Neue GEWINN-Serie: Die größten Anlegerfehler

GEWINN präsentiert in Kooperation mit dem Professional MBA Finance der WU Executive Academy die neue Serie „Die größten Anlegerfehler“.

Prof. Manfred Frühwirth ist Akademischer Leiter des Professional MBA Finance der WU Executive Academy und Mitglied des Department of Finance, Accounting & Statistics der WU. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen unter anderem Corporate Finance, langfristige Anlagestrategien und Behavioral Finance (Foto: WU Wien - Wirtschaftsuniversität Wien)

In dieser Serie fasst Prof. Manfred Frühwirth exklusiv für Leser von GEWINN die wichtigsten Erkenntnisse der Behavioral Finance übersichtlich zusammen. Das Ziel der Serie besteht darin, häufig vorkommende Fehler bei Finanzentscheidungen und deren Konsequenzen bewusst zu machen. Jeden Monat wird ein typisches Fehlverhalten anhand von konkreten Beispielen praxisnah beschrieben. Leser sollen damit motiviert werden, über ihr eigenes Anlageverhalten nachzudenken und in Folge vielleicht die eine oder andere Falle zu meiden.

Der Extrapolationsfehler: Ein kühler Kopf ist besser als eine heiße Hand

„He has a hot hand.“ Das flüstern Basketballfans ehrfürchtig, wenn ein Spieler zum wiederholten Mal den Ball in den Korb versenkt. „Er hat einen Lauf“, sagt man auf gut Deutsch. Was bedeutet: Er hat schon mehrmals getroffen, also wird er es wieder tun.

Klingt irrational? Ist es auch, denn der Spieler könnte ja auch etwa aus Übermut oder Überanstrengung Fehler machen. Die Annahme, er würde weiterhin Treffer landen, ist statistisch gesehen in etwa so falsch wie beim Roulette im Kasino auf Rot zu setzen, weil davor schon viermal Rot gefallen ist.

Psychologische Verzerrung

Die Tendenz, von früheren Ereignissen auf ein zukünftiges zu schließen, nennt man „Hot
Hand Fallacy“ (abgeleitet aus dem Basketball) oder auch Extrapolationsfehler. Dabei handelt es sich um eine psychologische Verzerrung, die statistische Wahrscheinlichkeiten ignoriert und vermeintliche Trends zur Prognose heranzieht.

Fatal wird dieser psychologische Fehler, wenn es um Investments geht. Anlageformen, die sich in der Vergangenheit sehr gut entwickelt haben, sehen viele Anleger übertrieben positiv. Weitere Einflussfaktoren auf die Kursentwicklung werden zu wenig berücksichtigt. Daher neigen Anleger dazu, Aktien nach einem Anstieg zu kaufen bzw. mehr davon zu kaufen. Fällt der Kurs, wird aufgrund der Annahme, dass die Aktie weiter fallen wird, oft panikartig verkauft. Durch diesen Extrapolationsfehler werden tendenziell Aktienkurse künstlich oben gehalten oder Kurseinbrüche noch verstärkt.

Überreaktion

Das führt zu einer Überreaktion auf den Finanzmärkten, wie etwa die Finanzkrise von 2007 bis 2009 zeigt: Viele Anleger haben ihre Aktien im Oktober 2008 verkauft, als der Kursverlust bereits 40 Prozent betrug, bevor es dann ab dem Frühjahr 2009 mit den Kursen wieder massiv nach oben ging. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass der Extrapola­tionsfehler dazu stark beigetragen hat. Die Anleger – insbesondere jene mit nur wenig Finanzwissen, wie eine Studie von Bucher-Koenen und Ziegelmeyer aus 2014 zeigt – haben den Kursverfall weiter in die Zukunft gedacht und aus dieser irrigen Sicht noch bei „gutem Wind“ verkauft.

Ein weiteres Beispiel ist die CA-Immo- Aktie (siehe Grafik): Sie wies von Anfang 1992 bis zum Frühjahr 2007 einen äußerst stabilen, leichten Anstieg auf. Viele Anleger und Berater gingen davon aus, dass diese geringen Schwankungen und der praktisch monotone Aufwärtstrend der Aktie weiter anhalten würden. Doch plötzlich ging es mit der Aktie bergab, die Anleger begannen der Reihe nach zu verkaufen – und die Aktie verlor bis zum Frühjahr 2009 um über 85 Prozent an Wert.

Langfristig ist der Trend kein Freund

Der Glaube an ein „Momentum“, also das Ausrichten auf historische Trends, schlägt sich auch in der Börsenweisheit „The trend is your friend“ nieder, die viele Anlageberater verbreiten. Der ungarische Börsen-Guru ­And­ré Kostolany meinte jedoch dazu: „Das Verhältnis von Wirtschaft zur Börse ist wie das eines Mannes auf einem Spaziergang mit seinem Hund. Der Mann geht stetig voran, der Hund rennt vor und zurück.“ Der Mann steht für die Wirtschaft oder den Fundamentalwert der Aktie – also den Barwert der zukünftigen Dividenden. Der Hund steht für die Börse bzw. den Aktienkurs. Mal ist der Mann vorn und der Hund läuft hinterher, mal läuft der Hund voraus, mal trabt er neben dem Herrchen.

Was Kostolany damit sagen will: Der Börse kann es langfristig nicht besser oder schlechter gehen als der Wirtschaft. Der Aktienkurs wird sich wieder an den Fundamentalwert annähern: Ein übermäßig steigender Kurs sinkt irgendwann wieder, ein fallender wird meist wieder steigen.

Fazit

Langfristig orientierte Anleger lösen sich bei Aktienkauf- oder -verkaufsentscheidungen von historischen Kurstrends. Am besten man orientiert sich am fundamentalen Wert des Unternehmens und kauft dann – unabhängig von der Kursentwicklung in der Vergangenheit –, wenn der Kurs kleiner als der Fundamentalwert ist beziehungsweise verkauft, wenn der Kurs den Fundamentalwert übersteigt.

Viel Erfolg bei der Geldanlage – auch ohne heißes Händchen, aber dafür mit kühlem Kopf!

GEWINN verwendet Cookies um die Website möglichst benutzerfreundlich zu gestalten und Ihnen damit den bestmöglichen Service zu gewährleisten.
Wenn Sie fortfahren, stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu.