Überoptimismus: Weg mit der rosaroten Brille!

Gerade Anleger sollten auch überprüfen, ob sie gewisse Investments nicht durch die „rosa Brille“ sehen.

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Das Angebot der vermeintlichen Oligarchennichte sah H.C. Strache als große Chance. Zwar riefen die schmutzigen Zehennägel bei ihm kurz Skepsis hervor („Eine Russin in dieser Liga hat keine schmutzigen Füße!“), doch bremsen ließ er sich davon nicht. Strache unterschätzte die Wahrscheinlichkeit, dass es sich bei dem Abend auf Ibiza um eine Falle handeln könnte. Hat(te) er doch ein außerordentlich hohes Commitment für die Politik und seine Partei. Immerhin hatte er die FPÖ nach den Turbulenzen um Knittelfeld wieder aufgebaut und bis in die Regierung gebracht. Doch genau dieses Commitment wurde Strache auf Ibiza zum Verhängnis – es führte zu Überoptimismus.

Dieses psychologische Phänomen beschreibt die Tendenz, zukünftige Ereignisse unrealistisch optimistisch einzuschätzen. Konkret wird dabei die Wahrscheinlichkeit positiver Ereignisse über- und die Wahrscheinlichkeit negativer Ereignisse unterschätzt. Dies lässt sich auf Wunschdenken zurückführen. Denn positive Ereignisse werden mit positiven Emotionen konnotiert. Daher wird die Realität durch das gewünschte Ergebnis ersetzt und damit die Erwartungshaltung übersteigert.

Ist das Commitment, sprich: die Hingabe, sehr hoch, ist der Überoptimismus besonders groß. Dies wurde zum Beispiel bei den Olympischen Winterspielen 1998 in Nagano deutlich. Als Skination sind Österreichern Skiergebnisse sehr wichtig. Daher waren sie überoptimistisch und scheuten keine Mühe, mitten in der Nacht aufzustehen, um den erwarteten Sieg von Hermann Maier bei der Olympia-Abfahrt live im Fernsehen mitzuverfolgen. Doch bereits nach wenigen Fahrsekunden kam es zu dem spektakulären Sturz, bei dem der Skistar kopfüber aus der Kurve flog, mehrere Sicherheitszäune durchbrach und schlussendlich im Tiefschnee landete. Die auf Sieg programmierten Zuseher gingen enttäuscht wieder schlafen.

Run auf Fußballaktien

Überoptimistisches Verhalten lässt sich auch auf dem Kapitalmarkt beobachten. So waren zum Beispiel die Hütteldorfer Fußballfans 1991 ganz wild auf die Rapid-Aktie. Aufgrund ihres hohen Commitments zum Club („Rapid ist meine Religion“) überschätzten sie die zukünftige Entwicklung des Wertpapiers. Die Aktie kam nämlich nie über den Emissionskurs von 1.000 Schilling hinaus und sank in den folgenden Jahren massiv. Als 1994 die Rapid Finanz AG in Ausgleich gehen musste, war die Aktie auf dem Kapitalmarkt wertlos – ein Totalverlust für alle Investoren! Aber nicht nur Rapid-Fans sind mit Aktienkäufen auf die Seife gestiegen. Auch Borussia Dortmund-Anhänger ließen sich zum Kauf von Fußballaktien hinreißen und verbuchten Verluste: War der Ausgabekurs elf Euro pro Aktie, fiel der Kurs bis 2008 auf einen Euro und bewegte sich per September 2020 immer noch nur bei zirka 5,8 Euro.

Auch Start-up-Gründer sind vom Phänomen Überoptimismus betroffen. Vereinfacht gesagt sind für ihr Unternehmen zwei mögliche Szenarien denkbar. Ihr Geschäftsmodell schlägt ein, oder die Idee geht den Bach runter und wird ein Flop. Durch den intensiven Arbeitseinsatz und den tiefen Glauben an das eigene Geschäftsmodell entwickeln Gründer ein sehr hohes Commitment – und überschätzen in der Folge die Wahrscheinlichkeit, später ein mit Erfolg gekröntes Unternehmen zu führen.

Tipps

Bei Einschätzungen und Entscheidungen rate ich, sich vorab aller Eventualitäten bewusst zu werden. Fragen Sie sich: „Welche negativen Szenarien könnten – neben dem von mir prognostizierten positiven Szenario – sonst noch eintreten?“ Bedenken Sie auch: Je mehr Sie für eine Sache brennen, desto anfälliger sind Sie für Überoptimismus. In diesem Fall können Sie Ihre Prognose mit folgender Frage überprüfen: „Sehe ich die Sache vielleicht durch die rosarote Brille?“

Sollten Sie das Gefühl haben, dass Überoptimismus bei Ihren Geldentscheidungen zutage kommt, habe ich folgenden Tipp parat: Reduzieren Sie bei Anlageentscheidungen das Risiko (zum Beispiel durch Diversifizierung oder durch Erhöhung von Liquidität oder Eigen­kapital), auch wenn Sie dafür einen Teil der erwarteten Rendite opfern müssen.

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