Lichtblicke am Bankenhimmel

Bank-Aktien sind aufgrund des schwierigen Umfelds unbeliebt und daher so günstig wie noch nie. Anleger, die hier nach einer Entwarnung bei der Virusepidemie Chancen sehen, sollten bei der Auswahl sorgfältig vorgehen – denn viele Banken werden günstig bleiben.

Anleger hatten mit den Aktien europäischer Banken in der letzten Dekade in der Regel keine große Freude. Während fast alle Aktienmärkte rund um den Globus kräftige Zugewinne verbuchen konnten, verloren die Anteile an europäischen Banken im Durchschnitt sogar leicht an Wert. So lag etwa der Bankenindex StoxxEurope 600 Banks Ende Februar 2020 nach einer wilden Berg- und Talfahrt um sechs Prozent tiefer als zehn Jahre davor. Gleichzeitig konnte sich sogar der im globalen Vergleich schwache europäische Aktienmarkt mehr als verdoppeln.

Eine Einstiegschance?

„Ja“, meint etwa Goran Vasiljevic, Chefanleger bei Lingohr & Partner Asset Management: „Gerade bei europäischen Banken sehen wir aussichtsreiche Chancen. Es gibt wohl kaum einen Sektor, der von Investoren so kritisch und abneigend gesehen wird, wie der europäische Bankensektor. Betrachten wir die historische Bewertung in den letzten 30 Jahren, so zeigt sich, dass europäische Banken tendenziell noch nie so günstig waren.“
Auch Marc Renaud, Chef von Mandarine Gestion, sieht Chancen. Als  überzeugter Value-Investor fokussiert  er sich auf aus seiner Sicht unterbewertete Aktien. So stellen Banken neben Ölaktien aktuell die größte Übergewichtung in seinem Mandarine-Valeur-Fonds dar. Er mahnt jedoch, selektiv vorzugehen: „Günstige Aktien können noch länger günstig sein oder noch billiger werden, so dass Anleger in einer sogenannten Value-Falle enden.“
Es bleibt jedenfalls spannend, denn gerade in der nächsten Dekade sollte sich aus Sicht vieler Experten aufgrund des anhaltenden Zinstiefs und der Digitalisierung  bei den Banken die Spreu vom Weizen trennen.

Solide, aber wenig rentabel

Generell stehen Banken heute viel solider da als nach der Finanzkrise: Gezwungen durch den Druck strengerer Regularien haben die europäischen Ins­titute ihre durchschnittliche Eigenkapitalausstattung deutlich gesteigert, was sie weniger anfällig gegen Krisen machen sollte.
„Insgesamt sind Banken aktuell deutlich werthaltiger als zu den Hochzeiten der Finanz- und Euro-Krise: Damals befürchtete man in der Lehman-Krise einen Zusammenbruch des gesamten Bankensystems und später den Zusammenbruch der Euro-Zone. Davon sind wir weit entfernt“, meint Vasiljevic.
Auch Stefan Maxian, Analyst der Raiffeisen Centrobank, bestätigt: „Der Kapitalpuffer konnte seit 2008 global gesehen für die meisten Banken gesteigert werden. Insbesondere auch für die Banken in Zentral- und Osteuropa, die wir mit unseren Analysen abdecken.“
Doch wie er haben manche Zweifel, dass dieser Trend zur Stärkung der Bankenwelt weiter anhalten kann: „Mit Blick auf die Zukunft glauben wir, dass die Kapitalquoten ihren Höhepunkt erreicht haben“, sind etwa die Analys­ten von Scope Ratings skeptisch.

Zu wenig profitabel

Der Grund für die Bedenken? Mangelnde Profitabilität. „Zwar konnten Europas 50 Topinstitute ihre Eigenkapitalrenditen nach Steuern in Summe leicht von 6,6 (2017) auf 7,2 Prozent (2018) steigern. Dennoch verharrt die Rentabilität der Geldhäuser insgesamt auf einem tiefen Niveau. Dem Großteil der europäischen Institute gelang es weder, nachhaltige operative Ertragssteigerungen zu realisieren, noch ihre Kostenbasis im erforderlichen Umfang zu entlasten“, analysiert Michaela Schneider, Geschäftsführerin von ZEB Austria, der Österreich-Tochter eines auf die Finanzbranche spezialisierten Beratungsunternehmens.
Aus Sicht von Lukas Haider, Partner und Leiter des Wiener Büros von Boston Consulting Group (BCG), ist dabei besonders auffällig, „dass die europäischen Banken im Durchschnitt konsistent einen negativen Profit in Bezug auf die Bilanzsumme erwirtschaften. Vor allem im Vergleich zu den USA und den Schwellenländern, wo überall positive Gewinne generiert werden.“
Ähnlich wie Schneider sieht Haider einen Grund dafür im schwachen Ertragswachstum europäischer Banken: „Hier zeigt sich ein düsteres Bild, weil die Erlöse der Banken von allen Regionen in Europa am schwächsten wachsen.“
So sollten laut einer aktuellen Studie von BCG die Erträge von Retailbanken im Zeitraum von 2018 bis 2025 in Westeuropa gerade einmal mit durchschnittlich 1,9 Prozent wachsen, während sie in Nordamerika mit 2,9 und Asien mit sechs Prozent steigen. Und in Österreich gar nur mit null bis einem Prozent.

Kosten senken reicht nicht mehr

In den vergangenen Jahren konnten viele Banken ihre Rentabilität mit Kos­tensenkungen, etwa durch das Ausdünnen des Filialnetzes, steigern. Haider sieht hier noch Optimierungspotenzial, aber weniger bei Filialen, sondern im Back-Office: „Eine Bank hat nur ein Drittel der Kosten im Vertrieb, zwei Drittel in nachgelagerten Funktionen. Da ist noch viel mehr möglich.“
„Vor allem haben die sinkenden Risikokosten in den letzten Jahren den Banken dabei geholfen, die Kapital­pols­ter aufzufüllen“, erklärt Maxian. Aber aus seiner Sicht können die derzeit ext­rem niedrigen Risikokosten europaweit nicht noch weiter sinken.
„Eine grundlegende Verbesserung der operativen Erträge und Kosten ist mittelfristig unbedingt erforderlich, um die Kapitalkosten weiterhin zu verdienen. Und dazu reichen Kostensenkungen alleine nicht aus“, warnt Schneider, „Banken müssen gleichzeitig auch Ertragssteigerungen in den Fokus rücken!“

Erträge steigern, aber wie?

Doch wie sollen Banken ihre Ertragslage verbessern, wenn die Zinsen so niedrig oder gar negativ sind? „Durch die Japanisierung des Euro-Bankenumfelds ist es sehr schwierig, vernünftige Zinsmargen darzustellen. Vor allem bei Privatkunden, weil Banken die negativen Zinsen nicht weitergeben können“, beschreibt Maxian. Daher sollten  Banken neben dem Zinsgeschäft  ihr zweites Ertragsstandbein, die Provisionen, steigern, meint Bankexperte Haider: „Die Einführung von Gebühren passiert bereits. Doch es reicht nicht, nur für das Bisherige einfach mehr zu verlangen. Es müssen auch deutliche Produktverbesserungen sowie passgenaue Anpassungen der Preismodelle geboten werden.“
Und hier kommt laut Andreas Sumper, Finanzbranchenexperte der Unternehmensberatung ZEB, die Digitalisierung ins Spiel: „Banken sollten von den Erfolgsfaktoren internationaler Tech-Riesen lernen, um Digitalisierung für eine nachhaltige Ergebnisverbesserung zu nutzen. Europäische Banken, die ihre Geschäftsmodelle und Prozesse frühzeitig digitalisiert haben, entwi­ckeln sich klar besser. Ihre Eigenkapitalrentabilität lag im Jahr 2018 mit 9,2 Prozent nach Steuern deutlich über dem Durchschnitt.“
Generell sollten Banken analog zu den Tech-Riesen, die auch mit Bankdienstleistungen auf den Markt drängen, versuchen, eine Omnipräsenz im Kundenalltag zu etablieren, meint Sumper. Doch das ist aus Sicht von Haider die schwierigste Disziplin: „Banken könnten sich auf gewisse Bereiche spezialisieren, wo sie ein ganzes Ökosys­tem aufbauen. Etwa auf Bauen und Wohnen, wo man mit Baufirmen oder Baumärkten kooperieren könnte.“

Nur ausgewählte Aktien kaufen

Doch wie können Anleger nun die taktischen Chancen im Bankensektor nutzen? „Wer nur auf die günstigste Bewertung achtet, geht ein großes Risiko ein. Man sollte keinesfalls auf die bisherigen Verlierer setzen. Banken wie Commerzbank werden sich nicht mehr erholen. Auch die oft diskutierten Bankfusionen werden meiner Ansicht nach nicht stattfinden. Die erfolgreichen Großbanken haben keinen Grund, die Verlierer zu kaufen, sie müssen nur abwarten, bis sie vom Markt verschwinden.“ Aktuell hält der Fondsmanager etwa neben Aktien von BNP Paribas auch jene von Unicredit und Banco Santander (Details siehe Tabelle).
Die niederländische ING-Gruppe zählt in Europa zu den führenden Banken, die sich frühzeitig und konsequent der Digitalisierung widmeten, und wird in der Branche häufig als „Facebook der Banken“ bezeichnet.
Auch die heimischen Institute haben laut Maxian ihre lukrative Nische gefunden: „Die österreichischen Banken, die in Osteuropa aktiv sind, haben den Vorteil, dass sie in den dortigen Märkten zwar keine hohen, aber zumindest in der Regel keine negativen Zinsen vorfinden.“ Auch Haider betont das Wachstumspotenzial in der Region: „Das Ertragswachsum in Zentral- und Osteuropa ist mit vier Prozent um ein Vielfaches höher als in Österreich.“ Daher sehen Analysten großes Potenzial bei Instituten wie etwa der Sberbank, der größten Bank Russlands und des CEE-Raums. Die Analysten der RCB sprechen auch für die polnische Bank Pekao eine Kaufempfehlung aus.
Um erfolgreich zu sein, bedarf es laut Sumper auch einfacher Bankprodukte, die für Kunden leicht verständlich und flexibel sind. Das ist etwa eine Strategie, die die heimische Bawag-Gruppe sehr erfolgreich umsetzt.

>> Zum Download: Europäische Bank-Aktien so günstig wie noch nie

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