„Wer Aktien länger als ein Jahr hält, ist kein Spekulant!“

Erich Pitak, als Börsenexperte und Buchautor GEWINN-Lesern bestens bekannt, erwartet, dass in den nächsten Jahren viel Geld von unattraktiven Anleihen in Aktien fließen wird.

(Foto: jimmidee-production/A. Zechmeister)

GEWINN: Sie haben im GEWINN-Interview vor einem Jahr die Möglichkeit von „wilden 20er-Jahren“ an den Aktienmärkten in den Raum gestellt. Das erste der 2020er-Jahre brachte auch einiges an Turbulenzen. War das damit gemeint?

Pitak: Nein, durch Corona wurde ab März alles über den Haufen geworfen. Im Februar konnten wir noch bei US-Aktien vom „Alltime-High“ singen, wie Rita Coolidge im alten James-Bond-Film – genau dies hatte ich vor zwei Jahren vorausgesagt. Aber die 2020er haben ja erst begonnen, wenn auch mit Corona-Fehlstart. Die 2020er-Jahre können an den Börsen noch wild werden, wenn es eine wirksame Impfung gibt und die von den Notenbanken bereitgestellte Liquidität wirkt.

GEWINN: Derzeit werden Unternehmen, die an der Entwicklung von Impfstoffen mitwirken, gefeiert. Ist die Partylaune begründet oder sind Enttäuschungen zu erwarten?

Pitak: Gambler können hier mitspielen. In der Hoffnung, jene Unternehmen zu erwischen, deren Impfstoff sich letztlich durchsetzt und dann zur Cash-Cow werden. Bei Einzelaktien besteht aber immer wieder Rückschlaggefahr. Das Mega-Thema Gesundheit sollte man daher am besten über gut diversifizierte Fonds spielen.

GEWINN: Welche Entwicklungen könnten im Jahr 2021 die Börsen wesentlich beeinflussen?

Pitak: Wie viele Lockdowns kommen noch, bevor Corona im Griff ist? Werden die Staaten und Zentralbanken genug Liquidität bereitstellen? Lässt sich der neue US-Präsident Biden von China oder Russland „über den Tisch ziehen“? Wird Deutschland nach der Bundestagswahl eine anlegerfreundliche Regierung haben oder wird sich die Politik mit Genderquoten, Verboten und Regularien immer mehr in die Unternehmen einmischen?

GEWINN:  Im Rennen zwischen dem Value- und Growth-Anlagestil geriet Value in den letzten Jahren immer weiter in den Rückstand. Was braucht es, damit günstig bewertete Aktien wieder zu den Wachstumswerten aufschließen können?

Pitak: 2020 konnten Growth-Aktien von Lockdowns sowie Videokonferenzen profitieren und besonders zulegen – wegen starker Nachfrage und niedriger Zinsen. Denn damit steigt der Barwert von weit in der Zukunft erhofften Erträgen. Die Lockdowns sind hoffentlich ab Mitte 2021 vorbei, die Zinsen werden recht niedrig bleiben. Da Value jetzt sehr billig gegenüber Growth ist, kann es hier Annäherungen geben. Letztlich haben aber Aktien ohne „Growth“ bei den Erträgen langfris­tig auch nicht viel „Value“. Viele Fondsmanager suchen nach GARP – „Growth at a reasonable price“, also Aktien mit Wachstumspotenzial, die noch nicht überbewertet sind. Das schaffen aber nur sehr wenige Manager auf Dauer.

GEWINN: Der heimische Aktienmarkt  konnte sich nicht so vom Corona-Crash erholen wie andere Märkte. Wir haben in der November-GEWINN-Titelgeschichte darauf hingewiesen, dass die Wiener Börse überproportional profitieren könnte, sobald sich ein Ende der Corona-Krise abzeichnet. Seither haben die Kurse schon kräftig zugelegt. Kann diese Erholung noch weiter gehen?

Pitak: An der Wiener Börse könnte eine dreifache „Hofer-Rally“ kommen: Erstens gibt es Aktien noch zum „Hofer-Preis“, wie es in der Werbung heißt. Zweitens gilt an der Wiener Börse, wenn sie einmal ins Laufen kommt: „Sie werden sich noch wundern, was alles gehen wird“ – wie der Politiker Norbert Hofer im Präsidentschaftswahlkampf 2016 sagte, wenn auch in anderem Zusammenhang. Nach Kursanstiegen an den größeren Börsen werden österreichische Aktien als preiswerte Nachzügler entdeckt werden, etwa sehr billige Immobilien- oder Finanzwerte. Dann kann es zu einem raschen Anstieg kommen, vielleicht schon 2021. Drittens: Wie einst And­reas Hofer rufe ich unseren Politikern zu: „Mander, s’ isch Zeit!“ Setzt endlich euer Regierungsprogramm um: Spekulationsfrist einführen, Kursgewinne steuerfrei nach einem Jahr, so wie früher! Wer Aktien länger als ein Jahr hält, ist kein Spekulant, sondern ein wichtiger Eigenkapitalgeber, den unsere kreditlastige Wirtschaft dringend benötigt. Und nur so wird sich die Altersvorsorge langfristig sichern lassen.

GEWINN:  Gibt es bei Anleihen noch irgendwo Rendite bei angemessenem Risiko zu holen? Welche anderen Anlageklassen gibt es für den weniger riskanten Teil in einem diversifizierten Portfolio?

Pitak: Hände weg von mitteleuropäischen Staatsanleihen! Diese finden Sie ohnedies in Depots von Versicherungen und Pensionskassen. Mit Einlagen zu 0,01 Prozent p.a. auf der Bank, natürlich nur innerhalb der Einlagensicherungsgrenze von 100.000 Euro, werden Sie besser fahren als mit den meisten Staatsanleihen. Wenn schon Anleihen, dann eher Unternehmensanleihen, auch Anleihen der Schwellenländer – aber nur über Fonds, die das Ausfallsrisiko streuen können. Der Anleihenteil in diversifizierten Portfolios dürfte teilweise durch Beimischung von Gold, Rohstoffen, Krypto-Währungen – nur für sehr Wagemutige!–  etc. ersetzt werden. Alle diese werden eine sinnvollere Ergänzung zu Aktien sein als wie bisher zu viele Anleihen.

GEWINN:  Der Goldkurs ist stark gestiegen – sollte man jetzt im Sinne eines „Rebalancing“ den gestiegenen Anteil von Gold durch Verkäufe wieder auf den ursprünglichen Wert reduzieren?

Pitak: Nur wenn der Goldanteil in Ihrer Gesamtveranlagung schon zu weit über der strategischen Gewichtung ist, ca. zehn bis 15 Prozent für langfristige Anleger. Gold sollten Sie weniger wegen der Hoffnung auf Wertsteigerung halten, sondern als langfristige Versicherung gegen die Unberechenbarkeit der Finanzmärkte, der Politik etc. 

GEWINN:  Ihr neues Buch trägt den Titel „DAX 19.000“. Was steckt dahinter?

Pitak: Die Überzeugung, dass aus unattraktiven Anleihen immer mehr Geld in die Aktienmärkte fließen wird. Die relative Bewertung wird sich durchsetzen, wie ich in leicht verständlichen Rechenbeispielen zeige. Die Risikoprämie von Aktien in Relation zu Anleihen ist an den meisten Märkten zu hoch. Bildet sich diese zurück, sollte der DAX vor 2024, spätestens 2025 die Marke von 19.000 klar überschreiten. Gilt natürlich nur, wenn das Corona-Virus spätestens Ende 2021 im Griff ist und außerdem die deutsche Politik nicht die künftige Hausse noch „versemmelt“. In den wilden 20er-Jahren kann es mit viel Glück sogar zu einer leichten Version des Crack-up-Booms kommen, frei nach dem Österreicher Ludwig von Mises. Zwar keine Hyperinflation, aber doch etwas höhere Inflation bei weiterhin niedrigen Zinsen führt zur laufenden Geldentwertung. Anleger könnten sich in einen richtigen Kaufrausch an den Aktienmärkten stürzen – auf der Suche nach etwas Rendite wird sich die Risikobereitschaft erhöhen (müssen). Im Buch errechne ich sogar ein DAX-Potenzial von deutlich über 30.000 – das ist keine konkrete Prognose, aber eine Darstellung, was an den Börsen alles geht.

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