"Der chinesische Markt ist aus Sicht eines aktiven Investors ein Eldorado“

Wolfgang Fickus, Mitglied des Investmentkomitees des Fondsanbieters Comgest, beschreibt, warum der Ausblick für die Aktienmärkte in den Schwellenländern auch für 2018 überwiegend positiv ausfällt.

„Die Schwellenländer ­profitieren natürlich auch von der ­globalen, synchronen Wirtschaftserholung.“ Wolfgang Fickus, comgest (Foto: Peter Schmidt)

GEWINN: Die Aktienmärkte in den Schwellenländern sind letztes Jahr größtenteils sehr gut gelaufen. Wie schätzen Sie das weitere Potenzial ein?
Fickus: Nach der starken Hausse in den Schwellenländern im Jahr 2017 sehen wir jetzt schon die ersten kleinen Wolken für 2018, obwohl der Ausblick grundsätzlich eigentlich positiv ausfällt. Letztes Jahr wurde die Hälfte des Gewinnwachstums und der Aktienmarktperformance der Unternehmen im MSCI-Emerging-Markets-Aktienindex allein vom IT-Sektor getragen. Das zeigt, dass sich diese Volkswirtschaften strukturell weiterentwi­ckelt haben. Sie sind ­damit etwas weniger abhängig von typisch zyk­lischen Sektoren.

GEWINN: Was sind die Ursachen hinter dieser starken Entwicklung?
Fickus: Nach den eher schwierigen Jahren 2013 bis 2015 greifen die makroökonomischen Gleichgewichtsmechanismen wieder. Die Außenhandelsbilanzen sind erneut ins Lot gekommen, auch der Konsum hat sich stabilisiert. Man hat in einzelnen Ländern auch gesehen, wie Reformen in Gang gekommen sind, wie zum Beispiel in Indien. Und es geht konjunkturell seit Mitte 2016 etwas nach oben. Die Schwellenländer profitieren natürlich von der globalen, synchronen Wirtschaftserholung, die wir auch in Europa sehen. Das sollte auch 2018 anhalten und den Unternehmen ein weiterhin starkes Gewinnwachstum ermöglichen. Laut Konsensusschätzungen werden etwa im Durchschnitt zirka 15 Prozent Gewinnwachstum für die Unternehmen im MSCI-Emerging-Market-Index erwartet. Ein Vorteil der Schwellenländer gegenüber den entwi­ckelten Ländern ist außerdem, dass man hie und da noch Zinssenkungspotenzial hat, wie etwa in Südafrika oder auch in Brasilien. In den entwickelten Ländern geht’s bei den Zinsen nur noch nach oben.

GEWINN:  Sind die Aktien in den Schwellenländern nach den starken Kurszuwächsen nicht bereits teuer geworden?
Fickus: Der Aktienmarkt hat ja 2017 nur das Gewinnwachstum widergespiegelt. Damit sind die Schwellenländeraktien nicht teurer geworden. Sie werden mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von zwölf bis 13 immer noch mit einem Abschlag von 25 bis 30 Prozent zu den entwickelten Ländern gehandelt. 

GEWINN: Wo sehen Sie eventuelle Herausforderungen?
Fickus: Zum Beispiel hat innerhalb des IT-Sektors eine sehr starke Konzentration stattgefunden, was man eventuell als Gefahrenpotenzial sehen könnte. Dieses Konzentrationsrisiko in den beiden Unternehmen Tencent und Alibaba, die gemeinsam immerhin ein Drittel des MSCI-China-Aktienindex darstellen, ist ein zweischneidiges Schwert. Es wäre ganz normal, wenn nach einer derart dynamischen Entwicklung in diesem Bereich auch mal eine Korrektur stattfindet. Aber global betrachtet ist in den Schwellenländern noch Luft nach oben.

GEWINN: Wo sehen Sie innerhalb dieser recht inhomogenen Gruppe größeres Potenzial?
Fickus: Für uns sind die strukturellen und langfristigen Trends am wichtigsten. Diesbezüglich hat Asien innerhalb der Schwellenländer die Nase vorne. Vor allem China ist in einem positiven Transformationsprozess. Und ein weiteres großes Thema, das aus unserer Sicht nicht ausreichend beachtet wird, ist die Öffnung des chinesischen Aktienmarktes auf dem Festland. Der Aktienmarkt ist nach den USA der zweitgrößte Markt der Welt. Und die Hälfte dieser Marktkapitalisierung war uns bis vor drei Jahren nicht zugänglich. Er ist damit aus Sicht eines aktiven Investors ein Eldorado.

GEWINN: Warum ist China gerade für aktive Fondsmanager interessant?
Fickus: Der Markt ist aufgrund der Struktur der Anleger sehr ineffizient. Nur zehn Prozent der Marktkapitalisierung in ­China liegen in den Händen von professionellen Investoren, der Rest wird entweder vom Staat oder Privatanlegern gehalten. Wenn man mit diesen Ineffizienzen umgehen
kann, ist es ganz klar ein Markt für aktive Investoren. Die Streuung der Aktienrenditen, also der Unterschied zwischen den besten und schlechtesten Performern innerhalb des Index, ist in China dreimal so hoch wie in Europa. Das bedeutet, man kann sehr viel relative Rendite erwirtschaften, wenn man aktiv investiert und nicht nur eins zu eins den Index abbildet.

GEWINN: Manche Marktbeobachter warnen vor der hohen Verschuldung der chinesischen Wirtschaft?
Fickus: Sicherlich ist das Verschuldungsprob­lem ein Thema, das beobachten wir auch. Doch seit ein, zwei Jahren werden von staatlicher Seite wirksame Schritte gesetzt, um diese Entwicklung zu stoppen. Die Regierung geht etwa gegen Schattenbanken vor. Außerdem ist der Verschuldungsstand nicht bei den Konsumenten, sondern bei den Unternehmen, insbesondere bei den Staatsunternehmen recht hoch. Wir halten uns daher in China aus dem Bankensektor raus.

GEWINN: Welche Märkte sehen Sie im Vergleich dazu als weniger chancenreich an?
Fickus: Zu den volatileren Märkten zählen etwa Russland, Brasilien oder Südafrika. Diese Volkswirtschaften sind immer noch recht deutlich von den Rohstoffmärkten abhängig und haben sich strukturell noch nicht so positiv wie etwa China, Südkorea oder Taiwan entwickelt. In diesen rohstofflastigen Volkswirtschaften wurde konjunkturell das Tief im Jahr 2016 durchschritten und sie befinden sich derzeit auf einem langsamen Weg der Besserung. Aber die Erholung ist zu weiten Teilen schon in den Aktienkursen dieser Märkte enthalten.

GEWINN: Sie bezeichnen sich als Qualitäts-Wachstums-Investoren. Was heißt das konkret?
Fickus: Wir wollen langfristig in Unternehmen investieren, theoretisch sie sogar ewig halten – in der Praxis zumindest fünf Jahre. Und wenn man so lange investiert sein möchte, kann der Konjunkturzyklus nicht der ausschlaggebende Punkt sein. Zu unseren Kriterien bei der Auswahl der Unternehmen zählen dagegen eine attraktive Bewertung, dynamisches Gewinnwachstum und eine gewisse Vorhersagbarkeit der Gewinnentwicklung. Wir meiden konjunktursensitive Unternehmen und waren etwa im Magellan-Fonds so gut wie nie im Energie- oder Rohstoffsektor investiert. Wir versuchen dabei immer jene Unternehmen ins Portfolio zu holen, die Bottom-up-Wachstumsfaktoren aufweisen. Entweder sind es strukturelle Markttrends, oder man hat Unternehmen wie etwa die brasilianische Localiza. Das ist der größte Autovermieter in Brasilien und er hat in der Wirtschaftskrise stark Marktanteile dazugewonnen und viele kleinere Anbieter aus dem Markt gedrängt.

GEWINN: Was verstehen Sie unter strukturellen Markttrends?
Fickus: Ein struktureller Wachstumtrend in den Emerging Markets ist zum Beispiel der Bereich Versicherungen. Wenn man zu Wohlstand kommt, hat man auch etwas abzusichern. So sind wir in Ping An Insurance, einem chinesischen Versicherungsunternehmen, investiert. Dort ist auch der Wettbewerb noch nicht so stark wie in Europa, die Unternehmen sind sehr profitabel.

GEWINN: Ihr Investmentansatz ist stark konzentriert. Das heißt, Sie haben vergleichsweise wenig Aktien in Ihren Fonds. Setzt man sich dadurch nicht einem höheren Risiko aus?
Fickus: Für eine ausreichende Risikostreuung im Sinne eines optimierten Verhältnisses von Rendite zu Risiko braucht man theoretisch nur 15 Aktien. Alles darüber hinaus wäre eigentlich nicht notwendig. In der Praxis haben wir in Portfolios für die europäischen Märkte rund 25 Positionen, in den Schwellenländern sind wir im Moment bei 49, weil hier die Märkte etwas volatiler sind.

GEWINN: Sie sind laut eigenen Angaben derzeit nicht in den dominanten IT-Riesen Alibaba und Tencent investiert, die an der Börse enorm zulegen konnten. Fehlt Ihnen dadurch in Ihren Fonds nicht ein Teil der Performance?
Fickus: Wir waren 2017 nicht in diesen Aktien investiert und konnten den Markt dennoch leicht schlagen.Wir setzen uns nicht dem großen Konzentrationsrisiko aus, das bei Alibaba und Tencent herrscht. Es gibt aber abseits davon genügend dynamisch wachsende Unternehmen, man muss nicht unbedingt in diesen beiden großen Tankern investiert sein. Wir hatten auch einige andere Aktien, deren Börsenkurs sich in der Zeit verdoppelt hat.

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