Auf Nummer sicher gehen

Sie wollen zwar im wohlverdienten Urlaub etwas Abstand von Geld und Börse, aber dabei nicht von bösen Überraschungen an den Aktienmärkten eiskalt erwischt werden? GEWINN präsentiert geeignete Strategien und Werkzeuge für die Absicherung ­Ihres Wertpapierdepots.

Foto: Mike Watson Images – Thinkstock.com

Was tun mit dem Wertpapierdepot im Urlaub? Viele Anleger quält diese Frage vor Antritt des wohlverdienten Sommerurlaubs. Prinzipiell könnte man alles verkaufen, gemäß dem Motto „Sell in may and go away“. Doch diese alte Börsenweisheit trifft nicht jeden Sommer zu und nimmt einem die Möglichkeit, von einer möglichen Fortsetzung der tollen Börsenwetterlage zu profitieren. Andererseits schlagen in Urlaubszeiten aufgrund der geringeren Handelsvolumina mögliche Rückschläge an den Märkten häufig doppelt so hart zu, wodurch das Risiko von Kursverlusten im Urlaub steigt. Eine mögliche Lösung ist es daher, die bestehenden Investitionen abzusichern, bevor man sich an den Strand oder auf den Berg begibt.

Absichern, aber wie?

Um vorhandene Wertpapiere vor dem „Absaufen“ zu bewahren, kann man entweder für einen automatisierten Verkauf der Wertpapiere sorgen, der bei Kursstürzen auch dann die Reißleine zieht, wenn man die Märkte gerade nicht im Blickfeld hat. Oder man kauft sich Derivate, die als gut ausbalanciertes Gegengewicht an Wert gewinnen, falls die Kurse der vorhandenen Investitionen sinken und vice versa.
Die einfachere Übung sind hier definitiv automatische Verkaufsorder, die man vor dem Urlaub beim Online-Broker deponiert:

Stops: Wird eine gewisse Schwelle bei Bewegung in die unerwünschte Richtung erreicht, erfolgt sofort der Verkauf der Aktien per unlimitierter Order: Unlimitiert bedeutet in dem Zusammenhang, dass der Verkauf zum nächstmöglichen Kurs an der Börse erfolgt. Der Nachteil: Ein möglicher Kurssprung, der sich meist aus dem Schlusskurs vom Vortag und dem Eröffnungskurs am darauffolgenden Handelstag ergibt oder nach Veröffentlichung wichtiger Nachrichten eintritt, könnte dennoch zu Kursverlusten führen. Dagegen schützen sogenannte „garantierte Stops“ mit vorab garantierten Verkaufskursen, die jedoch nur von wenigen Online-Brokern angeboten werden.

Trailing Stops: Diese sind „intelligente Stops“, die nicht stur bei einem fixen Kursniveau ausgelöst werden, sondern sich in einem definierten Abstand zum Kurs mitbewegen. Damit profitiert man in einem klaren Aufwärtstrend von steigenden Notierungen, ist aber dennoch vor einem Einbruch abgesichert. Achtung! „Trailing Stops“ sollte man nicht zu knapp setzen, weil es sonst bei starken Kursschwankungen zu einem überhasteten Verkauf kommen kann.

Folge-Order: Gleichzeitig mit der Kauforder erteilt man eine Stop-Loss-Verkaufsorder. Die Verkaufsorder wird nach erfolgtem Kauf automatisch generiert und an die Börse weitergeleitet. Ein Beispiel verdeutlicht die Funktion: Man erteilt eine Kauforder über 20 adidas-Aktien bei 170 Euro und gleichzeitig zur Absicherung eine Stop-Loss-Verkaufsorder relativ bei 92 Prozent des Ausführungskurses. Die Kaufausführung erfolgt bei 170 Euro und sofort wird automatisch die Stop-Loss-Verkaufsorder zu 156,4 Euro (92 Prozent des Ausführungskurses) an die Börse weitergeleitet.

OCO-Order (One-Cancels-Other): Wer ein kurzfristiges Kursziel hat, gleichzeitig aber auch nach unten abgesichert sein möchte, greift auf diese Funktion zurück: Hier wird ein Verkaufslimit über dem aktuellen Börsenkurs festgelegt und gleichzeitig ein Stop-Loss, um die Position nach unten hin abzusichern. Bei Erreichung eines der beiden Limits wird die Order ausgeführt und das andere Limit automatisch gelöscht.

Absichern mit Derivaten

Die etwas komplexere Lösung wäre es, auf Derivate zu setzen, die einen möglichen Kursverlust bei Aktien etc. durch einen entsprechenden Kursanstieg ausgleichen. Egal ob Hebelzertifikat, Optionsschein, Future oder CFD – ihre Gemeinsamkeit liegt im Hebel auf dem Kapitaleinsatz, der sich für den Fall der optimalen Absicherung wie folgt errechnet: abzusicherndes Volumen durch Hebel.

Ein Beispiel: Ein Europa-Aktiendepot im Wert von 60.000 Euro soll mittels Euro- Stoxx-50-Hebelzertifikat abgesichert werden. Der Hebel liegt bei zwölf. Dann müsste ein Betrag von 5.000 Euro in das Short-Hebelzertifikat investiert werden. Wenn man einen höheren Hebel wählt, kann der Kapitaleinsatz für die Absicherung reduziert werden. Aber Achtung! Sollten die Märkte weiter steigen, kann das bei Short-Hebelzertifikaten zu Kursverlusten und bei höherem Hebel rasch zu einem Totalausfall führen. Unterm Strich ist man mit einer derartigen Konstruktion zwar vor Verlusten ursprünglicher Investitionen geschützt, kann aber auch nicht von einem Anstieg profitieren, weil dieser von den
Absicherungsinstrumenten „aufgefressen“ wird.

Die Auswahl an Absicherungsalternativen ist dabei groß und vor allem auf der WebSeite www.onvista.de unter „Derivate“ können Hebelzertifikate und Optionsscheine gezielt gefiltert werden.

Womit absichern?

Wichtig bei der geschilderten Absicherung ist, dass sich die Basis des Absicherungsinst­ruments möglichst im Gleichlauf mit dem abgesicherten Portfolioteil bewegt. Am einfachsten ist dabei eine Eins-zu-eins-Absicherung bei Aktien-Index-ETFs mit einer gegengerichteten Position auf Basis des betreffenden Index.
Handelt es sich aber um aktiv verwaltete Aktienfonds bzw. ein internationales Einzelaktien-Portfolio, dann kann man beispielsweise in zwei globalen Leitindizes, etwa S&P 500 und EuroStoxx 50, die Absicherungspositionen aufbauen. Denn globale Aktienportfolios und die wichtigsten Leitindizes zeigen starke Gleichläufe, sprich: hohe Korrelationen. Gleiches gilt für die Absicherung europäischer Staatsanleihenportfolios mit einer Short-Position im Bund-Future, einem Terminkontrakt, der die Entwicklung einer idealtypischen deutschen Bundesanleihe abbildet.

Besonders einfach kann die Absicherung bei CFD-Brokern sein. Dazu die Experten von cmc markets: „Wenn Sie ein bestehendes Aktiendepot haben, spiegeln Sie Ihre Positionen eins zu eins auf einem CFD-Konto short und Sie sind neutral im Markt.“ Konkret bedeutet dies: Zu jeder physischen Aktienposition gibt es auf dem CFD-Konto eine Gegenposition (Spekulation auf fallende ­Kurse).

Proxy-Trades zur Absicherung

Etwas komplexer wird die Sache, wenn eine direkte Absicherung mangels passender Inst­rumente nicht möglich oder einfach zu teuer ist. Dann versuchen Profis, sich der Absicherung über eine stellvertretende Position (Proxy-Trade) mit ähnlicher Wirkung möglichst anzunähern. Der Hintergrund: Nimmt etwa die Risikofreude der Marktteilnehmer ab, dann ziehen sie sich aus risikoreicheren Segmenten des Anleihenmarktes wie zum Beispiel Hochzins-Unternehmensanleihen oder Schwellenländeranleihen, aber auch aus Aktien und Hochzinswährungen gleichermaßen zurück. Deshalb kann man sich auf der Aktienindexseite auch indirekt gegen fallende Kurse in riskanteren Anleihensegmenten absichern.

Short-Hebelzertifikate auf den S&P-500-Index wären also derzeit ein überlegenswerter Proxy-Trade zur Absicherung von riskanteren Segmenten des Anleihenmarktes. Das Ziel des Proxy-Hedgings ist es nämlich, bei möglichst geringen Absicherungskosten in ruhigen Marktphasen im Marktstress eine optimale Absicherungswirkung zu generieren, da erst dann die Gleichläufe (Korrelationen) zunehmen.

In der Praxis

Praktiziert wird Proxy-Trading beispielsweise in den Schwellenländer-Staatsanleihen-Fonds von Pictet, deren Vorgangsweise Walter Liebe, Senior Investment Adviser bei Pictet Asset Management, anhand der Absicherung des brasilianischen Real illustriert:

Eine Short-Position auf eine Rohstoffwährung wie den australischen Dollar (AUD) besitze eine ähnliche Wirkung wie bei der Rohstoffwährung brasilianischer Real, „mit dem kleinen, aber feinen Unterschied, dass die Kosten dieser Position in Gestalt der entgangenen Verzinsung im australischen Dollar mit 1,75 Prozent pro Jahr deutlich geringer sind als in Real mit zirka zehn Prozent per annum.“
In der Vergangenheit haben sich laut Liebe bei Turbulenzen Short-Rohstoffwährungen gegen USD (fallende Rohstoffpreise und Rohstoffwährungen im Marktstress), Short Euro gegen USD (USD als sicherer Hafen) und Long US-Treasury-Futures oder Long Bund-Future (würde bei Konjunkturabschwächung funktionieren, aber nicht bei Straffung der EZB-Geldpolitik) bewährt.

Kalkulation eines Proxy-Trades

Bezüglich Dimensionierung der Proxy-Trades gibt es einen pragmatischen Ansatz: Auf www.teletrader.com findet man die Ein-Jahres-Volatilität (Indikator für Schwankungsintensität) der abzusichernden Fonds und jene im Basiswert der Absicherungsposition. Dann setzt man die beiden Größen zueinander in Relation und multipliziert den Faktor mit dem abzusichernden Volumen durch den Hebel im Absicherungsinstrument.
Beispiel: Abzusicherndes Fondsvolumen: 30.000 Euro, Volatilität der Fonds (Durchschnitt): 7,5 Prozent, Volatilität im S&P 500: 9,8 Prozent. Dann ergibt sich aus 7,5/9,8 der Faktor 0,765. Bei einem Hebel von zehn wären theoretisch 3.000 Euro in der Absicherung optimal, multipliziert mit dem Faktor ergibt sich aber nur ein Betrag von knapp 2.300 Euro, der in die Absicherung investiert werden sollte.

Aktiv im Urlaub

Für alle jene, die auch im Urlaub ihr Wertpapierdepot ständig im Auge behalten wollen, ist selbstverständlich eine reibungslose Internet-Verbindung Grundvoraussetzung, weil Unterbrechungen beim Handeln Geld kosten können.

Experten raten dabei von einer Nutzung öffentlicher PCs in Hotels oder gar Internet-Cafés aufgrund der oft mangelhaften Sicherheit ab. Stattdessen empfehlen sie, am eigenen Handy oder Tablet zu handeln.
Um bei Erreichen gesetzter Schwellenwerte schnell reagieren zu können, sind Kurs­alarmfunktionen mit automatischer SMS vorteilhaft.

Doch auf welche Verkaufssignale sollte man achten? Bei mittel- und langfristigen Positionen in Aktien-Index-Fonds, Rohstoff-ETFs, Gold und US-Staatsanleihen haben sich in den vergangenen Jahrzehnten gleitende Durchschnitte zwischen 230 und 250 Tagen bestens bewährt, während man bei Bluechips-Aktien mit 170- bis 210-Tages-Durchschnitten agieren sollte.

Dies geschieht am besten mithilfe eines groß skalierten mehrjährigen Kurscharts, wie man in etwa auf www.gewinn.com unter „Börse“ findet: Zuerst das gewünschte Wertpapier suchen und dann auf „HTML5 Chart“ klicken. Dort unter „Indikator hinzufügen“ dann „Simple Moving Average“ auswählen und bei „Periode“ auf 210 Tage einstellen. Am Beispiel der Apple-Aktie zeigt sich dann, dass sich der 210-Tages-Durchschnitt von Apple derzeit bei rund 121 Dollar befindet. Der Verkaufsalarm sollte daher bei dieser Linie platziert werden.

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