„Die meisten Investoren sind besessen von der Jagd nach kurzfristigen Erträgen!“

Arnaud Cosserat, Chef des Fondsanbieters Comgest, erklärt zum 30-jährigen Jubiläum der europäischen Aktienstrategie von Comgest, welche Unternehmen in Europa mit dem Wachstum von US-Aktien mithalten können.

Arnaud Cosserat, CEO und Chefanleger von Comgest, im Gespräch mit GEWINN (Foto: Comgest/Antoine Doyen)

GEWINN: Sie sind seit 1996 bei Comgest. In dieser Zeit blieb an den Finanzmärkten kein Stein auf dem anderen. Was ist Ihre wichtigste Erkenntnis aus über 20 Jahren Fondsmanagement?

Cosserat: Wir sind überzeugt, dass langfristig die fundamentalen Werte eines Unternehmens für einen großen Teil der Entwicklung von Aktienkursen verantwortlich sind. Kurzfristig stimmt das nicht, da ist die Kursentwicklung durch Übertreibungen und irrationales Verhalten geprägt. Aber auf lange Sicht verhält sich der Kurs einer Aktie wie die Fähigkeit des Unternehmens, steigende Erträge, Dividenden oder Cashflows zu generieren. Die meisten Investoren sind besessen von der Jagd nach kurzfristigen Erträgen und bringen nicht die Geduld auf, den langfris­tigen Kursanstieg einer Aktie abzuwarten. Und die Geduld wird immer geringer. Laut einer Analyse der New Yorker Börse betrug die durchschnittliche Haltedauer einer Aktie 1960 acht Jahre, 1970 fünf Jahre, 1980 weniger als drei Jahre, 2000 14 Monate und 2010 sechs Monate.

GEWINN: Alle Comgest-Fonds investieren laut eigenen Angaben nur in „Wachstums-Qualitäts-Aktien“. Was verstehen Sie darunter?

Cosserat: Wir suchen Qualitätsunternehmen, die Produkte oder Dienstleis­tungen anbieten, die einzigartig und schwer zu kopieren sind. Wenn das zutrifft, hat das Unternehmen die Macht, die Preise festzulegen und damit eine starke Profitabilität zu erzielen.

GEWINN: Ein Beispiel?

Cosserat: Bei EssilorLuxottica, einem weltweit führenden Anbieter von Brillengläsern und Brillengestellen etwa, ist nicht das Produkt so einzigartig, sondern die Qualität und der Service. Die Gläser an sich sind ja relativ leicht nachzumachen, aber die Optiker können nicht eine Auswahl von 50.000 verschiedenen Produkten und Varianten lagern. Hier bietet EssilorLuxottica eine verlässliche Just-in-time-Lieferung an. Und das kann dem Unternehmen nicht so leicht einer nachmachen.

GEWINN: Und in Bezug auf Wachstum?

Cosserat: Hier sind wir auf der Suche nach Firmen, die nachhaltig ein Ergebniswachstum von zehn Prozent pro Jahr liefern. Diese Unternehmen sollten in Bereichen tätig sein, die von strukturellen Wachstumstrends profitieren, wie etwa der Alterung der Gesellschaft oder der Digitalisierung, und nicht vom zyklischen Wachstum abhängig sind.

GEWINN: So starkes Wachstum ist aber nur schwer lange durchzuhalten, oder?

Cosserat: Ja, aber es gibt Unternehmen, die das schaffen – wie etwa Dassault Systèmes. Das Software-Entwicklungsunternehmen wurde 1996 vom Flugzeugbauer Dassault Aviation abgespalten. Es ist auf 3D-Design-Software spezialisiert und bietet in diesem Bereich weltweit einzigartige Lösungen an.

GEWINN: Sie investierten bisher nicht in Banken. Warum?

Cosserat: An sich sind wir ja agnostisch in Bezug auf einzelne Branchen oder Märkte. Wir sind als reiner Bottom-up-Investor ja auf der Suche nach Einzelunternehmen, die unsere strengen Kriterien erfüllen, ungeachtet ihrer Branche. Aber wir haben bisher nie in Banken investiert, weil dieser Markt kein strukturelles Wachstum aufweisen kann. Außerdem sind die Risken in diesem Bereich sehr schwer zu analysieren und der Wettbewerbsdruck ist extrem hoch. Damit sind Banken eigentlich genau das Gegenteil dessen, was wir suchen. Ebenso werden wir bei Rohstoffunternehmern oder Autobauern so gut wie nie fündig – mit Ausnahme von Ferrari.

GEWINN: In welchen Branchen werden Sie dann tendenziell eher fündig?

Cosserat: Etwa im Bereich Gesundheitsversorgung oder Technologie.

GEWINN: In Ihrem Kommentar zum 30-jährigen Bestehen der europäischen Aktienstrategie von Comgest schreiben Sie, dass es für viele, erfolgreiche Wachstumsunternehmen in den USA auch ein Äquivalent dazu in Europa gäbe: Für Procter & Gamble gab es L’Oréal und für Oracle in den USA gab es SAP in Deutschland. Wo sind die Pendants zu Google, Facebook und Co.?

Cosserat: Sie haben Recht. Diese riesigen Technologie-„Gorillas“ gibt es in Europa nicht, aber dennoch sehr viele interessante Wachstumsunternehmen, wie zum Beispiel die Straumann Holding aus der Schweiz. Das Unternehmen ist Weltmarktführer für Zahnimplantate und investiert sehr viel in Forschung und Entwicklung in diesem und verwandten Bereichen. So hat Straumann in den letzten Jahren etwa sehr erfolgreich neue kostengünstigere Zahnersatzlösungen entwickelt und auf den Markt gebracht, der weltweit über riesiges Potenzial verfügt. Oder im IT-Bereich gibt es etwa Amadeus. Das spanische Unternehmen bietet Softwarelösungen für die Flugbranche und verlinkt die Fluglinien mit den Reiseagenturen und hilft ihnen damit, effizienter zu arbeiten. Amadeus hat in diesem Bereich einen Marktanteil von 40 Prozent weltweit. Auch ASML ist ein gutes Beispiel. Das niederländische Unternehmen beliefert die Chiphersteller mit Lithographietechnologie, die es ermöglicht, kleinere und hochleistungsfähige Computerchips zu bauen, und hat in diesem Markt ein Weltmonopol.

GEWINN: Schauen Sie bei Aktien auch auf den Preis?

Cosserat: Die Bewertungen von Unternehmen an der Börse spielen eine entscheidende Rolle, stehen aber nicht an erster Stelle im Investmentprozess. Zuerst müssen wir die aus unserer Sicht passenden Wachstumsunternehmen mit hohen Eintrittsbarrieren und Preissetzungsmacht finden. Dann schauen wir erst auf den Preis. Das kann auch bedeuten, dass wir sehr geduldig warten, bis ein Unternehmen zu einem Preis gehandelt wird, den wir zu zahlen bereit sind. So war etwa der Luxusgüterkonzern Hermès in den letzten 25 Jahren nur in zwei Phasen so günstig bewertet, dass wir darin investiert haben: 2004 und 2015. Auch Geberit ist ein phantas­tisches Unternehmen, aber mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von über 29 aktuell aus unserer Sicht viel zu teuer.

GEWINN: Verkaufen Sie auch Aktien, wenn sie zu teuer geworden sind?

Cosserat: Ja, so haben wir etwa in der Internet-Blase zur Jahrtausendwende alle Technologiewerte verkauft.

GEWINN: Aus welchen anderen Gründen fliegen Aktien aus dem Depot?

Cosserat: Wenn es sich abzeichnet, dass Unternehmen eine gewisse Reife erreicht haben und sie das starke Wachstum nicht mehr liefern können. Denn kein Unternehmen kann für immer in dem Tempo wachsen. Und wir versuchen zu verkaufen, bevor das Wachstum sich verlangsamt. Wir haben etwa 17 Jahre lang Aktien der Supermarktkette Tesco gehalten, aber als sich die Anzeichen verdichteten, dass Tesco das starke Wachstum nicht halten können wird, haben wir verkauft.

GEWINN: Woran erkennt man rechtzeitig, dass das Wachstum abflacht?

Cosserat: Tesco hatte in seinen Stammmärkten irgendwann so hohe Marktanteile erreicht, dass klar war, dass sie nicht mehr langfristig weiter so stark wachsen konnten. Kurzfristig konnten sie zwar das Wachstum durch eine kostspielige Expansion halten, die aber zulasten der Profitabilität ging.

GEWINN:  ETFs, die Märkte passiv eins zu eins abbilden, erfreuen sich steigender Beliebtheit. Ist das eine Bedrohung für einen aktiven Manager wie Comgest?

Cosserat: Nein, ETFs haben zwar einen großen Einfluss auf den Fondsmarkt, aber weniger auf unser Geschäft. Den Druck verspüren eher Fondsanbieter, deren Produkte sich sehr eng an die Vergleichsindizes knüpfen und bei denen Anleger nicht bereit sind, für diese Fonds auch noch Managementgebühren zu zahlen. Wir hingegen sind sehr aktive Manager und haben konzentrierte Portfolios, die sich zu 90 Prozent vom Index unterscheiden. Damit konnten wir bisher auch langfristig einen Mehrertrag erzielen. Während der Markt im Schnitt 6,5 Prozent Gesamtertrag inklusive Dividenden brachte, konnte unser Fonds 9,5 Prozent nach Kosten erwirtschaften bei gleichzeitig geringerer Volatilität als im Gesamtmarkt.

Zur Person

Arnaud Cosserat  ist seit 1996 für Comgest tätig und heute Vorstandsvorsitzender sowie Chefanleger der Comgest-Gruppe, die vor 30 Jahren mit dem Comgest Growth Europe ihren ersten Fonds aufgelegt hatte. Heute verwaltet die internationale Fondsgesellschaft mit über 170 Mitarbeitern in Niederlassungen in
Paris, Dublin, Hong Kong, Tokio, Singapur, Düsseldorf, Amsterdam und Boston rund 32 Milliarden Euro an Kundengeldern.

GEWINN verwendet Cookies um die Website möglichst benutzerfreundlich zu gestalten und Ihnen damit den bestmöglichen Service zu gewährleisten.
Wenn Sie fortfahren, stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu.