobank.at warnen Sie vor ­einer „neuen Ära der Staatswirtschaft“. Was steckt dahinter?
Halver: Ich habe Verständnis dafür, dass der Staat eingreift, um in einer Übergangsphase wie aktuell den Menschen zu helfen, damit sie nicht die ­Perspektive verlieren. Aber wenn das längerfristig ausgereizt wird, um etwa bei Wählern zu punkten, besteht die Gefahr, dass man sich an diese sozialen Leistungen vom Staat gewöhnt. Damit wird der Boden für Staatswirtschaft im üblen Sinn aufbereitet. Denn diese zusätzlichen Ausgaben müssen auch finan­ziert werden. Das führt früher oder später zu Steuererhöhungen. Das wiederum ist Gift für Unternehmen. Und in einer globalisierten Weltwirtschaft können nicht nur Konzerne, sondern mittlerweile auch Firmen des Mittel­stands den Standort auswählen. Die verduften dann und kommen auch nicht mehr wieder. Ja, ein Staat muss helfend eingreifen, wenn die Krise da ist. Er muss sich aber wieder zurückziehen, wenn die Krise vorbei ist.

GEWINN: Aber gerade in Deutschland hatten ja zahlreiche Experten schon Jahre vor der Corona-Krise gefordert, dass der Staat doch endlich in die marode ­Infrastruktur investieren sollte.
Halver: Ich betrachte auch staatliche Investitionen in die Infrastruktur, in die Digitalisierung und in Innovationen als sinnvolle Investitionen, die Deutschland als Standort attraktiver machen. Oder die Schaffung eines Staatsfonds, der Start-ups finanziert. Problematisch finde ich es aber, wenn der Staat Schulden anhäuft um dauerhaft einseitig ­soziale Leistungen zu bezahlen.

Zur Person

Robert Halver zählt zu den beliebtesten Kapitalmarkt- und Börsenkommentatoren im deutschsprachigen Raum. Als Leiter der Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank tritt er regelmäßig bei Fernsehsendern und Radiostationen, auf Fachveranstaltungen und Anlegermessen sowie Fachpublikationen und als Kolumnist auf. Für die Hellobank, die anlässlich ihres 25-Jahr-Jubiläums eine Finanzbildungsinitiative gestartet hat, schreibt der studierte Betriebswirt regelmäßig Kommentare zu den aktuellen Börsenereignissen, die unter www.hellobank.at kostenlos abrufbar sind.

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