Familiarity Bias: Vertraue dem Vertrauten?

„Trotz einer Verzinsung gleich null bevorzugen viele Anleger immer noch die vertraute Sparbuchvariante!“

Foto: johan10 - GettyImages.com

Kennen Sie auch jemanden, der noch Euro-Beträge in Schilling umrechnet? Zwar sind die Zeiten des „Alpendollars“ längst passé, dennoch haben sich viele Menschen noch nicht voll und ganz auf den Euro umgestellt. Schließlich war man vor der Euro-Ära mit dem Schilling vertrauter – und manch einer ist es auch heute noch. Dass seit fast 20 Jahren Gehalt oder Pension in Euro auf dem Konto landen, ist dabei sekundär. Denn durch das ständige Umrechnen bleibt die Vertrautheit der alten Währung weiter aufrecht.

Stehen wir vor der Qual der Wahl, entscheiden wir uns tendenziell für die vertrautere Alternative. Lieber bleibt man im (vermeintlich) sicheren Hafen, als die Komfortzone zu verlassen. Die Psychologie nennt die Verzerrung zugunsten von Vertrautem „Familiarity Bias“. Dieser Effekt scheint tief in uns verankert. Denken Sie an Babys, die sich beruhigen, sobald sie den Geruch oder die Stimme der Mutter wahrnehmen. Auf dieser Tatsache beruht auch ein alter Hebammentrick: Legt die Mutter nachts einen ihrer Pullover in die Wiege, hat das Baby einen besseren Schlaf. Denn der Geruch der Mutter ist eines der wenigen Dinge, die einem zu Beginn des Lebens bereits vertraut sind. Das Baby fühlt sich dadurch geborgen und wird ruhig.

Bekanntes bevorzugt

Dasselbe Phänomen existiert auch in der Finanzwelt. So ist vielen Kleinanlegern das Sparbuch vertrauter als die Anlage in Form von Wertpapieren. Trotz einer Verzinsung gleich null bevorzugen daher viele immer noch die vertraute Sparbuchvariante. Durch die niedrigen Renditen sind jedoch Probleme beim späteren Pensionsantritt vorprogrammiert. So sprach Finanzminister Gernot Blümel in der GEWINN-Februar-Ausgabe von über drei Milliarden Euro, die den Österreichern pro Jahr entgehen, weil sie aufs Sparbuch setzen, anstatt ihre Ersparnisse in Wertpapieren langfristig zu veranlagen. Vertrautheit überwiegt also Rendite. Selbst Investoren, die auf Wertpapiere setzen, bleiben bei ihren angestammten Titeln. Soll heißen: man bevorzugt Anlageprodukte, die man bereits selbst gekauft hat, die Freunde oder Verwandte goutieren oder deren Namen man aus der Werbung kennt.

Auch Trader sind vor dem „Familiarity Bias“ nicht gefeit. Sie unterliegen dieser Verzerrung, indem sie fast automatisch „ihrer“ Börse treu bleiben, anstatt eine bewusste Auswahl vorzunehmen. Standardgemäß entscheidet man sich hierzulande für die Wiener, allenfalls noch für die Frankfurter Börse, und das, ohne objektive Kriterien wie Kurs, Spesen, Liquidität oder Öffnungszeiten zu vergleichen! Die Praxis hat jedoch gezeigt, dass manchmal außerbörslich ein Kauf zu geringerem Kurs und niedrigeren Spesen möglich ist. Darüber hinaus kann man außerbörslich oft länger handeln – mitunter auch abseits der Börsenöffnungszeiten.

Tipps

Bestimmt sind Sie mit dem Motto „Think outside the box“ vertraut. Berücksichtigen Sie es in Ihren Überlegungen. Kämpfen Sie bewusst gegen den „Familiarity Bias“ an und trauen Sie sich (auch zu Übungszwecken) aus Ihrer Komfortzone heraus. In der Praxis heißt das: Bleiben Sie unvertrauten Wertpapieren auch in Krisen gegenüber offen. Bitten Sie gegebenenfalls andere um Hilfe und fragen Sie nach wertvollen Tipps.

Auch empfehle ich, das Portfolio bewusst anhand von Zielgewichten für die verschiedenen Anlageklassen zu gestalten. Überprüfen Sie regelmäßig die auf dem Kapitalmarkt verfügbaren Wertpapiere und halten Sie Augen und Ohren nach (noch) unvertrauten Anlagealternativen offen, die – unter Berücksichtigung Ihrer Zielgewichte – die Portfolio-Struktur verbessern würden. Seien Sie auch bereit, vertraute Wertpapiere, die nicht mehr ins Portfolio passen, auszumisten.

Ähnlich sollten Sie bei der Auswahl des Handelsplatzes Kriterien wie Kurs, Spesen oder Öffnungszeiten vergleichen, anstatt blind auf die vertraute Börse zu setzen. Nur so kann man bei der Marktauswahl zu einer objektiven Entscheidung kommen. Freilich kann diese von Trade zu Trade auch unterschiedlich ausfallen.

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