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„Die Folgen des Corona-Virus lassen sich jetzt noch nicht genau abschätzen"

Laut Davide Andoloro, Volkswirt bei Goldman Sachs Asset Management, sollte man trotz der aktuellen Turbulenzen langfristig auch in Aktien investiert sein.

 

(Foto: Goldmann Sachs Asset Management)

GEWINN: Wie schätzen Sie die Entwicklung der Weltwirtschaft für 2020 ein?
Andoloro: Es ist derzeit aufgrund der Ausbreitung des Corona-Virus sehr schwierig, die fundamentalen Faktoren von den Angstfaktoren zu trennen. Wenn man das Virus in der Betrachtung ausblenden könnte, würden wir für die Weltwirtschaft 2020 im Vergleich zu 2019 momentan noch ein höheres Wachstum erwarten – was allerdings derzeit fraglich ist. Denn das Problem ist, dass sowohl die Ansteckungsfälle als auch die Marktdynamik täglich zunehmen. Und dies wirft natürlich auch eine Menge Fragen zum möglichen globalen Wachstum für 2020 auf. Ehrlich gesagt, lassen sich die Folgen nicht genau abschätzen, da die Situation außergewöhnlich unübersichtlich ist und wohl weiter im Fluss bleibt. Auf jeden Fall sollte man keine voreiligen Schlüsse ziehen, sondern die Situation noch genauer beobachten – und überlegt handeln.

GEWINN: Mit Wachstum in welcher Höhe rechnen Sie demnach?
Andoloro: Wir haben unsere Wachstumsaussichten nach unten korrigiert. So sinkt unsere Basiseinschätzung des weltweiten BIP-Wachstums für 2020 von 3,4 zu Beginn des Jahres auf etwa 2,0 Prozent, wobei sich die Schwäche auf die erste Jahreshälfte konzent­riert. Beispiel USA: Wir rechnen nach der jüngsten Zinssenkung durch die Notenbank Fed mit einer weiteren Lockerung in den kommenden Monaten – möglicherweise in den nächsten Wochen. Wir glauben, dass das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts in den USA auf etwa 1,3 Prozent schrumpfen wird.

GEWINN: Gibt es regionale Unterschiede beim erwarteten Wirtschaftswachstum?
Andoloro: Schauen wir uns Europa an: Corona zeigt auch hier Wirkung, etwa durch geringere Exportnachfrage, Unterbrechungen der Lieferketten und eine schwächere Inlandsnachfrage. Weitere Präzisierungen sind auch hier aktuell schwierig. Aber es ist wahrscheinlich, dass die Euro-Zone zwei aufeinander folgende Quartale mit negativem Wachstum leben muss – und damit in eine technische Rezession eintreten könnte. Dennoch erwarten wir, dass sich die Situation stabilisiert und eine Belebung in der zweiten Jahreshälfte eintritt. Wir halten es für unwahrscheinlich, dass die EZB aufgrund des begrenzten politischen Spielraums so aggressiv wie andere Zentralbanken agieren wird. Wir glauben zudem, dass es zu gezielten Hilfsmaßnahmen kommen könnte, etwa Kreditprogramme für mittelständische Unternehmen in Not.

GEWINN: In den vergangenen Jahren konnten sich Anleger über hohe Erträge auf der Aktien- und auf der Anleihenseite freuen.
Andoloro: In den nächsten zehn Jahren erwarten wir tendenziell geringere Erträge als in den vergangenen zehn, die vergleichsweise  sehr gut waren. Vor allem, weil auf der Anleihenseite eine Fortsetzung der bisher hohen Erträge aus unserer Sicht unwahrscheinlich ist. Wir glauben daher, dass man in Aktien inves­tiert sein sollte. Hier ist das Verhältnis zwischen potenziellem Ertrag und Risiko besser als in allen anderen Anlageklassen.

GEWINN: Sollte man Anleihen damit aus dem Portfolio gänzlich „verbannen“?
Andoloro: Nein. Das bedeutet nicht, dass man auf Anleihen, vor allem sichere Staatsanleihen, im Portfolio verzichten kann. Sie steuern zur notwendigen Risikostreuung bei. Um mit Anleihen auch einen positiven Ertrag zu erzielen, muss man im Vergleich zu früher aber deutlich aktiver vorgehen. Generell sollte man bei der Aufteilung des Vermögens verschiedene Anlageklassen unterscheiden, nämlich Investments, die eine Diversifikation, und jene, die Ertrag bringen sollen. Je mehr Diversifikation, desto besser. Auch Private Equity oder Private Debt können bei größeren Portfolios für eine bessere Risikostreuung sorgen. Und man sollte generell nicht nur die Erträge, sondern immer auch das damit verbundene Risiko in Betracht ziehen, das tendenziell geringer als früher ist. Unterm Strich wäre es damit aus Sicht der Anleger durchaus in Ordnung, etwas geringere Erträge bei geringerem Risiko zu erhalten.

GEWINN: Viele Experten erwarten eine „Secular Stagnation“ – also ein neues Zeitalter stagnierenden Wirtschaftswachstums.
Andoloro: Prinzipiell sehe ich das ähnlich, wobei ich weniger von einer Stagnation, sondern eher von einer Anpassung hin zu einem niedrigeren Wachstum ausgehe. Die Wachstumsrate einer industriell dominierten Volkswirtschaft ist tendenziell höher als das Wachstum einer stark von Dienstleistungen geprägten Wirtschaft. Außerdem kann das Bruttoinlandsprodukt als Maßstab nicht alles fassen, was eine moderne Volkswirtschaft ausmacht. Diese Kennzahl ist eher dazu geeignet, eine industrielle Wirtschaft zu beschreiben.

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