Germany’s next Topaktien

Der DAX soll breiter, stabiler und an internationale Standards angeglichen werden. Dazu wird er von 30 auf 40 Titel erweitert. Welche Unternehmen neu dazu kommen, steht noch nicht ganz fest.TOP-GEWINN stellt die „heißesten“ Anwärter vor.

(Foto: Airbus)

Ziemlich genau 33 Jahre nach seiner „Geburt“ steht der DAX, der Elite-Klub der deutschen Börse, vor seiner größten Reform. Wobei, der bedeutendste deutsche Aktienindex mit dem Debakel um Wirecard doch einige Kratzer abbekommen hat. Vor allem die Tatsache, dass der Zahlungsdienstleister noch Monate nach Auffliegen des Betrugsskandals und bis zu seiner Insolvenz im Leitindex verblieben ist, hat die seit 2018 immer wieder angedachte Reform beschleunigt.

Seit November 2020 ist es also fix: Künftig werden 40 statt 30 Unternehmen in der ersten deutschen Börsenliga mitspielen. Im Gegenzug verkleinert sich der MDAX-Index auf 50 statt bisher 60 Werte. Zudem müssen alle künftigen DAX-Kandidaten vor Aufnahme ein positives Ebitda, also ein positives Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen, in den zwei letzten Finanzberichten aufweisen. Die Wirtschaftlichkeit eines Geschäftsmodells soll damit also vorab unter Beweis gestellt sein.

Für Anleger könnte das Ergebniskriterium nachteilig sein: Denn viele dynamische Wachstums- und Technologieunternehmen setzten mehr auf Innovation denn auf kurzfris­tiges Gewinndenken – Stichwort Amazon. Gern wird heute vergessen, dass der Online-Gigant lange Zeit Verluste schrieb. „Das Spiegelbild der deutschen Wirtschaft wäre demnach verzerrt, wenn man solche Unternehmen ausklammert“, meint Jens Ehrhardt, Chef und Gründer von DJE Kapital.

Rascher „Exit” bei Verstoß

Quartalsmitteilungen und testierte Jahresgeschäftsberichte sind ab September ebenfalls (pünktliche) Pflicht. Und in jedem Aufsichtsrat eines DAX-Konzerns soll künftig ein spezieller Prüfungsausschuss über das Zahlenwerk wachen.

„Die verschärften Aufsichts- und Berichtspflichten sind sehr positiv zu bewerten“, merkt Marc Decker, Head of Asset Management bei der Privatbank Merck Finck, an. Der Umstand, dass der DAX durch die Vergrößerung auch an internationalem Gewicht gewinne, gehe jedoch einher mit einer Benachteiligung des mittleren deutschen Börsensegmentes. „Die Reform geht in die richtige Richtung. Jedoch bleibt der strukturelle Neubeginn der DAX-Indexfamilie aus. Ob durch die Indexreform die Aufnahme eines Unternehmens, bei welchem offensichtlich mehrere Prüfinstanzen versagt haben und bei dem darüber hinaus kriminelle Energie vorhanden war, unterbunden werden kann, sei dahingestellt“, relativiert Decker.

„Wenn man erreichen möchte, dass der DAX als das Aushängeschild der deutschen Wirtschaft in der Qualität steigt, dann sollte man Kriterien der Governance, der guten Unternehmensführung, unbedingt berücksichtigen“, kommentiert Ehrhardt den DAX-Umbau.

Eine Governance-Kultur und damit eine ausführliche Berichterstattung zu diesem Thema hätten sich in den vergangenen Jahren durchgesetzt. „Jeder gute Fondsmanager berücksichtigt diese Aspekte – allein schon aus Risikogesichtspunkten. Einige Vorfälle im deutschen Leitindex hätten vermieden werden können, wenn sie wichtiger genommen worden wären. Denken Sie nicht nur an Wirecard, sondern auch an die Auto- und Bankenbranche“, mahnt Ehrhardt.

Repräsentativer

Mit der Aufstockung werde der DAX die größten börsennotierten Unternehmen in Deutschland noch umfassender abbilden, verspricht sich die Deutsche Börse AG von der Maßnahme. Lange Zeit haben vor allem die Branchen Elektronik, Chemie, Energie, Maschinenbau und Verkehr sowie Finanzdienstleister den Index bewegt. Bekommt eine dieser Branchen Schlagseite, geht der gesamte Index mit in die Knie. Mit mehr Titeln wäre der DAX breiter aufgestellt. Decker glaubt, dass sich der Charakter des DAX im Großen und Ganzen durch die Reform nicht wesentlich verändere. Allerdings „wird das Thema Technologie im weitesten Sinne einen etwas prominenteren Status einnehmen“.

Naturgemäß interessiert die Investment Community, welche zehn Konzerne neue Indexmitglieder werden. Denn eine Aufnahme in die DAX-Oberliga bringt den Unternehmen nicht nur mehr Prestige und höhere Sichtbarkeit. Die zahlreichen passiv gemanagten Indexfonds (Exchange Traded Funds, kurz ETFs) müssen auch Aktien der DAX-Neulinge anteilig erwerben, da sie ja den Index 1:1 abbilden. Allein schon von daher ist mit Kursaufschlägen bei den prognostizierten DAX-Aufsteigern zu rechnen. Um ein Bild der Größenordnung zu bekommen: Im Jahr 2019 machte das Volumen weltweiter ETFs mit Bezug auf den DAX immerhin rund 14,2 Milliarden Euro aus.

Marktkapitalisierung entscheidet

„Ausschlaggebend für die Aufnahme wird die Marktkapitalisierung sein“, erklärt And­reas von Brevern, Experte bei der Deutschen Börse für den Bereich Indizes. „Die Erweiterung um zehn Werte findet im September 2021 statt. Erst dann, konkret am 3. 9., werden wir wissen, welche Titel vom MDAX in den DAX wechseln.“

Der Börsenumsatz wird bei der Rangliste nicht mehr berücksichtigt. Auch die genaue Branchengewichtung des DAX 40 wird man erst dann kennen. Daraus lässt sich nicht schließen, dass es automatisch die gleichen zehn Unternehmen sind, um die der MDAX reduziert wird. Denn es könnte auch sein, dass es im September Absteiger aus dem DAX gibt. Und ebenso könnte es im MDAX zu weiteren unabsehbaren Veränderungen kommen. Zum heutigen Zeitpunkt rein nach der Marktkapitalisierung zu gehen, wäre demnach Spekulation.

Dennoch lassen sich die wahrscheinlichen Aufstiegskandidaten nach der Marktkapitalisierung des Streubesitzes identifizieren. Für Decker sind es Airbus, Symrise, Zalando, Sartorius VZ, Siemens Energy, Qiagen, LEG Immobilien, Siemens Healthineers, Brenntag und Hannover Rück. „In den Tagen der Neuaufnahme kann es durch Käufe seitens von Indexprodukten zu Kursbewegungen in den betreffenden Werten kommen“, so De­cker. Allerdings glaubt er, dass die Entwicklung der Aktienkurse dieser Titel die DAX-Aufnahme bereits vorweggenommen habe.

Zertifikat auf Germany’s Next 10

Bereits jetzt schon können Anleger mit nur einer Transaktion in die potenziellen Emporkömmlinge im DAX investieren: Vontobel hat das Partizipationszertifikat „Germany’s Next 10” aufgelegt, einen Aktienkorb, der die aussichtsreichsten zwölf Unternehmen enthält (ISIN: DE000VQ121Z7). „Die Simulation der neuen Indexregeln führte zur Rangliste in unserem Basket”,“ erklärt Urs Fehr, Sprecher der Bank Vontobel. Die Zusammensetzung sei statisch und nach der DAX-Anpassung im September laufe der Basket Ende des Jahres aus. „Es handelt sich also um ein taktisches Investment auf eine gezielte Änderung von Indexregeln und nicht um ein strategisches, langfristiges Kerninvestment“, erläutert Fehr die Grundidee. Der Anleger partizipiert 1:1 an der positiven und negativen Entwicklung des Basiswertes, des Baskets. Alle Titel waren zur Emission gleichgewichtet.

Das sagen die neuen DAX-Kandidaten

Und was sagen die als DAX-Newcomer gehandelten Unternehmen selbst? Die überwiegende Mehrheit will die potenzielle Aufnahme nicht kommentieren. Mischa Lenz, Pressesprecher der LEG-Immobilien-Gruppe: „Darüber machen wir uns, ganz ehrlich gesagt, keine Gedanken. Wir konzentrieren uns auf die Arbeit für unsere Mieter und Aktionäre.“

Ganz offensichtlich freut man sich bei LEG über die Listung im Green DAX 50, dem neuen (Nachhaltigkeits-)Index DAX 50 ESG. Die Kapitalmarktstrategie bleibe auch bei einer eventuellen DAX-Aufnahme bestehen: „Wir nutzen bereits heute ein breites Spektrum an Kapitalmarktinstrumenten wie Anleihen, Wandelanleihen und Commercial Papers.“ 2020 wurde zudem eine Kapitalerhöhung durchgeführt.

„Die Zugehörigkeit zu einem Index ist kein Selbstzweck“ sagt eine Sprecherin von Siemens Energy. „Wir respektieren jede Entscheidung. Das Wichtigste ist, dass wir die Ziele erreichen, die wir uns gesteckt haben. Unsere Ergebnismitteilung für das erste Quartal 2021 vom 2. Februar zeigt, dass wir uns auf dem richtigen Weg befinden.“

Jean-Jacques Henchoz, CEO von Hannover Rück, betont, man wäre nicht enttäuscht, wenn ein Comeback in den DAX misslinge. „Uns ist wichtig, dass der Aktienkurs weiter kontinuierlich klettert und wir den Unternehmenswert steigern.“ Ob man dabei im DAX oder MDAX gelistet sei, spiele keine größere Rolle.

Für den Online-Händler Zalando ist es „ein realistisches Szenario, mit in die Riege reinzufallen“, so Sprecher Alex Styles. Aber, „ob DAX 40 oder nicht – unser Fokus liegt auf unserer Strategie und deren Umsetzung“. Dafür habe man bereits im Sommer 2020 den Cash-Polster durch einen Convertible Bond um eine Milliarde Euro aufgefüllt. „Damit fühlen wir uns erst einmal gut aufgestellt.“

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