Herdenverhalten: Werden Sie nicht zum Lemming!

Blindes Herdenverhalten verführt uns zu irrationalen Handlungen auf dem Finanzmarkt.Bleiben Sie kritisch bei Hypes.

„Fragen Sie sich bei Investmententscheidungen: Würde ich diese Aktie auch kaufen oder verkaufen, wenn die anderen es nicht tun würden?“ (Foto: WU - Wirtschaftsuniversität Wien)

Zum vergangenen Jahreswechsel ließen die Bitcoin-Anhänger die Korken knallen: Die Kryptowährung hatte seit Anfang 2017 um zwischenzeitlich beinahe das Zwanzigfache zugelegt und am 17. Dezember 2017 sogar kurzzeitig die 20.000-Dollar-Marke durchbrochen. Was war während des Hypes passiert? Zunächst hatten manche Institutionen das Potenzial der Blockchain-Technologie erkannt und die darauf aufbauenden Bitcoins gekauft. Was danach passierte, erinnert an das Verhalten von Lemmingen: Immer mehr Privatanleger begeisterten sich für die Kryptowährung – bis sie seit Mitte Dezember 2017 plötzlich und kontinuierlich an Wert verlor.

Robert Shiller, Finanzprofessor an der Yale University und Nobelpreisträger, bezeichnete Bitcoins schon Anfang 2017 als Experiment, das alle Anzeichen einer Blase in sich trage. Was mit den Bitcoin-Anlegern passiert ist, geschieht täglich auch andernorts: beim Ansehen einer Sitcom, wenn man unweigerlich mit dem Lachen aus der Konserve mitlachen muss. Auf der Tupperware-Party, wenn man wie die Freundin auch eine Plas­tikdose kauft. Oder wenn man seine Meinung an die der breiten Masse anpasst, obwohl man es eigentlich besser weiß.

Nachmachen aus Unsicherheit

Dieses Phänomen nennt man in der Finanz-psychologie Herdenverhalten. Wir neigen dazu, uns nach dem Verhalten der „Herde“ zu richten, wenn wir unsicher sind, wenn wir der Gruppe eine höhere Einschätzungskompetenz zutrauen als uns selbst, wenn wir nicht auffallen oder uns nicht blamieren wollen.

Und weil wir Akzeptanz und Anerkennung wollen. Je mehr wir dazugehören wollen, des­to eher werden wir uns auch gruppenkonform verhalten. Diese Anpassung an das Gruppenverhalten ist menschlich nur zu verständlich. Bei der Geldanlage kann sie uns allerdings teuer zu stehen kommen. Menschen, die keine Ahnung von Bitcoins haben, plappern fremde Meinungen nach und investieren einen Großteil ihrer Ersparnisse in ein Produkt, das sie nicht gut genug kennen.

Herdenverhalten kann natürlich auch rational sein – dann, wenn die Mehrheit tatsächlich mehr weiß als man selbst. Auf den Finanzmärkten ist allerdings immer wieder die Tendenz zu irrationalem Herdenverhalten zu beobachten: Die Dotcom-Blase, übertriebene Kursreaktionen während der Finanzkrise 2007 bis 2009, die einstige Osteuropa-Eupho­rie, die sich inzwischen ins Gegenteil gewandelt hat: all das waren Entwicklungen, deren Ausmaß nicht mehr rational gerechtfertigt war.

Vosicht bei Modetrends

Generell ist also Vorsicht bei Modetrends und sogenannten „Hypes“ geboten – vor allem, wenn sie starke mediale Beachtung finden. Sie sollten dann keinesfalls blind diesen Hypes folgen, sondern genau hinsehen sowie Ihre Entscheidungen gut abwägen und fundieren. Fragen Sie sich: „Folge ich der ,Herde‘ unreflektiert, weil ich unsicher bin?“ Überlegen Sie, ob die anderen bessere Informationen haben als Sie. Bei Investmententscheidungen fragen Sie sich: „Würde ich diese Aktie auch kaufen oder verkaufen, wenn die anderen es nicht tun würden?“ Analysieren Sie die jeweiligen Branchen und Unternehmen nach ihrem ­fundamentalen, also tatsächlich gerechtfertigten Wert.

Wenn diese Analyse ergibt, dass die „Herde“ den Aktienkurs ungerechtfertigt hochgetrieben hat, lassen Sie lieber die Finger davon. Sind Sie bereits Aktionär, dann nützen Sie die durch die „Herde“ erzeugte Überbewertung eher für einen Verkauf. Dasselbe gilt umgekehrt für das Kaufen einer Aktie. Tun Sie es, wenn der Kurs relativ zum Fundamentalwert niedrig ist. Börsenexperte André Kos­tolany sagte schon: „Kaufen Sie, wenn die Kanonen donnern!“

Hilfreich kann hier auch ein bewusstes „Reframing“ der Kursentwicklung auf dem Kapitalmarkt sein: So könnte man einen Kursanstieg aufgrund von vielen Kaufaufträgen durchaus auch wie folgt interpretieren: Gerade weil so viele Anleger die Aktie gekauft haben und der Kurs stark gestiegen ist, könnte sie bereits überbewertet sein. Umgekehrtes gilt bei einem Kursverfall.

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