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Savoir faire: Wirtschaftsmacht Frankreich

Die „Grande Nation“ zeigt sich – Zollandrohungen und Megastreiks zum Trotz – wirtschaftlich erstaunlich robust, wie ein GEWINN-Lokalaugenschein zeigt.

 

(Foto: AndreaAstes – GettyImages.com)

Die meisten Portfoliomanager gingen lange d’accord: In einer Veranlagung, speziell bei Aktien, sei US-amerikanischen Titeln gegenüber europäischen der Vorzug zu geben, weil sie, gerade in den letzten Jahren, stärker wuchsen und profitabler waren als die meisten europäischen Unternehmen.

Viele Marktbeobachter sehen aber mittlerweile das Ende des Bullenmarkts bei US-Aktien gekommen. Während die US-Börse also in den vergangenen Monaten und Jahren „the place to be“ war, könnte Europa – nicht zuletzt aufgrund der bereits hohen Bewertungen bei US-Titeln – das größere Kurspotenzial für 2020 haben. Die Strategen beim heimischen Asset Manager Spängler Iqam Invest räumen jedenfalls europäischen Aktien mehr Gewicht ein, als es Europa an der Börse eigentlich hat. Das robuste Kreditwachstum dürfte die anhaltende wirtschaftliche Expansion in Europa unterstützen. Konjunkturprogramme und eine nachlassende Brexit-Unsicherheit sollten den Euro stützen.

Wirtschaft erstaunlich robust

Ob man nun an Europas Auferstehung glaubt oder nicht: Ein bestimmtes EU-Land, das aktuell in erster Linie in negativer Form von sich reden macht, weist nahezu unbemerkt eine erstaunlich gute wirtschaftliche Verfassung auf – und einige Unternehmen, die nicht nur außergewöhnliche Geschäftsfelder besetzen, sondern auch außergewöhnliche Zahlen liefern. Die Rede ist von Frankreich.  Das flächenmäßig größte Land Europas ist nicht nur stark als Innovator und verfügt über entsprechende Unternehmen mit zukunftsweisenden Geschäftsmodellen und Technologien. Es wird heuer zudem um einiges stärker wachsen als der Nachbar Deutschland. Die Prognosen der Industriestaatenorganisation OECD lauten: 1,3 Prozent und 1,2 Prozent für 2019 bzw. 2020. Zum Vergleich: Für Deutschland wird nur ein Plus von 0,5 beziehungsweise 0,6 Prozent vorhergesagt.

Allerdings hat sich die Stimmung zuletzt ein wenig eingetrübt. Der entsprechende Geschäftsklimaindex sank laut Statistikamt Insee im Oktober auf 105 Zähler. Während sich die Stimmung in der Industrie merklich verschlechterte, blieb sie allerdings bei den Dienstleistern, in der Baubranche und im Einzelhandel stabil. Und: Trotz des Rückgangs verharrt das Stimmungsbarometer der Franzosen deutlich über seinem langjährigen Durchschnittswert von 100 Zählern.

Brexit-Profiteur

Jedenfalls zeigen sich die Verbraucher in so guter Kauflaune wie seit annähernd zwei Jahren nicht mehr: Das Barometer für das Konsumklima kletterte im September auf 104 Punkte. Die Konsumenten äußerten sich optimistischer zu ihren persönlichen Finanzen und waren stärker als zuvor zu größeren Anschaffungen bereit. Auch die Arbeitslosigkeit ist in Frankreich zuletzt auf den tiefsten Stand seit Ausbruch der weltweiten Finanzkrise vor rund elf Jahren gefallen.

Bemerkenswert ist auch der Umstand, dass Frankreich sich jetzt schon zum Brexit-Profiteur mausert: Rund 50 zuvor in London ansässige Finanzunternehmen sind nach Paris umgezogen und haben an die 2.000 Arbeitsplätze mitgebracht, wird der Chef der französischen Zentralbank, Francois Villeroy de Galhau, in Medienberichten zitiert.

Streiks und US-Strafzölle

Zuletzt jedoch war das Land des „savoir vivre“ und seine Wirtschaft von Themen wie den amerikanischen Sanktionen und vor allem den Streiks in Geiselhaft genommen worden. Trump hatte es in den vergangenen Wochen auf Frankreich abgesehen und mit neuen Zöllen gedroht – bis zu 100 Prozent auf Champagner und andere Waren wie Handtaschen und Käse im Umfang von rund 2,4 Milliarden Dollar (2,2 Mrd. Euro). Den Groll hatte sich Frankreich mit der angedachten Digitalsteuer zugezogen, die vor allem US-Konzerne wie Google, Apple, Facebook und Amazon belas­tet und mit der die Regierung in Paris für mehr Steuergerechtigkeit sorgen will.

Kaum wer ist so streikerprobt wie die Franzosen. Aber das, was sich Anfang Dezember auf den Straßen abspielte, war zweifellos einer der größten Proteste seit Jahren. Der Unmut richtete sich einerseits gegen die geplante Steuererhöhung auf Dieselkraftstoff, andererseits vor allem gegen die von der Mitte-Regierung unter Emmanuel Macron geplante Pensionsreform. Autobahnen wurden blockiert, Bahn- und Pariser Nahverkehr sowie auch Flüge kamen zum Erliegen, Proteste gab es auch in Krankenhäusern, bei der Müllabfuhr, der Polizei und Feuerwehr.

Viele Aktien mit hohem Kursplus

Fast dreimal so viele Menschen wie auf dem Höhepunkt der „Gelbwesten“-Krise vor einem Jahr beteiligten sich an den Demos. Genau die damals beschlossenen Konjunkturhilfen in Höhe von zehn Milliarden Euro haben dazu beigetragen, dass das Wirtschaftswachstum Frankreichs vor allem von der Binnenkonjunktur getragen war. Ein Großteil der Gelder kam Beschäftigten im Niedriglohnsektor zugute. Für 2020 sind weitere zehn Milliarden Euro an Steuernachlässen angekündigt. Die Geschenke nach den Protesten der „Gilets Jaunes“ gehen allerdings zulasten der Sanierung der Finanzen: Die Regierung plant 2020 ein Haushaltsdefizit von 2,2 Prozent, heuer überzieht Frankreich mit 3,1 Prozent die Vorgaben des Stabilitätspaktes.

Die im Europa-Vergleich jedoch kräftige wirtschaftliche Dynamik spiegelt sich in der Kursentwicklung der börsennotierten Unternehmen wider: Von den 40 im Leitindex der Pariser Börse, dem CAC 40, enthaltenen Unternehmen liegen zwar neun auf Jahressicht unter Wasser. Bei 28 ist die Performance aber im – teils sehr hohen – zweistelligen Bereich. Spitzenreiter ist (zum 9. 12. 2019) STMicroelectronics mit 90,8 Prozent Kursplus, gefolgt von LVMH Moet Hennessy Louis Vuitton (60,4 Prozent), Schneider Electric (45,2 Prozent), Legrand (42,9 Prozent), Kering (39,2 Prozent), Hermès (37,6 Prozent) und Dassault Systèmes (34,9 Prozent). Doch auch unter den in der „zweiten Reihe“, den im CAC Mid 60, befindlichen Titeln finden sich Perlen wie etwa die Elis S.A.

LVMH: Beispiel für Preismacht

Andere europäische Mütter haben auch schöne Kinder, aber gerade in Frankreich findet man etliche Unternehmen mit einem außergewöhnlichen Geschäftsmodell. Was darunter zu verstehen sei, erklärt Benjamin Moore, Manager beim Fondshaus Columbia Thread­needle Investments: „Langfristige, stete Zuwächse durch Aktivität in einem Wachstumsmarkt oder Fokus auf ein langfristiges Zukunftsthema einerseits; nachhaltige, über den Kapitalkosten liegende Rendite, hohe Margen, Wachstumssteigerung zu geringen Kos­ten sowie hohe Eintrittsbarrieren für Mitbewerber und eine nachhaltige Positionierung.“ Effiziente Skalierbarkeit sowie der Netzwerk-effekt seien ebenfalls gute Hinweise auf den Vorsprung eines Unternehmens gegenüber der Konkurrenz.

Als Beispiel für die Preismacht eines Konzerns nennt Moore den französischen Luxuskonzern LVMH, der zuletzt mit dem Kauf von Tiffany für Aufsehen sorgte: Anfang 2017 übernahm der weltweite Branchenführer der Luxusgüterindustrie die Mehrheit an der Kölner Traditionsfirma Rimowa. Seitdem liegt dort kein Stein mehr auf dem anderen. LVMH-Großaktionär Bernard Arnault machte rasch klar, dass er den Hersteller der berühmten Rillenkoffer aus Aluminium auf dasselbe anspruchsvolle Niveau heben wolle wie die anderen Luxusmarken des Konzerns (z. B. Louis Vuitton, Fendi, Dior …).

Zur Umsetzung der exklusiven Vertriebsstrategie sandte Arnault seinen Sohn Ale­xandre nach Köln, um dort gemeinsam mit dem bisherigen Alleininhaber Dieter Morszeck die Geschicke zu leiten. Die Händler mussten sich fortan mit einem Mindesteinkaufswert sowie einer dreimaligen Preisanhebung innerhalb von 18 Monaten abfinden.

„Ansammlung von Flipper-Maschinen”

Pernod Ricard ist eine weitere „Ansammlung von Flipper-Maschinen“, erklärt Moore in Anspielung an die ersten, äußerst erfolgreichen Gehversuche von Anlegerlegende Warren Buffett (Anm.: dieser hat eigenen Angaben zufolge mit 17 Jahren gemeinsam mit einem Freund einen alten Flipper um 25 Dollar erworben, die glorreiche Idee gehabt, die Maschine im Friseurladen seines Vertrauens aufzustellen und die Einnahmen mit dem Barbier zu teilen – woraufhin das Duo relativ rasch das Geld für den Kauf zahlreicher weiterer Maschinen beisammen hatte und wenige Monate später verkaufte Buffett sein Unternehmen um mehr als 1.000 Dollar, damals eine erkleckliche Summe).

Nur wenige andere Unternehmen verfügen über eine derartige Markenstärke: Im Ricard-Portfolio befinden sich klingende Namen wie etwa Chivas Regal, Jameson, Pernod, Lillet, Martell, Havana Club, Olmeca, Beefeater, Absolut Wodka, Becherovka … und nicht zuletzt die exklusive und traditionsreiche Champagnermarke Perrier-Jouët. „Wenn man bei der Markenpflege alles richtig macht, wird die ,Marke‘ immer stärker“, sagt Moore.
Bei der letzten Hauptversammlung des weltweit zweitgrößten Spirituosenkonzerns gab CEO Alexandre Ricard bekannt, die Dividende für das Geschäftsjahr 2018/2019 um 32 Prozent auf 3,12 Euro je Aktie zu erhöhen. Im abgelaufenen Geschäftsjahr lief es bei Pernod Ricard dank der hohen Nachfrage in China und Indien außergewöhnlich gut, die Gewinne stiegen so stark wie seit Jahren nicht mehr. Nun hat der Konzern eine Verschnaufpause eingelegt, die Prognose für das laufende Geschäftsjahr wurde jedoch bekräftigt: Der operative Gewinn vor Sondereffekten soll demnach weiterhin organisch zwischen fünf und sieben Prozent wachsen. Zudem wurde ein Aktienrückkaufprogramm gestartet.

Effizientes Skalengeschäft

Ein weiteres Unternehmen, dessen Kursperformance nicht unter den absoluten High­flyern dieses Jahres zu finden – mit etwa 24 Prozent aber durchaus nicht zu verachten – und dessen Business nach den Worten von Moore sogar „wenig sexy“ ist, ist die Elis S.A. Wer in einem Hotel übernachtet, schläft mit hoher Wahrscheinlichkeit in Bettlaken, die von Elis gewaschen, gebügelt und gebracht wurden.
Der Textilservicekonzern vermietet Arbeitsbekleidung, bietet Reinigungsleistungen an und vertreibt Hygieneprodukte für Waschräume. Das 1968 gegründete Unternehmen hat seine Wurzeln in einer Wäscherei des 19. Jahrhunderts. Durch Übernahmen in Belgien, Spanien, Portugal und Deutschland expandierte Elis ab den 1970er-Jahren auf europäischer Ebene, seit 2010 ist man auch in Lateinamerika vertreten. Die letzte Großakquisition stellt die Übernahme des britischen Textilserviceanbieters Berendsen dar, der rund 15.000 Mitarbeiter in den Gesamtkonzern einbrachte.

„Was die machen, ist ein Skalengeschäft“, so Moore, je größer das Unternehmen werde, desto besser. Die Eintrittshürde für konkurrierende Unternehmen sei groß, denn ein kleineres Unternehmen hätte dieselben Fixkosten und Schwierigkeiten – Textilien in unzähligen unterschiedlichen Größen in einem „Affentempo“ einzusammeln, zu behandeln und wieder auszuliefern – zu tragen, aber Elis hätte durch den Vorsprung wesentlich mehr Geschäft und Einnahmen.

KI-Revolution in der Fertigung

Europa hat auch den schlechten Ruf, wenige echte Technologiekonzerne vorweisen zu können. Die französische Firma Dassault ­Systèmes straft diese Meinung Lügen. Dassault Systèmes wurde aus dem hierzulande möglicherweise bekannteren Unternehmen Dassault Aviation herausgelöst. Das multinationale Software-Entwicklungsunternehmen ist bekannt für 3D-Design-Software, 3D-Digital-Mock-up und für Product-Lifecycle-Management-(PLM)Lösungen. Dassault Sys­tèmes ist Erfinder von CATIA, einer CAD/CAM-Anwendung, die weltweit genutzt wird.

„Alle Ingenieure bei Airbus oder Boeing beherrschen diese Software, der Netzwerk-effekt bei Dassault Systèmes ist bemerkenswert“, sagt Moore. Doch nicht nur das. Der Konzern denke langfristig an die nächsten 20 bis 30 Jahre. „Wir sind kein Software-Provider, wir verstehen uns als wissenschaftlich orientiertes Unternehmen“, erklärt Jean-Michel Morin, Senior Director bei Dassault Systemes. „Wir wollen einfach alles auf der Welt modernisieren, aus einer mathematischen und physikalischen Perspektive heraus, das betrifft Thermodynamik, Elektromagnetismus, Akustik usw., die in unsere multidisziplinären Analysen einbezogen werden.“

Für alle Industriezweige interessant

Dassault Systèmes Stärke liegt vor allem in der wissenschaftlichen Plattform mit einer ungeheuren Menge an Daten für Simulationssoftware, mit der sich einfach alles designen lässt: angefangen von einer Waschmaschine auf Basis von Dampfreinigung (Miele) bis hin zur komplexen Herz-Simulation als Vorbereitung für Operationen. „Wir stehen an der Schwelle zur personalisierten medizinischen Behandlung“, so Morin. Künstliche Intelligenz (KI) und 3D-Druck werden die Güterproduktion revolutionieren: „Wozu Teile montieren, wenn man heute alles drucken kann?“

Vision und Ziel von Dassault Systèmes ist es, KI so einzusetzen, dass man mit ein und derselben Fertigungslinie alle Arten von Produkten herstellen kann. Es sei heute möglich, Autos „on demand“ ohne Prototypen herzustellen, da sämtliche Tests im Vorfeld simuliert werden können, Ausschuss werde es künftig kaum mehr geben. Produkte können mit der Datenbank und Software genau nach den Vorgaben des Kunden hergestellt werden, dies gehe bis zur „Zusammensetzung auf der molekularen, atomaren Ebene“. Ein Beispiel: Für einen US-Kunden wurde genau errechnet, wie die Hülle von Spültabs zusammengesetzt sein muss, damit Kinder in einem gewissen Alter sie nicht aufbeißen können. „Unsere Lösungen sind für alle Indust­riezweige interessant. Die Menschen sind sich dessen nicht bewusst: unsere Technologie steckt in 70 Prozent aller Waren drin. Das ist wie Microsoft“, so Morin. Der Nachhaltigkeitsgedanke, bessere Produkte für eine bessere Welt haben zu wollen, sei einer der Haupttreiber für das Business. 

Ein Faktor könnte die Suppe für Frankreich insgesamt allerdings merklich versalzen: wenn die deutsche Schwäche nach Frankreich herüberschwappt. Denn 15 Prozent des französischen Außenhandels werden mit Deutschland getätigt. In Paris richten sich nun alle Hoffnungen in die Richtung der deutschen Bundesregierung, die ein Konjunkturpaket schnürt, welches die dortige Wirtschaft ankurbelt.

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