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Einstieg in den Aktienmarkt: Alles auf einmal oder in Tranchen investieren?

Den Sprung ist kalte Wasser wagen oder doch vorsichtig und schrittweise investieren? Diese Frage stellen sich auch viele Anleger beim Einstieg in den Aktienmarkt

(Foto: PeskyMonkey - GettyImages.com)

Die meisten Privatanleger, die erstmalig in den Aktienmarkt investieren möchten oder einen für ihre Verhältnisse hohen Betrag nachinvestieren wollen, stellen sich die Frage, ob sie das Geld sofort in einer Summe in den Markt geben oder stattdessen schrittweise über einen längeren Zeitraum verteilt „einsteigen“ sollen. Manche überlegen sogar, ob es grundsätzlich besser sein könnte, erst einmal gar nichts zu tun und abzuwarten. In diesem Artikel beleuchten wir diese relevante Fragestellung von mehreren Seiten.

Statistik: Sofort investieren bringt höhere Rendite

Aus der Sicht der Wissenschaft besteht kein Zweifel: Sofort den gesamten Betrag zu investieren bringt eine höhere erwartete Rendite als ein schrittweiser Einstieg in den Aktienmarkt. Diese Feststellung ist statistisch eindeutig; man könnte auch sagen schwarz-weiß.

Was steckt hinter dieser Feststellung? Aktien besitzen bei normalen Bewertungsverhältnissen eine etwa siebenmal so hohe Renditeerwartung wie das „Sparbuch“,  sprich: die „risikofreie“ Anlage (sehr kurzfristige Staatsanleihen hoher Bonität).

Zweitens haben Aktien immer eine Renditeerwartung größer null, unabhängig davon, auf welchem Bewertungsniveau sie stehen. Somit verpasst man „jeden Tag“, an dem man nicht investiert ist, Rendite bzw. Ertrag im Sinne des Erwartungswertes.

Drittens sind Aktienkurse kurz- und mittelfristig (über einen Zeitraum von einem Tag bis rund fünf Jahre) nicht verlässlich genug prognostizierbar, um damit nach Kosten und Risiko eine zuverlässige Mehrrendite gegenüber dem Marktdurchschnitt erzielen zu können. Das gilt zu jedem Zeitpunkt; egal, ob die Kurse in den letzten sechs Monaten um 40 Prozent gefallen oder in den vergangenen fünf Jahren um 200 Prozent gestiegen sind.
Die kurz- und mittelfristige Nichtprog­nostizierbarkeit von Aktienkursen ist für viele Anleger mental schwer akzeptierbar, das ändert aber nichts an den Fakten.

Praxis bestätigt die Theorie

Die oben erwähnte erwartete Rendite ist ein statistisches Konzept, und genau da beginnt das Problem für die menschliche Psyche. Wir wollen das daher anhand konkreter historischer Ergebnisse erläutern und betrachten den globalen Aktienmarkt in den letzten 94,4 Jahren beziehungsweise 1.133 Monaten – soweit reichen, die für uns verfügbaren Daten zurück.

Wir stellen uns zwei Privatanleger vor und spielen die zwei unterschiedlichen Strategien (Einmalerlag vs. schrittweiser Einstieg) immer wieder durch: Anna und Robert wollen jeweils 100.000 Euro in den Aktienmarkt investieren. Anna investiert alles auf einmal, Robert verteilt seine Investition aus Vorsichtsgründen über 36 Monate.

Wir starten diesen Versuch an jedem der 1.133 Monate und haben damit im Prinzip 1.133 Vergleichsfälle. Da in den letzten 35 Monaten bis Mai 2020 keine ganzen Drei-Jahres-Zeiträume mehr vorliegen, ignorieren wir diese Schlusszeiträume in unserer Auswertung. Damit bleiben 1.098 Vergleichsfälle (1.133 minus 35) über ein Zeitfenster von jeweils 36 Monaten.

Nun werten wir aus, wer von den beiden in den 1.098 vollständigen Drei-Jahres-Zeiträumen häufiger vorne liegt. Das Ergebnis: Anna gewinnt das Rennen basierend  auf den tatsächlichen Renditen im Vergleichszeitraum in 73 Prozent der Fälle. Sie liegt häufiger vorne und der durchschnittliche reale Vermögensendwert nach 36 Monaten beträgt bei ihr rund 126.000 Euro gegenüber „nur“ ca. 113.000 Euro bei Robert.

Natürlich befinden sich unter den 27 Prozent aller Fälle, die zugunsten von Robert verlaufen, auch einige wenige, bei denen sein Renditevorteil hoch ist. Aber alles in allem bleibt die Gesamtschlussfolgerung eindeutig: Die Strategie, sofort alles zu investieren, schlägt den Ansatz einer schrittweisen Inves­tition deutlich.

Faktor Mensch

Nun ist es jedoch so, dass eine real exis­tierende Privatanlegerin, nennen wir sie Juliane, keine 1.098 Versuche wie im oben genannten Beispiel hat, sondern nur einen. Sie kann ihr Geld ja nur einmal investieren.
Statistisch und rational betrachtet müsste Juliane zwar auch sofort alles investieren. Sollte aber ihr einziger Versuch genau zu jenen 27 Prozent der Fälle zählen, die einen schlechteren Ertrag bringen als ein schrittweises Investment, wird sie diese Entscheidung vermutlich für einige Zeit bereuen – wie die meisten Privatanleger.
Je nach persönlichem Naturell und konk­retem Renditeergebnis wird sie es vielleicht sogar stark schmerzen, denn bekanntlich tun Verluste mehr weh als Gewinne gut tun. Etwas abgeschwächt gilt das auch für relative Verluste, sprich: geringere positive Renditen, als eine subjektiv gewählte Vergleichsmarke.

Weil das so ist, dürften die meisten Privatanleger, die eben kein stark vernunft- und datengesteuerter Homo Oeconomicus sind, im Sinne ihrer „psychologischen Rationalität“ besser damit fahren, ihren Aktienmarkteinstieg über zwölf bis 36 Monate zu stre­cken.

Warten auf bessere Zeiten

Ein Anleger, nennen wir ihn Harry, macht sich große Sorgen, ob der jetzige Einstiegszeitpunkt an den Aktienmärkten nicht besonders risikoreich sei. Harry will jedoch weder alles auf einmal noch etappenweise in Aktien investieren, sondern entscheidet sich stattdessen, bis auf Weiteres zuzuwarten. Denn Harry empfindet selbst einen gestreckten Einstieg über zwölf oder 36 Monate als noch zu gewagt. Vermutlich ist das jene Methode, die rund 95 Prozent aller Deutschen und Österreicher seit jeher praktizieren.

Diese Methode führt typischerweise dazu, dass Harry bis zu seinem Lebensende nie einsteigt, weil gefühlt immer der falsche Zeitpunkt für einen Einstieg ist: Wenn der Aktienmarkt in der jüngeren Vergangenheit deutlich gestiegen ist, fürchten wir uns vor einem überbewerteten, absturzgefährdeten Markt. Ist der Markt in der jüngeren Vergangenheit heftig gefallen, haben wir Angst vor dem Risiko eines weiter einbrechenden Marktes.

Wer jetzt aber gar nie einsteigt, der wird die siebenmal so hohe Langfristrendite des Aktienmarktes gegenüber dem „Sparbuch“ für den Rest seines Lebens verpassen – wie die große Mehrheit aller Haushalte in Deutschland und Österreich. Wir halten daher das „Warten auf bessere Zeiten“ für die schlechteste Wahl überhaupt.

Fazit

Wer sich in Sachen Finanzen für einen sehr rationalen Homo Oeconomicus hält, wird einen vorhandenen Cash-Betrag zu jedem beliebigen Zeitpunkt so bald und so schnell wie möglich in einer Summe in den Aktienmarkt investieren, weil er damit die statistische Ertragserwartung maximiert.

Wer sich der Mehrheit real existierender Homo Sapiens zurechnet, die auch in Gelddingen Emotionen haben, wird in den meisten Börsensituationen mental-emotional besser damit fahren, mit einem zu investierenden Cash-Betrag gestreckt und regelbasiert in den Markt einzusteigen, z. B. über zwölf oder 24 Monate.

Gar nichts zu tun und bis zum „richtigen“ oder bis zu einem „besseren“ Einstiegszeitpunkt zu warten, dürfte zu jedem gegebenen Zeitpunkt die schlechteste und zugleich die am meisten verbreitete Strategie sein.

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