Mental Accounting: Die Wahrheit steckt im großen Ganzen

Ärgern Sie sich nicht über den Sinkflug einer Aktie, während Sie in Wahrheit mit dem gesamten Portfolio einen Gewinn machen.

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Stellen Sie sich vor, Sie haben um 100 Euro ein Ticket für ein Konzert gekauft. Vor dem Konzerthaus folgt die Ernüchterung: Sie haben das Ticket verloren. Sie könnten an der Abendkasse ein Ticket um weitere 100 Euro kaufen. Tun Sie es?

Zweites Szenario: Sie haben das Konzertticket an der Abendkasse hinterlegen lassen. Als Sie es bezahlen wollen, bemerken Sie, dass Sie Ihre Geldbörse mit den 100 Euro für das Ticket verloren haben. Sie haben zum Glück noch 100 Euro in der Jackentasche dabei. Kaufen Sie das Ticket dennoch?

Kann es sein, dass Sie in beiden Szenarien unterschiedlich entscheiden würden? Das tun viele Menschen, wie ein Experiment von Tversky und Kahnemann zeigt. Nur 46 Prozent der Befragten würden bei Szenario eins das Ticket kaufen, in Szenario zwei sind es allerdings 88 Prozent. Wie ist das möglich, wenn doch in beiden Fällen faktisch 100 Euro verloren wurden und weitere 100 Euro aufgewendet werden müssten, um das Konzert doch noch zu sehen?

Dies ist durch „Mental Accounting“ zu erklären, zu Deutsch „Mentale Kontenbildung“. Dieses psychologische Phänomen bringt uns dazu, zu jeder Entscheidung oder jedem „Projekt“ (z. B. Konzertbesuch) ein mentales Konto anzulegen. Im eingangs genannten Beispiel ist den meisten Menschen das Konzert keine 200 Euro wert. Daher kaufen sie nicht nochmals ein Ticket, wenn sie das Ticket verloren haben. Der verlorene Geldschein hingegen wird nicht auf dem „Konzertkonto“, sondern auf einem eigenen „Geldkonto“ verbucht – und fällt so bei dieser Entscheidung nicht ins Gewicht.

Der Überblick zählt

Unser Gehirn neigt dazu, komplexe Sachverhalte zu vereinfachen. Allerdings ist das nicht immer rational: Man tendiert dazu, seine Entscheidungen mit zu engem Blick auf das jeweilige „mentale Konto“ zu treffen, ohne die Zusammenhänge mit anderen „Konten“ zu berücksichtigen.

Das ist auch der Grund, warum sich Menschen durch kleine Geschenke von Banken, Versicherungen und anderen Dienstleistern ködern lassen, auch wenn die Nettokosten möglicherweise höher sind als bei den weniger großzügigen Mitbewerbern. Das Produkt und das Geschenk werden auf zwei verschiedenen mentalen Konten verbucht: Ein kleiner Gewinn (auf dem Geschenkkonto) und ein höherer Verlust (auf dem Produktkonto) sind uns oft lieber als ein kleinerer Verlust ohne Gewinn (bei dem Anbieter ohne Geschenk). Dies resultiert aus der Verlustaversion, die ich in meiner Kolumne schon mehrfach beschrieben habe.
Die richtige Vorgangsweise wäre, die beiden Konten zu saldieren und sich anhand der Nettokosten für den günstigeren Anbieter zu entscheiden. Es macht zudem meist wenig Sinn, die Lebenshaltungskosten wie Essen, Kleidung, Reisen auf verschiedenen mentalen Konten zu verbuchen und jeweils Obergrenzen für diese Ausgaben festzulegen. Man lebt mitunter besser, wenn man das große Ganze betrachtet: Der dringend nötige Kurzurlaub ist drin, wenn man bei Kleidung und Ausgehen einspart.

Auch bei Entscheidungen auf dem Kapitalmarkt ist Mental Accounting verbreitet, wenn sich Anleger auf die Entwicklung einzelner Wertpapiere fokussieren, anstatt ihr gesamtes Portfolio im Blick zu haben. Sie sehen den Gewinn oder Verlust jeder einzelnen Aktie und handeln danach – vergessen aber dabei auf das gesamte Portefeuille.

Tipps

Betrachten Sie stets die Zusammenhänge zwischen Ihren mentalen Konten. Besitzen Sie mehrere Aktien, sollten Sie diese immer auf einem gemeinsamen mentalen Konto verbuchen. Dadurch ist es möglich, Zusammenhänge zwischen den Aktien zu erkennen und in die Kauf- oder Verkaufsentscheidungen miteinzubeziehen. Ärgern Sie sich nicht über den Sinkflug einer Aktie, während Sie in Wahrheit mit dem gesamten Portfolio einen Gewinn machen. In diesem Zusammenhang lohnt es sich auch, genauer hinzusehen: Korrelieren zwei riskante Wertpapiere negativ miteinander – der eine Kurs steigt tendenziell, wenn der andere fällt –, dann kann man eventuell durch den Kauf beider das Risiko verringern, denn: ihre Schwankungen heben einander teilweise auf. Dies ist das Konzept der Diversifizierung. Behalten Sie also den Überblick und entscheiden Sie erst dann. Gutes Gelingen!

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