„Status Quo Bias“: Lassen Sie Ihr Portfolio nicht verstauben!

Viele Anleger machen den psychologischen Fehler und lassen ihr Portfolio verstauben. Sprich: sie bleiben bei der Veranlagung, für die sie sich vor Jahren entschieden haben, ohne zu prüfen, ob das Portfolio in der jetzigen Situation überhaupt noch optimal ist – Experten

nennen das „Status Quo ­Bias“

„Überprüfen Sie Ihr Portfolio regelmäßig und fragen Sie sich, ob Sie genauso investieren würden, wenn Sie noch keinerlei Wertpapiere, sondern nur Bargeld hätten.“ Professor Manfred Frühwirth (Foto: tupungato - Thinkstock.com)

Sie gehen seit Jahren zum selben Friseur oder Arzt. Sie bleiben beim überteuerten Energieversorger und wechseln den Mobilfunkanbieter trotz besserer Angebote nicht. Und schon seit 24 Jahren zieht es Sie im Juli nach Lignano. Kennen Sie solche Menschen? Oder gehören Sie vielleicht sogar selbst dazu?
„Warum sollte man Bewährtes ändern?“, meinen Sie vielleicht. Der Mensch ist bekanntlich ein Gewohnheitstier. Die Psychologie nennt dieses Phänomen den „Status Quo Bias“. Demnach tendieren Menschen dazu, den aktuellen Zustand beizubehalten. Frühere Entscheidungen werden selbst dann wiederholt, wenn sich die Rahmenbedingungen inzwischen stark verändert haben. So kann es leicht zu Fehlentscheidungen kommen.
Der „Status Quo Bias“ lässt sich – neben Bequemlichkeit – auch durch Verlustaversion, also die Abneigung gegen mögliche Verluste, erklären. Wie im Rahmen dieser Kolumne bereits erwähnt, ärgern sich Menschen nämlich über Verluste mehr, als sie sich über gleich hohe Gewinne freuen. Daher bleiben wir lieber dem aktuellen Zustand treu, denn wir könnten ja bei dessen Veränderung etwas verlieren. Die Chance, auch etwas gewinnen zu können, rückt dabei in den Hintergrund.

„Das hamma immer schon so g’macht!“

 

So sitzen auch Menschen mit dem Denken „Das hamma immer schon so g’macht!“ diesem „Status Quo Bias“ auf. Deshalb wagen sie Neues nicht, sondern bleiben beim bestehenden Mittelmaß. Auch bei Geldanlagen lässt sich diese psychologische Verzerrung beobachten. Das zeigt eine empirische Analyse der beiden US-Ökonomen John Ameriks und  Stephen P. Zeldes aus dem Jahr 2004 mit folgendem Ergebnis: Anleger bleiben bei ihrem Portfolio, für das sie sich neun Jahre zuvor entschieden haben, ohne zu prüfen, ob das Portfolio in der jetzigen Situation überhaupt noch attraktiv ist – und obwohl sich ihr Alter und damit ihr Anlagehorizont geändert haben. Erstmals wissenschaftlich beschrieben haben den „Status Quo Bias“ die Forscher William Samuelson und Richard Zeckhauser im Jahr 1988. In einer Reihe von Experimenten untersuchten sie dieses Phänomen. Unter anderem fanden sie in einem Gedankenexperiment mit Probanden heraus, dass Anleger mit hypothetisch vererbten Portfolios dazu tendieren, diese beizubehalten. Das Experiment zeigte auch: Würden die Untersuchungsteilnehmer stattdessen Geld erhalten, würden sie es völlig anders anlegen als das geerbte Portfolio.

Nicht rational

Rational gesehen müsste die jüngere Generation das von ihren Eltern geerbte Portfolio verändern, wenn sie es für die Altersvorsorge nutzen möchte. Ihr Anlagehorizont ist länger (da ihre durchschnittliche verbleibende Lebenserwartung in Jahren höher ist). Jüngere Menschen könnten daher mehr riskieren. Dies zeigt – neben zahlreichen wissenschaftlichen Arbeiten – auch eine häufig praktizierte Faustregel: „100 minus Alter“ entspricht dem Prozentsatz des Portfolios, den man riskant anlegen sollte. Anders gesagt: Ein 30-jähriger Anleger könnte ruhig zu 70 Prozent Aktien in seinem Portfolio haben. Mit zunehmendem Alter ­sollte man die riskanten Anlagen aber zurückfahren, um die Schwankungen zu reduzieren.

Tipps gegen den „Status Quo Bias“

Um diesen psychologischen Fehler bei Finanzanlagen zu vermeiden, empfehle ich Folgendes: Egal ob Sie Ihr Portfolio vererbt bekommen haben oder es schon einige Jahre besitzen, überprüfen Sie es hinsichtlich der aktuellen Rahmenbedingungen regelmäßig. Fragen Sie sich, ob Sie genauso investieren würden, wenn Sie noch keinerlei Wertpapiere, sondern nur Bargeld hätten. Machen Sie gedanklich Tabula Rasa, und stellen Sie ganz neu ein (optimales) Portfolio zusammen. Dann schichten Sie nach und nach Ihr reales Portfolio in Richtung Ihres optimalen Zielportfolios um.

Um das Problem an der Wurzel zu packen und der zugrunde liegenden Verlustaversion zu entkommen, rechnen Sie Verluste und Gewinne auf, und richten Sie sich danach, was unterm Strich herauskommt. Damit kämpfen Sie gegen die psychologische Tendenz, Verluste stärker zu gewichten als Gewinne – und entscheiden so rationaler!

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