Verlustaversion: Wir verkaufen bei Gewinn zu früh, begrenzen Verluste zu spät

Stellen Sie sich vor, jemand schenkt Ihnen 150 Euro. Sie freuen sich. Dann kommt ein anderer und nimmt Ihnen 100 Euro weg. Wie fühlen Sie sich?

“Wenn der Aktienkurs nach dem Kauf gesunken und ein finanzieller Verlust eigetreten ist, neigen Anleger dazu, zu lange mit dem Verkauf zu warten.“ Manfred Frühwirth (Foto: WU - Wirtschaftsuniversität Wien)

Sind Sie froh, dass Sie 50 Euro mehr haben als ursprünglich? Oder ärgern Sie sich, weil man Ihnen etwas weggenommen hat?

Vermutlich wird Letzteres der Fall sein.  Nach dem gewinnbedingten Dopaminrausch im Gehirn kommt die „Depression“ des Verlusts. Diese nur allzu menschliche Reaktion konnte auch Nobelpreisträger Daniel Kahneman in Experimenten belegen. Verluste schmerzen uns deutlich mehr, als Gewinne in derselben Höhe uns erfreuen. Dieses Phänomen nennt die Psychologie „Verlustaversion“.

Die erste Million Gewinn, und dann?

Kahneman zeigte in seinen Experimenten auch die „abnehmende Gewinnsensitivität“ und die „abnehmende Verlustsensitivität“: Uns freut ein Gewinn, doch mit der steigenden Gewinnhöhe flacht der subjektive Nutzen ab. Das heißt: wir freuen uns über die erste gewonnene Million mehr als über die zweite und über die zweite mehr als über die dritte. Verantwortlich dafür ist laut Hirnforschung das sogenannte dorsale Striatum im frontalen Kortex: Es wird als Teil des Belohnungszent­rums bei Gewinnen aktiviert, seine Aktivität flacht aber bei Gewinnzunahme ab. Beim Verlust ist es genauso: Ein Verlust von beispielsweise 100 Euro schmerzt sehr. Je höher aber die Verlustsumme ansteigt, desto flacher wird die negative Nutzenkurve. Ob man 1.400 oder 1.500 Euro verliert, macht einen weitaus geringeren Unterschied, als ob man nichts oder 100 Euro verliert.
So lässt sich erklären, warum Menschen im Gewinnbereich risikoscheu sind, im Verlustbereich aber risikofreudig handeln. Wenn man die Wahl hat, entweder a) 1.000 Euro oder null beim Münzwurf zu bekommen oder b) 500 Euro fix auf die Hand, dann entscheiden sich die meisten Menschen für die sichere Variante b. Geht es hingegen darum,  a) 1.000 Euro oder nichts beim Münzwurf zu verlieren oder b) jedenfalls 500 Euro zu verlieren, tendieren sie zur riskanten Variante a, um wenigstens die Chance zu haben, dem Verlustbereich zu entkommen.

Zum falschen Zeitpunkt verkauft

Dies wiederum wirkt sich auch an den Finanzmärkten aus: So belegen zum Beispiel zahlreiche Studien den sogenannten Dispositionseffekt: Wenn der Aktienkurs nach dem Kauf gesunken und ein finanzieller Verlust eingetreten ist, neigen Anleger dazu, zu lange mit dem Verkauf zu warten. Umgekehrt tendieren sie dazu, nach einem Kursanstieg über den Einstiegskurs die gewinnbringende Aktie zu früh zu verkaufen. Diese Asymmetrie veranschaulichen auch die Grafiken oben.

Dieses Phänomen lässt sich durch Verlustaversion erklären: Vor jeder Entscheidung, etwa zu einem Aktienkauf oder -verkauf, setzen wir einen Referenzpunkt, auf den wir mögliche Gewinne oder Verluste beziehen. Bei Verkaufsentscheidungen nach einem Aktieninvestment kann dies etwa der Einstiegskurs sein. Wenn der aktuelle Kurs über dem Einstiegskurs liegt, sind wir im Gewinnbereich und daher risikoscheu. Deshalb verkaufen wir die Aktie tendenziell zu früh, um unser Risiko zu senken. Wenn wir hingegen im Vergleich zum Einstiegskurs im Verlustbereich sind, werden wir risikofreudig und behalten die Aktie daher tendenziell zu lange – in der Hoffnung, dass sie wieder steigen möge.

Tipps:

Damit Sie beim Handel mit Aktien nicht der Verlustaversion zum Opfer fallen, empfehle ich: Ziehen Sie bei Kauf- oder Verkaufsentscheidungen unbedingt den Fundamentalwert und nicht irgendwelche historischen Kurse  der Aktie als Entscheidungsgrundlage heran. Kaufen Sie die Aktie, wenn der Kurs unter ihrem fundamentalen Wert ist – denn dann ist die Chance groß, dass ihr Kurs steigen wird. Verkaufen Sie, wenn der Kurs über ihrem fundamentalen Wert liegt: denn dann wird er in Zukunft eher fallen.

Gegen den beschriebenen Dispositionseffekt helfen außerdem Gedankenspiele. Fragen Sie sich vor der Verkaufsentscheidung: Wenn ich die Aktie nicht zu meinem tatsächlichen Einstiegskurs, sondern um X oder Y Euro gekauft hätte, würde das etwas an meiner Verkaufsentscheidung ändern? Falls ja, ist die Gefahr groß, dass Sie in die Falle tappen würden!

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