Anleihenbesitzer, Achtung! Zinswende!

Nach 35 Jahren sinkender Zinsen scheint sich eine Trendwende abzuzeichnen. Was Sparer freut, könnte für Anleihenbesitzer zu Verlusten führen. GEWINN beschreibt, welche Anleihen von einem möglichen Zinsanstieg betroffen sind und wie man sich dagegen schützen kann.

Grafik: Gewinn

Die Goldene Ära für Anleihen scheint vorerst einmal vorüber zu sein. Nach 35 Jahren sinkender Zinsen und damit steigenden Anleihenkursen ist ein Niveau erreicht, „von dem aus die Zinsen mit größter Wahrscheinlichkeit nicht weiter fallen werden“, schätzt etwa Martin Lück vom Fondsanbieter BlackRock im Gespräch mit GEWINN. Das habe damit zu tun, dass wir in einer Phase der Normalisierung des Wachstums sind: „Wir sehen in weiten Teilen der Welt eine Beschleunigung des Wachstums und ein Zurückkommen von Inflation, wenn auch in regional sehr unterschiedlichem Ausmaß.“ Was Sparer naturgemäß freut, könnte vor allem für besonders risikoscheue Euro-Anleiheninvestoren mit Verlusten verbunden sein, denn laufende Anleihen verlieren in der Regel an Wert, wenn neue Anleihen mit höheren Kupons auf den Markt gebracht werden.

Keine Panik!

Doch kein Grund zur Panik. Denn ers­tens ist es auch unter Experten höchst umstritten, wann und wie stark die Zinsen in der Euro-Zone wieder steigen könnten. „Wir gehen zwar in den USA von weiteren Zinssteigerungen aus, aber niemand erwartet einen starken Anstieg. Und die EZB wird bei ihrer bisherigen Politik des billigen Geldes bleiben, bis die Lohninflation steigt, was wir aber vorerst nicht erwarten“,  meint etwa Charles McKenzie, Chef für festverzinsliche Wertpapiere bei Fidelity International. Martin Lück glaubt zwar nicht an kurzfristige Zinsanhebungen der Europäischen Zentralbank, „aber die Wahrscheinlichkeit, dass wir in fünf Jahren höhere Zinsen haben, ist relativ groß.“

Somit besteht unmittelbar kein großes Risiko, aber „wir gehen strategisch davon aus, dass man in den nächsten zwei, drei Jahren mit Euro-Staatsanleihen nicht viel Geld verdienen wird, weil das Risiko besteht, dass die laufenden Renditen durch Kursverluste aufgrund steigender Zinsen wettgemacht werden“, bringt es Hans Köck, Investmentstratege beim heimischen Fondsanbieter Pioneer Investments Austria, auf den Punkt. Dabei seien laut Köck vor allem vermeintlich sichere Staatsanleihen der Euro-Kernländer gefährdet: „Wir liegen bei Euro-Staatsanleihen derzeit bei durchschnittlichen Renditen von 0,63 Prozent pro Jahr. Da reichen schon minimale Zinsanstiege aus, um das in den negativen Bereich runterzudrücken.“

Gegenmaßnahmen einleiten

„Je länger die Laufzeit bestehender Anleihen ist, desto stärker wirken sich Änderungen beim Zinsniveau überproportional auf den Kurs aus“, gibt dabei Miro Mitev vom Index­anbieter iQ-FOXX zu bedenken.
Experten messen dieses Zinsänderungsrisiko mit der „Dura­tion“: „Der Markt für Euro-Staatsanleihen hat  beispielsweise  eine Duration von 7,5. Das heißt, wenn das Zinsniveau um einen Prozentpunkt steigen würde, würde man 7,5 Prozent Kursverlust machen“,  erklärt Köck, „gerade deutsche oder österreichische Bundesanleihen würden aufgrund der niedrigsten Renditen und der längsten durchschnittlichen Laufzeit am stärks­ten von steigenden Zinsen getroffen werden.“ Die durchschnittliche Duration kann man bei Anleihenfonds abfragen und so das Zinsänderungsrisiko einschätzen.

Und unabhängig davon, wann es EZB-Chef Mario Draghi seiner US-Kollegin Janet Yellen gleich tut und die Politik des billigen Geldes beendet, können Anleger, die einen hohen Anteil von Euro-Staatsanleihen im Depot haben, bereits jetzt Vorsorge treffen.

Risiko streuen

„Man könnte Staatsanleihen bis zur Endfälligkeit halten und Kursverluste damit umgehen. Aber die niedrigen Kupons decken die Inflation nicht ab und man verliert damit real Geld“, nennt Mitev eine weniger attraktive Möglichkeit, dem Zinsrisiko zu begegnen. Er rät daher, sich etwas riskantere Anlageklassen ins Depot zu holen, um so das Gesamtrisiko zu senken.

Auch Wolfgang Habermayer, Gründer und Geschäftsführer des Wiener Vermögensverwalters Merito, rät zur breiteren Streuung des Vermögens zulasten der Euro-Staatsanleihen: „Wir haben in der strategischen Allokation für das Jahr 2017 den Anteil europäischer Staatsanleihen wirklich niedrig gehalten, mit maximal zehn Prozent. Dazu kommen noch 25 Prozent Staatsanleihen von  Industrieländern außerhalb der Euro-Zone wie USA, Schweiz, etc.“ Ganz rausnehmen sollte man Staatsanleihen aber nicht, weil sich Staatsanleihen guter Bonität im Falle eines Crashs auf dem Aktienmarkt als Schutz erwiesen. Dazu mischt er Unternehmensanleihen guter Bonität mit zehn Prozent, Hochzinsanleihen von Unternehmen mit schlechteren Ratings  zu vier Prozent und Staats- als auch Unternehmensanleihen aus Schwellenländern in Hart- und Lokalwährungen auch zu je vier Prozent bei. Des Weiteren investiert er je nach Risikotragfähigkeit des Kunden zu 20 bis 40 Prozent in Aktien und den Rest in „Cash“, also Geldmarktpapiere oder Termingelder.

Für Martin Lück ist „selbst in einem relativ risikoscheuen Portfolio die Beimischung von Schwellenländeraktien und -anleihen in der Zwischenzeit essenziell geworden. Die Risken dieser Papiere sind nicht mehr die gleichen wie vor 20 Jahren. Aber natürlich sind auch die heutigen Renditen im Vergleich zu den Renditen, die man vor 20 Jahren als Pionier erzielen konnte, gesunken“.

Duration verkürzen

Ein weiterer Ansatz, um sein Anleihenportfolio gegen steigende Zinsen abzusichern, wäre es, auf Anleihen mit kürzerer Duration zu wechseln – eine derzeit unter Experten sehr populäre, aber nicht unumstrittene Maßnahme.

„Die Duration zu verkürzen ist nicht ­immer das Richtige. Denn das hat zwei wichtige Konsequenzen: Durch deutlich kürzere Duration verzichtet man auf Ertrag. Und zweitens wird man dadurch deutlich stärker korreliert zu den Aktienmärkten, wodurch der Effekt der Risikostreuung reduziert wird“, gibt McKenzie zu bedenken und rät stattdessen auch zu breiter globaler Streuung des Anleihenportfolios.

Investieren mit Fonds und ETFs

In einem Punkt sind sich die Experten einig: „Man muss sich  sehr gut mit den Unternehmen und Ländern auskennen, um über Einzeltitelauswahl erfolgreich zu investieren. Außerdem ist man als Privatanleger bei den Losgrößen begrenzt, außer man hat ein sehr großes Vermögen“, meint Lück und rät wie alle anderen befragten Experten auch zur Investition mittels Fonds und ETFs.

Auf dem heimischen Markt haben laut Köck bereits viele Anleger auf die Bedrohung reagiert: „Wir haben massive Mittelzuflüsse bei Mischfonds. Viele Anleger sind schon aus Anleihen ausgestiegen und haben sich breiter aufgestellt. Das ist im Prinzip die einzige Antwort, wenn man mit steigenden Zinsen rechnet.“ Für alle, die sich bei der Verwaltung des Portfolios auf andere verlassen wollen, wären demnach Mischfonds eine einfache Lösung. ­GEWINN hat eine kleine Auswahl an aktiv verwalteten Fonds identifiziert, die auf Sicht der letzten fünf Jahre mit gutem Risiko-Ertrags-Verhältnis punkten konnten. Während es bei Mischfonds noch kaum börsennotierte Indexfonds (ETFs) gibt, stellen diese kostengünstigen Lösungen für jene Anleger, die selbst den Aktien- und Anleihenteil im Depot mischen wollen, eine günstige Alternative dar: „Bei den großen Aktien- und Anleihenmärkten  sollte man über ETFs investieren, weil sie billig und voll transparent sind. In den weniger liquiden Nischenmärkten hingegen sollte man aktiv verwaltete Investmentfonds verwenden“, rät etwa Habermayer.

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