Ölfirmen zwischen Corona-Crash und Klimawandel

Unternehmen aus der Ölbranche haben sich mit dem Höhenflug der Ölpreise vom Corona-Crash erholt. Doch längerfristig wird es eine Gratwanderung zwischen anhaltender Nachfrage nach fossiler Rohstoffe und dem Kampf gegen den Klimawandel.

(Foto: pandemin - GettyImages.com)

Die Ölpreisentwicklung war in den vergangenen beiden Jahren durchaus mit einer Hochschaubahnfahrt vergleichbar: Der Preis für die Nordseeölsorte „Brent“, zu Jahresbeginn 2020 noch bei über 60 US-Dollar, fiel bis April 2020 unter elf Dollar – an den Terminmärkten kurze Zeit sogar unter null – und hat sich aktuell wieder auf das „alte“ Niveau von über 60 Dollar „hochgekämpft“. Entsprechend haben auch die Aktien von Ölfirmen wieder kräftig zugelegt. Die Hoffnungen auf eine weltweite Konjunkturerholung, die bereits mit positiven Wirtschaftsdaten der beiden Supermächte China und USA untermauert werden, haben die Renaissance des „schwarzen Goldes“ ausgelöst.

Wie ist aber die Entwicklung des Ölpreises für die kommenden zwölf bis 18 Monate einzuschätzen? Und welches längerfristige Potenzial steckt in Zeiten vom Kampf gegen den Klimawandel in der Ölbranche?

Pandemie unter Kontrolle?

Das Corona-Virus, im Vorjahr verantwortlich für eine Baisse an den internationalen Aktienmärkten, war auch ausschlaggebend für den kurzfristigen Verfall des Ölpreises. Die Schockstarre hielt sowohl an den Aktienbörsen als auch beim Ölpreis nur kurz an. Und es folgte eine ebenso dramatische Trendumkehr. Diese gipfelte jüngst an vielen Weltbörsen in neuen historischen Höchstständen und auch der Rohölpreis hat wieder die Niveaus der Vorjahre angepeilt.

Das konjunkturelle „Tal der Tränen“ mit der weltweit tiefsten Rezession der Nachkriegszeit dürfte durchschritten sein, mit den Impffortschritten und der allmählichen Rückkehr aus diversen Lockdowns wird nicht nur ein Nach- und Aufholeffekt beim privaten Konsumenten, sondern auch bei der Investitionsneigung der Indust rie gerechnet. Die vielerorts und in Summe billionenschweren Unterstützungs- und Förderprogramme waren eine gelungene Initialzündung, jetzt wird auf eine allmähliche Eigendynamik der Wirtschaft gehofft.

Mit der sukzessiven Verbesserung auf dem Arbeitsmarkt kehrt das Vertrauen der Konsumenten zurück, eine erhöhte Nachfrage gibt dann den Produzenten entsprechend positive Impulse.

...und Öl sprudelt wieder

Mit dem dramatischen Konjunktureinbruch ging der erwähnte Preisverfall beim Öl einher. Politische Spannungen im Nahen und Mittleren Osten hatten schon vor der Pandemie für entsprechende Schwankungen gesorgt. Auch das Opec-Kartell konnte sich da nicht entgegenstemmen; Förderkürzungen zeigten vorerst keine Wirkung. Mit der erhofften Konjunkturerholung stabilisierte sich der Ölpreis im Zeitraum von Juni bis Oktober 2020 und legte in Folge, mit der Freigabe diverser Impfstoffe, in den vergangenen sechs Monaten gehörig zu. Die beiden wichtigsten Sorten, das erwähnte Nordseeöl Brent und das in den USA bevorzugte WTI (West Texas Intermediate), konnten sich im Preis in etwa verdoppeln und damit wieder die Niveaus von 2019 erreichen.

Dies freut auch die Fracking-Industrie in den USA: Mit dem Aufschwung der amerikanischen Ölindustrie durch Fracking, also der aufwendigen Gewinnung von Öl oder Gas aus tiefer liegenden Gesteinsschichten durch das Hineinpressen eines Gemisches von Wasser, Chemikalien und Sand, wurden die USA von den klassischen ölfördernden Ländern sukzessive unabhängig und mit Saudi-Arabien und Russland zu einem der wichtigsten globalen Ölproduzenten.

Auch wenn die Ölquellen jetzt wieder heftig sprudeln und die Opec jüngst eine Erhöhung ihrer Förderquoten beschlossen hat (plus zwei Prozent der weltweiten Nachfrage), so bahnt sich dennoch eine Fortsetzung des Machtkampfes hinter den Kulissen an. Auch andere Spannungsherde sind nicht beseitigt: Konflikte mit dem Iran, Probleme in Venezuela und in vielen afrikanischen Opec-Staaten können jederzeit wieder eskalieren.

Ölaktien legten zuletzt kräftig zu

Die Aktien der bekanntesten Ölgesellschaften haben auf den Kursanstieg des „schwarzen Goldes“ durchaus stark reagiert: Im Zeitraum von Oktober 2020 bis zum März bzw. April dieses Jahres gab es durchwegs sensationelle Kursgewinne. Unter den internationalen „Big Five“ konnten BP und Exxon/Mobile in diesen wenigen Monaten ihre Kurse verdoppeln. Die Kurse von Total, Chevron und Royal Dutch Shell legten etwa 70 Prozent zu. Unter den bekannteren US-Ölaktien fiel besonders Occidental Petroleum mit einem sagenhaften Plus von 250 Prozent auf, die heimische OMV lag aber mit einem Anstieg um 146 Prozent auch in den Spitzenrängen.

Fossile Brennstoffe „unter Beschuss“

Das Image von Kohle, Erdöl und Gas gerät sukzessive ins „Out“. Weltweit ist eine Bewegung in Richtung erneuerbarer Energiequellen im Gange, mit diversen Klimazielen und „Green Deals“ geht es dem schwarzen Gold gehörig an den Kragen. Mit der zunehmenden Industrialisierung und dem weltweit rasch erhöhten Verkehrsaufkommen wurde das Thema der Umwelt- und Luftverschmutzung immer evidenter. Der Klimawandel hat sich zu einem dominanten Thema etabliert, Corona konnte da nur vorübergehend die Hoheit über die Schlagzeilen in den Medien gewinnen. Aber wie kann dies die Ölindustrie verkraften?

Zweifelsohne wird es in den kommenden Jahren zu einem Umrüsten in Richtung alternativer Energien kommen, ein Prozess, der allerdings auch bei politischer Forcierung einer längeren Zeitspanne bedarf. Die Heizölnachfrage und den Einsatz im indust riellen Bereich wird man dabei leichter steuern können als das Mobilitätsthema. Und Öl als Basisprodukt findet sich im Kunststoff und damit in vielen Produkten des täglichen Bedarfes.

Es wird daher genügend Zeit geben, um die klimafreundlicheren Varianten umzusetzen, was bedeutet, dass Öl wahrscheinlich an Image verliert, aber noch über sehr viele Jahre hinaus benötigt werden wird. Experten gehen davon aus, dass auch noch in 20 Jahren zumindest die Hälfte des Energiemix auf Öl und Gas entfallen wird.

Sowohl die großen Ölmultis als auch viele ölproduzierende Staaten haben die Zeichen der Zeit erkannt und mit einem Prozesswandel begonnen. Der Umbau ihrer Geschäftsmodelle ist bereits voll im Gange. CO2-Neutralität wird dabei – wie auch immer das in der Praxis umsetzbar sein kann – von vielen Gesellschaften angestrebt. So haben etwa Royal Dutch Shell, Exxon Mobil und Total milliardenschwere Investitionen in dieser Richtung geplant.

Verschnaufpause abwarten

Nach dem kräftigen Höhenflug des Ölpreises hat sich dieser jedenfalls eine „Verschnaufpause“ verdient. Bei einem Niveau von 68 US-Dollar bei Öl der Marke Brent und 65 US-Dollar bei WTI-Öl scheint der Plafond einmal erreicht zu sein. Denn da werden schon kräftige Konjunkturerholungen eingepreist. Die Kurschancen erscheinen aktuell sehr gedämpft zu sein.

Engagements sollten erst bei Rückschlägen des Rohölpreises überlegt werden. Gesellschaften, die bereits einen Umbau ihrer Geschäftsmodelle begonnen haben, wie BP (versucht auch CO2-neutral zu werden) und Royal Dutch Shell (attraktive Bewertung; bemüht sich auch um Wasserstoff- und Windenergieprozesse) und Total (sehr hohe Dividendenrendite) sollten favorisiert werden. Auch die breit aufgestellte OMV hat dann wieder Kursphantasie.

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