"Die Weltwirtschaft befindet sich an einer Weggabelung“

Martin Bruckner, der erfahrene Chefanleger der Allianz Gruppe in Österreich, hat keine Angst vor einem Aktienmarktcrash, weil „es danach immer noch weitergegangen ist“.

„Herr und Frau Österreicher haben viel zu viel Geld auf dem Sparbuch ­liegen. So hohe Reserven für Unvorhergesehenes sind nicht notwendig.“ Martin Bruckner, Allianz Gruppe in Österreich (Foto: Michael Hetzmannseder)

GEWINN: Das Zinsniveau ist seit Jahren niedrig und zuletzt sogar auf neue Rekordniveaus gesunken. Wie lange wird das noch so gehen?
Bruckner: Wir gehen davon aus, dass die Geldpolitik weiterhin expansiv bleiben wird und wir damit längere Zeit in einem Niedrigzinsumfeld bleiben. Dieses Zinsniveau, das vor ein paar Jahren noch undenkbar war, stellt für uns eine ziemliche Herausforderung dar.

GEWINN: Die europäische Zentralbank will ja damit die Inflation auf knapp unter zwei Prozent anheben. Ist dieses Ziel überhaupt noch erstrebenswert?
Bruckner: Ja, dieser Zielwert ist durchaus noch sinnvoll, weil damit ein gewisses Wirtschaftswachstum impliziert wird. Die Inflation in Europa ist ja durchwegs zu niedrig.

GEWINN: Billionen an Euro-Staatsanleihen haben derzeit negative Renditen. Viele Versicherungen und Pensionskassen sehen sich dennoch gezwungen, weiter in „sichere“ Staatsanleihen zu investieren. Warum?
Bruckner: Versicherungen etwa halten die Anleihen zum einen, um das Risiko besser zu streuen, aber zum anderen auch, weil sie langlaufende Verbindlichkeiten haben, die mit langlaufenden Wertanlagen bedient werden müssen. Das können auch Infrastrukturinvestments sein, die aber auch vom Niedrigzinsniveau beeinflusst sind, das auf fast alleAnlageklassen ausstrahlt. Das erklärt auch den Preisanstieg bei Immobilien.

GEWINN: Immer mehr Geld fließt in einen Markt, indem die Preise stark steigen. Besteht nicht die Gefahr, dass es hier einmal zu einer massiven Verkaufswelle führt?
Bruckner: Das konnte man ja bereits beobachten. Als die EZB mit Ende 2018 den Zukauf weiterer Anleihen einstellte,  gingen die Renditen spürbar nach oben  respektive die Kurse nach unten. Diesen Effekt wird man wieder beobachten können, wenn die Notenbanken ihre Anleihenkäufe irgendwann einstellen. Aber ich gehe davon aus, dass die Notenbanken das sehr vorsichtig und behutsam machen werden, um nicht die Stabilität des Marktes zu riskieren.

GEWINN: Wie reagieren Sie in Ihrer Anlagestrategie auf die negativen Renditen bei vielen Anleihen?
Bruckner: Indem wir versuchen, möglichst wenig in diesem Marktsegment zu halten und breit zu diversifizieren und, so weit möglich, andere Anlageklassen mit ins Depot zu nehmen, um dort Erträge zu lukrieren. So sind Aktien, deren durchschnittliche Dividendenrendite weiter über den Renditen von Anleihen liegt, ein sehr gutes Inst­rument, um einen laufenden Ertrag zu erwirtschaften.

GEWINN: Die Rally an den Aktienmärkten dauert – abgesehen von einigen Ausnahmen – schon seit mehr als zehn Jahren an. Droht hier nicht ein möglicher Rückschlag?
Bruckner: Wenn man über lange Zeit und kontinuierlich in Aktien investiert, ist der Zeitpunkt des Einstiegs nicht entscheidend. Ich bin seit 1987 beruflich auf dem Finanzmarkt tätig und habe in der Zeit schon fünf oder sechs Crashes an den Aktienmärkten erlebt. Und danach ist es immer noch weitergegangen. Wenn man einen langen Anlagehorizont hat und diese Schwankungen aussitzen kann, ist es eine gute Wertanlage. Das Hauptproblem ist dabei eher die menschliche Psyche und die Frage, ob man es aushält, wenn die Vermögenswerte schwanken.

GEWINN: Sie müssen ja langfristig planen, wie Sie betont haben. Von welchen Aktienerträgen gehen Sie in dieser Planung aus?
Bruckner: Einen konkreten Prozentsatz kann man sinnvollerweise nicht nennen, aber typischerweise bewegen sich die Erträge aus Aktieninvestments zwischen zwei und vier Prozent über dem Zinssatz risikofreier Anlagen.

GEWINN: Wie sehen die Chancen an den Aktienmärkten kurz- bis mittelfristig aus?
Bruckner: Wir sehen das derzeit eher neutral, weil sich die Weltwirtschaft  momentan an einer Weggabelung befindet. Einerseits ist die Situation doch offenbar ein wenig fragil, weil sich die Notenbanken gezwungen sehen, vorsorglich einzugreifen. Andererseits glaube ich nicht, dass wir in eine Rezession abgleiten.

GEWINN: Nachhaltige Investments sind derzeit in aller Munde. Ist das nur ein Trendthema oder langfristig von Bedeutung?
Bruckner: Wir als Versicherung haben ein ganz großes Interesse daran, dass die Erderwärmung nicht weiter fortschreitet, weil wir ja für die Schäden aus Stürmen und anderen Naturkatastrophen aufkommen müssen. Daher kooperieren wir seit 2014 mit dem World Wild Fund for Nature und unterziehen unser gesamtes Portfolio einer genauen Prüfung, mit dem Ziel unsere Veranlagung nachhaltiger zu gestalten und damit einen Beitrag zu leisten. Wir waren das erste Unternehmen in Österreich, das seine gesamten Kapitalanlagen und nicht nur einen Teilbereich anhand nachhaltiger Kriterien bewerten lässt, und haben auch ganz konkrete Ziele, unsere Bewertung schrittweise zu verbessern. So haben wir etwa alle Inves­titionen in Kohle abgestoßen. 

GEWINN: Wie sollte man auf die niedrigen Zinsen reagieren?
Bruckner: Herr und Frau Österreicher haben viel zu viel Geld auf dem Sparbuch liegen. So hohe Reserven für Unvorhergesehenes sind einfach nicht notwendig. Und damit kann man sich „arm sparen“, weil die Inflation für einen Kaufkraftverlust sorgt. Untersuchungen der Allianz zeigen, dass wir bei den Erträgen der privaten Geldanlage regelmäßig neben Deutschland zu den Schlusslichtern zählen. Ein Grund ist sicher die mangelnde Bildung in Finanzthemen hierzulande.

GEWINN: Worin investieren Sie abseits von Anleihen und Aktien?
Bruckner: Zum einen investieren wir in Immobilien, in letzter Zeit verstärkt auch in Infrastrukturprojekte. Wir haben uns zum Beispiel über die Allianz Gruppe an der Gas Connect Austria der OMV beteiligt. 

GEWINN verwendet Cookies um die Website möglichst benutzerfreundlich zu gestalten und Ihnen damit den bestmöglichen Service zu gewährleisten.
Wenn Sie fortfahren, stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu.