Schreckgespenster bedrohen Bullenmarkt

Die vielerorts rasche Erholung vom Corona-Crash geriet zuletzt ins Stocken. Aktuell belasten verschiedene Unsicherheitsfaktoren die Aktienmärkte, während die langfristigen Aussichten überzeugen.

 

(Illustration: Markus Murlasits)

Nach dem extremen Aktienkursverfall Anfang März befanden sich rund drei Viertel der Weltbörsen im Juli bereits wieder definitionsgemäß in einer Hausse – vielfach war ein rasanter Anstieg von 20 Prozent und mehr seit dem 52-Wochen-Tief zu sehen. Doch nun macht das Schreckgespenst der sogenannten „Bear Market Rally“, einer vorübergehenden Erholungsphase in einer längerfristigen Aktienbaisse, die Runde. Denn die steigenden Infektionszahlen in Europa schüren Ängste vor einem neuerlichen Lockdown auf breiter Front und den damit verbundenen zusätzlichen wirtschaftlichen Belastungen. Etliche weitere ungelöste Fragen (Stichwort Brexit) und neue Sorgen wie die hochpoppenden Geldwäschevorwürfe – allen regulatorischen Bemühungen zum Trotz – machen Börsianern das Leben nicht leichter.

Positive Wirtschaftsindikatoren

Zwar stehen in etlichen führenden Wirtschaftsräumen der Welt einige Zeichen wieder auf Wachstum: So haben sich im Spätsommer die Stimmungsindikatoren für die Industrie in China, der Euro-Zone und in Großbritannien deutlich aufgehellt. Und auch der Einkaufsmanagerindex (PMI) des chinesischen Statis­tikamtes für das verarbeitende Gewerbe zeigt eine deutlich bessere Stimmung an.

Aber die amerikanische Notenbank Federal Reserve sieht die Wirtschaft trotz einer spürbaren Genesung noch nicht über dem Berg. Sie drängt daher auf neue Konjunkturhilfen seitens der Politik. Und sie verpflichte sich weiterhin, die gesamte Bandbreite ihrer Instrumente zu nutzen, bekräftigte Fed-Chef Jerome Powell unlängst. Man würde die Zinsen jedenfalls so lange nahe null halten, bis die Inflation auf dem Weg sei, „für einige Zeit“ das Ziel von zwei Prozent Teuerung „moderat zu übertreffen“. Die US-Notenbanker beunruhigt, dass der US-Arbeitsmarkt wieder an Fahrt verloren hat. Die im August bekannt gegebenen Anträge auf Arbeitslosenhilfe wiesen überraschend einen Anstieg aus. Powell ließ mit den Worten aufhorchen, dass „ein erheblicher Teil der Jobverluste dauerhaft sein könnte“.

Ultraexpansive Geldpolitik

Nicht viel anders klang es in Europa Ende September: Die wirtschaftliche Unsicherheit in der Euro-Zone nach dem Corona-Einbruch bleibt nach Einschätzung von Christine Lagarde, Chefin der Europäischen Zentralbank EZB, hoch. Leichte Erholungen habe es im dritten Quartal in einigen Bereichen wohl gegeben. Aber: „Die Verbraucher sind vorsichtig. Ähnlich sieht es mit den Unternehmen aus.“ Das Notkaufprogramm PEPP (Pandemic Emergency Purchase Programme) war im Juni fast verdoppelt worden – von 750 Milliarden Euro auf 1,35 Billionen. Das Aufkaufen von Staats- und Unternehmensanleihen in dieser Höhe wolle man mindestens bis Ende Juni 2021 aufrechterhalten, um die gesamtwirtschaftliche Lage zu stabilisieren.

Volkswirte schließen aber nicht aus, dass die EZB ihr Notkaufprogramm bis zum Jahresende noch einmal aufstocken könnte. Der Effekt der Maßnahme, für Länder wie Unternehmen gleichermaßen, ist: Sie müssen für ihre Papiere nicht so hohe Zinsen bieten, um sie loszuschlagen. Dennoch ist für heuer von einem Rückgang der Wirtschaftsleistung im Euro-Raum von um die acht Prozent auszugehen. 2021 könnte es laut EZB (bezogen auf das Vorjahresniveau) wieder um fünf und 2022 um 3,2 Prozent aufwärts gehen. Im bes­ten Fall wird die Wirtschaft der 19 Euro-Länder insgesamt gegen Ende 2022 wieder auf dem Vor-Krisen-Stand sein.

Plattform für „Wackelkredite“

Die EZB wird zum Gegensteuern durchaus kreativ: Im Stil von Amazon oder eBay erwägt man die Errichtung einer Internet-Plattform für den Verkauf von faulen Bankkrediten im Volumen von mehreren hundert Milliarden Euro. „Die Idee ist, den Markt für Käufer von kleineren Portfolios zu öffnen, mit einem Marktplatz im Stile von Amazon oder eBay, auf dem man browsen kann“, wurde EZB-Experte Edward O'Brien in Medien zitiert. So sollen Banken ihre Altlasten und die im Zuge der Corona-Krise auf sie zukommenden Kreditrisken besser verringern können. Angedacht ist weiters die Schaffung einer „Bad Bank“ für die Abwicklung notleidender Forderungen. Ob einen derartige Maßnahmen eher beruhigen oder beunruhigen sollen, sei dahingestellt.

Nachdenklich stimmt jedenfalls die Tatsache, dass eine Reihe von Vorstandschefs der im Standard&Poor’s-500-Index enthaltenen Konzerne zuletzt Aktien ihrer eigenen Unternehmen auf den Markt geworfen haben. Die Verkäufe lagen so deutlich über den Käufen wie seit acht Jahren nicht mehr, berichtet die Nachrichtenagentur Bloomberg anhand von Zahlen der US-Börsenaufsicht SEC. Besonders aktiv sollen u. a. die Finanzchefin von Microsoft sowie die Chefin des US-Materialentwicklers Corning gewesen sein.

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Zuletzt schaumgebremste Aktienmärkte

Seit September zeigen sich die Indizes der globalen Aktienmärkte tatsächlich ein wenig schaumgebremst. Dass die konjunkturelle Erholung schleppender als erwartet ausfallen könnte, darauf könnte auch die Entwicklung des Rohölpreises hindeuten – wobei beim schwarzen Gold viele weitere Faktoren eine Rolle spielen: So soll es dem Iran in den vergangenen Wochen und Monaten gelungen sein, die US-Sanktionen zu umgehen und Öl auf dem Markt anzubieten. Für Unruhe sorgt auch die Nachricht vom Ableben von Scheich Sabah al-Ahmed al-Sabah, des Königs von Kuwait, der immer wieder als Vermittler bei Konflikten im Mittleren Osten aufgetreten ist.

Der Tenor unter den heimischen Finanz-experten ist dennoch für Aktien neutral bis recht positiv. Zum einen gibt es weiterhin kaum Alternativen, die Rendite abwerfen. Friedrich Mostböck, Head of Group Research, Erste Group Bank: „Die Null- beziehungsweise Negativ-Zinspolitik wird uns wohl längerfristig erhalten bleiben und begleiten.“ Zum anderen „sind die Aussichten für die Aktienmärkte für einen Zeithorizont von einem Jahr generell positiv“, meint Ingrid Szeiler, Chief Investment Officer bei der Raiffeisen KAG: „Eine Fortsetzung der Konjunkturerholung in Verbindung mit einer weiterhin unterstützenden Geldpolitik bietet ein güns­tiges Umfeld für Aktien.“ Auch wenn das Thema Covid-19 ihrer Meinung nach bis Ende 2021 gelöst sein sollte – Stichwort: Impfung – und selbst wenn die Wirtschaft sich weiter erfreulich entwickelt, würden die Folgen des Konjunktureinbruchs noch länger nachwirken: „Weil die Inflationsaussichten deshalb noch länger nicht den Vorgaben der Notenbanken entsprechen werden, werden sie weiterhin eine sehr expansive Geldpolitik fahren.“

Ergebnisse besser als erwartet

Auch Mostböck sieht in der expansiven Geldpolitik und den Ankaufprogrammen der Notenbanken sowie staatlichen Unterstützungsmaßnahmen nach wie vor die Haupttreiber für die teils positiven Entwicklungen an den Aktienmärkten. „Diese nehmen großteils die Entwicklung von 2021 vorweg. Die Unternehmensergebnisse im zweiten Quartal 2020 waren entgegen der Konsenserwartungen der Analysten mehrheitlich nicht enttäuschend oder sogar besser als erwartet.“ Und so richtig nachhaltig hätten Faktoren, wie der Handelskonflikt zwischen den USA und China oder der Brexit, die Rally an den Börsen nicht trüben können, meint Monika Rosen, Chefanalystin, UniCredit Bank Austria Premium Banking. In der UniCredit Bank Austria sehe man aber durchaus auch Risken. „Aus diesem Grund ist unsere Asset-Allocation bei Aktien neutral gewichtet“, sagt Rosen.

„Unbedingt meiden sollte man aus heutiger Sicht wohl Brasilien und Russland, weil die Märkte stark rohstofflastig sind“, erklärt Mostböck. Zudem sei aus naheliegenden Gründen bei Sektoren wie Reisen und Freizeit – Tourismus, Hotels oder Fluglinien – Vorsicht angebracht. „Für einige Branchen wird es nicht mehr so sein wie vor der Pandemie.“ Keinen attraktiven Gesamtertrag auf Sicht von einem Jahr sieht Szeiler auch bei Staatsanleihen bester Qualität, z. B. deutschen Staatsanleihen.

US-Wahlen verunsichern

Die meisten Experten favorisieren die europäischen Aktienmärkte „aus Bewertungsgründen“, so Mostböck. Die Bewertung der amerikanischen Börsen sei in vielerlei Hinsicht teurer geworden. Allerdings macht die aktuelle Euro-Stärke gegenüber dem US-Dollar exportorientierten europäischen Unternehmen das Leben schwer. „Neben der attraktiveren Bewertung spricht auch das bessere Management während der Corona-Krise für europäische Titel“, so Rosen. Zudem müssten Anleger kurzfristig in den Wochen vor der US-Präsidentschaftswahl eine höhere Schwankungsfreudigkeit der US-Aktienkurse in Kauf nehmen.

Obwohl der Ausgang der bevorstehenden US-Wahl natürlich Sorgen bereitet, dürften die Folgen für die Aktienmärkte überschaubar bleiben – zumindest auf lange Sicht, meint man beim Fondshaus La Financière de l’Echiquier (LFDE). Sollte der gemäßigtere Joe Biden die Wahl gewinnen, könnte die Handelspolitik berechenbarer als zuvor sein, meint David Ross, Manager des Echiquier World Equity Growth Fonds. Dies würde sich auch in einem stärkeren US-Dollar äußern. Allerdings verunsichert Biden die Anleger mit seinen Steuerplänen. So wollen die Demokraten u. a. die Kapitalertragsteuer von aktuell 20 Prozent stark erhöhen. Dies würde zu verstärkten Aktienverkäufen führen. Denn die Maßnahme könnte die Gewinne im S&P 500 im Schnitt um etwa 20 Dollar je Aktie schmälern, heißt es beim Asset-Manager Amundi. Bidens Sieg würde auch ziemlich sicher Gegenwind für Energie- und Finanzwerte bedeuten, denn er ist dem Mainstream zur Reduktion von CO2-Ausstößen gegenüber offener als Trump, da er sich „für eine abgewandelte Version des ,Green New Deal‘ einsetzt“. Auf der anderen Seite ist eine demokratische Regierung unter Biden geneigt, die Haushaltsdefizite womöglich sogar auszuweiten, was der Wirtschaft Impulse geben könnte.

Trump: More of the same

Bei einem Sieg von Donald Trump weiß man ziemlich genau, was kommt: „More of the same“. Konkret möchten die Republikaner den Greenback schwächer halten, der Kurs in der US-Handelspolitik gegenüber China bliebe gleich. „Große Tech-Firmen, Finanzinstitute, Rüstungskonzerne und die Hersteller fossiler Brennstoffe würden von einem Wahlsieg Trumps profitieren, Erneuerbare Energien und infrastrukturnahe Sektoren dagegen von einem Präsidenten Biden“, erklärt Marco Pirondini, Leiter US-Aktien bei Amundi. ESG-Strategien –  also Investmentstrategien, die Umwelt (Ecology), Soziales (Social) und eine verantwortungsvolle Unternehmensführung (Governance) berücksichtigen, dürften dagegen in beiden Szenarien an Bedeutung gewinnen.

„Ich glaube, dass US-Investments gefährlicher werden – unabhängig vom Ausgang der Wahl“, meint Wolfgang Matejka, Geschäftsführer bei Matejka & Partner Asset Management. Das liege u. a. an der enorm hohen Verschuldung, die die Amerikaner wegen Corona riskieren. „Das Handelsbilanzdefizit ist so groß wie nie. Der Dollar ist schwach, denn die USA müssen künftig mehr Zinsen zahlen, um ihre Schulden aufrechterhalten zu können.“ Die US-Regierung habe ökonomisch einiges falsch gemacht. Dies werde von der Börsenperformance noch überdeckt, aber über kurz oder lang zutage treten. „Also heißt es für US-Aktien Gewinne mitnehmen.“

Trend zur Digitalisierung bleibt

Für Rosen rechtfertigt die Dominanz der Technologieaktien „bis zu einem gewissen Grad“ eine höhere Bewertung der amerikanischen Märkte. „Derzeit wird alles, was nur im Entferntesten zur Technologie- oder zur Internet-Branche zählt, von Investoren gekauft und mit teilweise horrenden Bewertungen gehandelt. Dabei wird oft übersehen, dass gerade diese Branche sehr schnelllebig ist und der Star von heute ist morgen oft schon vergessen“, relativiert Manfred Sibrawa, Senior-Portfolio-Manager Equity bei Amundi Austria. Europäische Technologiewerte haben gegenüber den amerikanischen in jedem Fall Aufholpotenzial. Die politische Ausrichtung Europas hin zu Elektromobilität und neue Energien könnte die Europäer technologieverliebter werden lassen, meint Matejka.

Für so gut wie alle Finanzexperten ist aber klar, dass Unternehmen weiterhin massiv in den Ausbau ihrer digitalen Infrastruktur investieren werden, auch in „Post-Corona-Zeiten“. Selbst im Handel ist die Digitalisierung rasant vorangeschritten. Das Fondshaus Comgest nennt etwa das spanische Textilunternehmen Inditex, zu dem unter anderem die Modekette Zara gehört: Es werde in den kommenden Jahren fast 40 Prozent der Investitionen in diesen Bereich lenken.

Auch klassische Retail-Ketten wie der US-Einzelhandelsgigant Walmart investieren nun stark in digitale Technologien oder nehmen Geld für entsprechende Übernahmen in die Hand. Die Pandemie sei darüber hinaus eine treibende Kraft für bargeldlose Zahlungsmethoden, was etwa den Zahlungsspezialisten Adyen beflügle.

„Breit streuen“ immer noch aktuell

„Wachstumswerte werden weiter gut laufen – nicht zuletzt aufgrund ihrer hochprofitablen Geschäftsmodelle“, sagt Szeiler. Unterdessen würden aber auch Zykliker interessanter, also Unternehmen und Aktien, deren Entwicklung eng mit dem Konjunkturzyklus verquickt ist. Für Mostböck bieten die Sektoren Gesundheit und nicht zyklischer Konsum ebenfalls Gelegenheiten. „Schwierig dürfte es hingegen für die Finanzwerte bleiben“, erwartet Szeiler.

Sie benötigten für eine Outperformance ein höheres Zinsniveau und eine wesentlich steilere Zinskurve. Letzteres bedeutet, dass der Renditeabstand zwischen den Zinsen von Anleihen mit Laufzeiten bis zwei Jahren und jenen Zinsen am ganz „langen Ende“, 20 Jahre oder länger, größer wird. Des Weiteren hält man bei der Raiffeisen KAG Aktien aus den Emerging-Markets für attraktiv. Diese Volkswirtschaften sind nicht zuletzt dank der „billigen Währungen“ im Vorteil.

Jenen Anlegern, die ihrem Portfolio Anleihen beimischen möchten, rät Szeiler dazu, Unternehmensanleihen den Vorzug gegenüber Staatsanleihen zu geben, Schwellenländeranleihen gegenüber jenen aus etablierten Märkten und inflationsindexierten Anleihen gegenüber nominellen Anleihen. „Bei der UniCredit Bank Austria bevorzugen wir Unternehmensanleihen der Euro-Zone – aber nur solche mit Topbonitäten“, erklärt Rosen.

„Für versierte Anleger ergeben sich immer Chancen, ganz unabhängig von Branchen, Regionen oder Assetklassen“, glaubt Sibrawa. Aber am einfachsten ist es, Investmentfonds zu erwerben. „Für einen durchschnittlichen Privatanleger, der sich normalerweise nicht regelmäßig und intensiv mit den Märkten befasst, ist eine breite Diversifikation das Um und Auf. Hier eignen sich am besten Fonds, die alle Themen abdecken können und mit denen Anleger aus einer breiten Palette gemäß ihres Anlegerprofils wählen können.“ Mostböck stößt ins selbe Horn, mit Fondssparplänen ließen sich zudem zeitliche Risken reduzieren. Den richtigen Zeitpunkt für einen Ein- oder Ausstieg zu wählen gelingt selbst Profis kaum. Profitieren könne man durch nachhaltige Ausrichtung und Fokus auf zukunftsorientierte Branchen, so Mostböck.

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