Regret-Aversion: Entscheiden ohne Reue?

Den psychologischen Schmerz, der entsteht, wenn eine nicht gewählte Strategie ein besseres Ergebnis gebracht hätte als die gewählte Alternative, nennt man ,Regret‘.“

Ist die Auswahl am Eisstand zu groß, kauft man womöglich gar nichts, da man mit dem großen Angebot überfordert ist. (Foto: Georgiy Datsenko – GettyImages.com)

Stellen Sie sich vor, für den geplanten Bade­tag ist ein Wetterumschwung angesagt. Noch ist allerdings unklar, ob Regen und Gewitter bereits zu Mittag oder erst am Abend einsetzen werden. Würden Sie die Fahrt ins Freibad riskieren? Schließlich gilt es, die Badesachen zu packen, ins 20 Kilometer entfernte Schwimmbad zu fahren und einen relativ hohen Eintrittspreis zu ­bezahlen – ein Aufwand, der sich nur lohnt, wenn der kühle Pool auch ausgiebig genutzt wird.

Prasselt der Regen schon mittags zu Boden, werden Sie die Fahrt ins Freibad ­rückblickend möglicherweise bereuen. Schlägt das Wetter ­jedoch erst am Abend um, werden Sie sich bestätigt fühlen und Zufriedenheit und Stolz auf Ihre Entscheidung stellen sich ein, da Sie den Badetag in vollen Zügen genießen konnten.
Anderes Beispiel: Man schafft sich ein nagelneues TV-Gerät an und kauft eine verlängerte Garantie über die Dauer von fünf Jahren gleich dazu. Gibt der Fernseher innerhalb dieses Zeitraumes den Geist auf, ist man froh, mit der Garantieerweiterung die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Bleibt das Gerät aber bis zum Ende der fünf Jahre voll funktionsfähig, wird klar: Die richtige Entscheidung wäre gewesen, auf die zusätzliche Garantie zu verzichten.

Was wäre, wenn . . .?

Den psychologischen Schmerz, der entsteht, wenn eine nicht gewählte Strategie ein besseres Ergebnis gebracht hätte als die gewählte Alternative, nennt man „Regret“. Dabei gilt: Je stärker die Erkenntnis, die falsche Entscheidung getroffen zu haben, desto eher wird bedauert. Das Analysieren von Situationen unter dem Aspekt: „Was wäre, wenn ich mich anders entschieden hätte?“ kann auch zu „Regret-Aversion“ führen, sprich: zur Abneigung gegenüber dem Bereuen.

Um dieses Gefühl zu vermeiden, versucht man oft schon im Voraus, das eventuelle Bereuen einer Entscheidung gleich in den Entscheidungsprozess miteinzukalkulieren – und dies beeinflusst das Handeln. Zum Beispiel werden Standardentscheidungen bevorzugt, da diese besser vor sich selbst zu rechtfertigen sind. Auch versucht man, das Urteil anderen Personen (wie Verwandten, Freunden oder Beratern) zu überlassen, um den „Regret“ zu verringern. Oder man handelt gar nicht, bevor man eine Entscheidung trifft, die sich im Nachhinein möglicherweise als falsch entpuppen könnte.

Fakt ist auch, dass aufgrund des „Regret“ die Zufriedenheit des Entscheidungsträgers umso geringer ist, je mehr Alternativen zur Auswahl stehen. Umfasst etwa die Eiskarte zig verschiedene Sorten, kauft man womöglich gar nichts, da man mit dem großen Angebot überfordert ist.

Investieren in der Corona-Krise

Die Regret-Aversion spiegelt sich auch bei Finanzentscheidungen wider. So haben sich etwa viele Anleger während des Corona-Crash im März 2020 nicht getraut, in den Aktienmarkt einzusteigen. Und viele dieser zögerlichen Anleger ärgerten sich später, nicht auf dem Tiefpunkt zugeschlagen zu haben. Dabei sind diese Gedanken völlig sinnlos – den Finanzmarkt kann man nun einmal nicht exakt timen. Auch Profis scheitern daran sehr häufig.

Kleinanleger greifen übrigens oft zu Finanzprodukten mit Höchststandsgarantien, um einem potenziellen Bedauern schon im Voraus entgegenzuwirken. Denn nach der positiven Entwicklung einer Aktie hin zu einem neuen Höchststand kann das Papier entweder weiter steigen oder wieder fallen.
Für Anleger stellt sich damit die Frage: Halten oder verkaufen? Ersteres würde bei anschließendem Kursrückgang zu Regret führen, da man die Verluste mittels rechtzeitigem Verkauf hätte verhindern können. Wirft man die Aktie wiederum zu früh auf den Markt und kann weitere Gewinne nicht mehr für sich verbuchen, schleicht sich das Gefühl von Reue ebenso ein.
Durch eine Höchststandsgarantie sollen beide Regret-Szenarien verhindert werden. Diese Sicherheit kostet natürlich extra Geld beziehungsweise geht zu Lasten der Ertragschancen, auch wenn das oft nicht explizit angeführt wird.

Auch Kreditnehmer sind betroffen

Freilich unterliegen nicht nur Anleger diesem Denkmuster. Auch Kreditnehmer sind davon betroffen. In der Blütezeit der Fremdwährungskredite haben zum Beispiel viele Kreditnehmer zu einem Mix aus 50 Prozent Euro- und 50 Prozent Fremdwährungskredit gegriffen, um einen möglichen Regret zu minimieren.
Die Überlegung dahinter: Beim späteren Vergleich dieser beiden Kreditvarianten hat immer eine Finanzierung gegenüber der anderen die Nase vorne. Bei einer Hälfte der Kreditsumme im Nachhinein Reue zu verspüren, ist immer noch besser als – im schlimmsten Fall – bei 100 Prozent.

Tipps

Für Entscheidungen aller Art empfehle ich: Verhindern Sie, dass Sie wie ein Kaninchen vor der Schlange stehen und sich aus Angst vor negativen Konsequenzen vor einer ­aktiven Entscheidung drücken. Sollte sich rückblickend herausstellen, dass eine andere Alternative die bessere gewesen wäre, bleiben Sie gelassen – hinterher ist man immer schlauer. Und niemand kann die Entwicklung an den Finanzmärkten mit Sicherheit vorhersagen.

Wichtig ist nur, dass Sie Ihre Strategien – auf Basis der im Entscheidungszeitraum vorliegenden Informationen – sorgsam und nach bestem Wissen und Gewissen auswählen. Überlegen Sie nach einer Entscheidung immer, nach welchen Kriterien Sie Ihren Entschluss gefasst haben, und halten Sie das auch schriftlich fest. Nur so kann man die Entscheidungsfindung nachträglich überprüfen und daraus lernen. Fragen Sie zum Beispiel: „Habe ich mich für die Standardvariante entschieden, nur um den möglichen Regret zu reduzieren?“ Oder: „Ist mein Votum auf jene Alternative gefallen, die die meisten anderen Menschen auch gewählt haben, nur um das potenzielle Regret-Gefühl zu verringern?“ Falls ja, empfehle ich, Ihre Entscheidung zu überdenken und erneut zu treffen – nur diesmal gestützt auf rationale Argumente!

Vermeidung von Reue verursacht Kosten

Was Geldentscheidungen betrifft: Machen Sie sich bewusst, dass Finanzprodukte hohe Kosten verursachen, wenn sie ihre Bedeu­tung großteils aus der Regret-Verringerung ziehen. Wie zum Beispiel Garantieprodukte, die zwar das Verlustrisiko minimieren, aber gleichzeitig die Ertragschancen deutlich reduzieren.
Bei Anlageentscheidungen sollten Sie lieber auf Diversifizierung bauen, anstatt die hier genannten Techniken zur Verringerung einer möglichen Bereuung heranzuziehen. Das hat den Vorteil, dass meist nicht mehr die Entwicklung einzelner Wertpapiere im Fokus der Aufmerksamkeit steht, sondern die des gesamten Portfolios. Damit schlägt man gleich zwei Fliegen mit einer Klappe: Das Rendite-Risiko-Verhältnis wird verbessert und gleichzeitig die Regret-Gefahr reduziert.

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