Zu viel Optimismus an der Börse

Die Aktienmärkte versprühen angesichts der flotten Aufholjagd nach dem Corona-Crash sehr viel Optimismus. Möglicherweise zu viel, denn sie ignorieren zahlreiche reale Risken. Anleger sollten daher erst bei Rücksetzern weiter zukaufen.

(Foto: VPanteon - GettyImages.com, Bildbearbeitung: GEWINN)

Das erste Börsenhalbjahr 2020 war von einer noch selten gesehenen Hochschaubahnfahrt geprägt. Euphorie und Panik regierten auf dem Parkett, Leid und Freud lösten sich ab. Covid-19 erfasste die gesamte Welt und damit auch die gesamte Finanzwelt.

Doch vergleicht man die aktuellen Börsenindizes mit ihren Werten vom Jahreswechsel, so trügt der Schein gehörig: ein Minus von zehn Prozent im Weltbörsenindex MSCI World sieht nicht wirklich schlimm aus, man ist damit lediglich 15 Prozent von den historischen Höchstständen entfernt und der technologielastige Nasdaq-100- Index erfreut sich gar neuer Rekordwerte, geschuldet dem Höhenflug der US-Technologiewerte. Gleich wie in der Finanzkrise 2008/2009 gab es für Moskau und die heimische Wiener Börse mit Halbierungen der Kursniveaus in kürzester Zeit die extremsten Verluste, mit einem nachfolgenden Plus von 61 Prozent für Russland und 56 Prozent für Wien fiel auch die Erholung am stärksten aus.

Diese irrationale Gegenbewegung der Aktienkurse überraschte auch eingefleischte Börsenprofis. Denn „normalerweise“ zeigt die Börse in so einer Ext - remsituation eine Gegenbewegung von einem Drittel bis zur Hälfte des vorangegangenen Einbruchs. Okay, die Börsen blicken in die Zukunft und schon manchmal über ein Zwischentief hinweg. Diesesmal grenzt es aber nahezu an Ignoranz, die Entkoppelung war noch nie so eklatant. Kehren die Börsen wieder auf den Boden der Realität zurück oder „nährt weiterhin die Hausse die Hausse“?

Börsenluft ist wieder dünner

Die klassische Frage: Wie geht’s jetzt weiter? Generell ist die Börsenluft nach den kräftigen Anstiegen in den letzten Monaten wieder dünner geworden, die Kurse sind auf sehr luftigen Niveaus. Schnell kann sich da wieder die Eupho - rie drehen. Die billionenschweren Konjunkturpakete und die Liquiditätsprogramme der Notenbanken bleiben als Hauptargumente für stabile Kurse ebenso wie die weiterhin niedrigen Zinsen und der Mangel an interessanten Anlagealternativen auf der positiven Seite.

Verängstigt sind die Investoren hingegen von einer weltweiten und tiefen Rezession, den immensen Schuldenbergen, den massiv rückläufigen Unternehmensgewinnen, weltpolitischen Instabilitäten und sozialen Unruheherden sowie der Unberechenbarkeit der Handlungen des US-Präsidenten.

Die Risikobereitschaft der Inves - toren wechselt auch sehr rasch, dies bringt zusätzlich Unruhe ins Börsengeschehen. Jedenfalls sollte man auf unerfreuliche Überraschungen gefasst sein, andererseits werden zwischenzeitige Kurseinbrüche auch im zweiten Halbjahr 2020 den mutigen Investoren entsprechende Chancen auf Gewinne liefern.

Megahilfspakete beflügeln

Die weltweite Pandemie und der Lockdown haben die tiefste Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg eingeleitet. Die Prognosen der Ökonomen werden fast ständig nach unten revidiert, das Dilemma bleibt leider nicht nur auf das zweite Quartal beschränkt. Für das gesamte Jahr 2020 wird mit einem Einbruch der Weltwirtschaft in der Bandbreite von 5,2 bis 8,0 Prozent gerechnet – einzelne Staaten müssen gar mit einem zweistelligen Minus rechnen.

Auch die für 2021 erhoffte Erholung fällt immer dünner aus: mit einem Plus von ein bis vier Prozent werden wir dann noch unter dem Niveau von 2019 liegen. Dabei sind die „Opfer“ nicht nur im Tourismus, dem Luftverkehr, der Hotellerie und Gastronomie oder der Autoproduktion zu sehen, sondern in den meisten Branchen anzutreffen. Beängs tigend rekordhohe Arbeitslosenzahlen lösen geringere Konsumausgaben aus, der private Haushalt ist aber für 50 bis 65 Prozent (USA) der gesamten Wirtschaftsleistung verantwortlich. Eine zögerliche Investitionsbereitschaft der meisten Unternehmer aufgrund der Unsicherheiten bremst die entsprechende Nachfrage.

Nun versucht weltweit die öffentliche Hand mit enormen Hilfspaketen die Wirtschaft wieder zu stimulieren. Die internationalen Notenbanken stellen enorme liquide Mittel zur Verfügung, sei es über den Ankauf von Wertpapieren oder eben direkt. Dies führt dazu, dass die Zinsen jedenfalls noch eine Weile nahe dem „Gefrierpunkt“ verharren werden.

Die Hoffnungen, dass – wie nach der Finanzkrise 2008/2009 – eine rasche Erholung in den Folgejahren in einer „V“-Form erfolgt, wird allmählich begraben, schon das „U“, also erst eine Entspannung nach einer längeren Talsohle, wird bereits angezweifelt. Aktuell diskutieren viele Ökonomen eine Erholung in „Swoosh“-Form, so die Bezeichnung für das Logo der Nike-Schuhe, also eine nur sehr langsame Erholung nach einem abrupten Absturz.

Deglobalisierung und Protektionismus

Abgesehen vom unsicheren Thema, ob es zu einer zweiten Welle und einem neuerlichen Lockdown kommt, sind schon die Konsequenzen für die Weltwirtschaft aus heutiger Sicht schwer abschätzbar. Generell dürfte es zu einer „Deglobalisierung“ kommen, das heißt, ein wesentlicher Punkt der jahrzehntelangen Prosperität – nämlich der weltweite Güteraustausch und die Verlagerungen der Produktionsstätten und Lieferketten – wird zurückgefahren.

Nicht nur „America First“, sondern die meisten Staaten wollen wieder die heimische Wirtschaft stärken und au - tark und damit in vielen Segmenten unabhängig werden. Ein Einbruch in exportsensitiven Bereichen wird die Folge sein, Protektionismus wird um sich greifen, volkswirtschaftlich ist das erwartete positive Ergebnis zu hinterfragen.

Börsen ignorieren Gewitterwolken

Aber die Börsen ignorieren ohnehin die drohenden Gewitterwolken, selten gab es noch eine derartige Ignoranz der wirtschaftlichen Fakten. „Auf Regen folgt Sonnenschein“ gilt zwar klassisch auch an den Börsen, die Euphorie entbehrt aber jeder Grundlage.

Normalerweise antizipieren die Börsen das erwartete Geschehen um etwa sechs bis neun Monate, offensichtlich steht hier der Glaube an eine „V“-Erholung ohne neuerliche Covid-19-Themen im Vordergrund. Börsenpsychologisch kann man noch argumentieren, dass viele Investoren auf den Börsenzug aufsprangen und so eine Kursbeschleunigung auslösten. „Die Hausse nährt die Hausse“ war die Begründung, irgendwann wird das aber zum gefährlichen Schneeballprinzip, wenn die Kurse ihrer Realität zu weit enteilen.

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