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Der beste Fonds aller Zeiten?

Der US-Hedge-Fonds Medallion soll seit 1988 im Schnitt über 62 Prozent pro Jahr gebracht haben – begründete Zweifel sind angebracht.

(Foto: morganl - GettyImages.com)

Wohl kein anderer Investor wird von Medien und der Finanzbranche intensiver angebetet als der 83-jährige US-Amerikaner James (Jim) Simons. Simons ist Mathematiker und Manager des in Fachkreisen legendären Hedge-Fonds Medallion. Diese kulthafte Verehrung lässt sich beispielhaft an folgenden Zitaten ablesen: „Der Medallion-Fonds ist die größte Gelddruckmaschine aller Zei ten.“ Oder: „Der beste Fonds aller Zeiten.“

Die von der Fondsgesellschaft veröffentlichten langfristigen Ergebnisse des Medaillon-Fonds lassen einen tatsächlich erstaunen: So soll der Fonds, der auf einer quantitativen Strategie beruht, in den vergangenen 33 Jahren 62,6 Prozent im Durchschnitt erwirtschaftet haben. Und das auch noch bei weit geringerem Rückschlagsrisiko als bei den Vergleichsinvestments (siehe Tabelle unten).

Wir haben dennoch große Zweifel, ob dieses Lob gerechtfertigt ist, und versuchen, die Gründe für diese Zweifel nachfolgend anhand einiger Argumente zu belegen:

Mangelnde Transparenz von Hedge-Fonds

Hedge-Fonds-Unternehmen unterliegen keiner Publikations- und Transparenzpflicht wie normale Investmentfondsgesellschaften. Das gilt auch für Simons Unternehmen Renaissance Technologies. Daher können Außenstehende nicht oder nur unzuverlässig wissen, wie viele laufende und in der Vergangenheit mangels ausreichend guter Rendite bereits liquidierte Fonds aktuell und his torisch seit der Gründung des Unternehmens 1982 gemanagt wurden bzw. heute noch werden. Dies vorausgeschickt lässt sich aus Medienberichten – Stand 2020 – die Existenz von 18 Renaissance-Fonds ableiten.

Nur von einem einzigen, dem in der Tabelle aufgeführten Medallion Fonds, sind die Renditen über einen längeren Zeitraum hinweg öffentlich bekannt. Allerdings macht dieser Fonds lediglich sechs Prozent der aktuell von Renaissance gemanagten Anlegergelder aus. Indirekt kann man aus den Medien entnehmen, dass keiner der 17 anderen Fonds besonders spektakuläre Renditen produziert hat. Über die nicht mehr existenten Renaissance-Fonds wissen wir noch weniger.

Um aber die Investmentleistung von Jim Simons bzw. Renaissance tatsächlich beurteilen zu können, müsste man die Renditen aller seiner laufenden und liquidierten Fonds seit 1982 kennen. Die Rendite eines einzigen Fonds sagt über die echte Leistung von Simons und Renaissance praktisch nichts aus, zumal der Medallion-Fonds auch noch ein im Vergleich sehr kleiner Fonds ist.

Kein Fonds, sondern ein Unternehmen

Der Medallion-Fonds wurde bereits 1993, also vor 28 Jahren, für außenstehende Inves toren geschlossen. Seitdem sind nur noch Simons selbst und einige seiner Mitarbeiter in dem Fonds investiert. Mit nur wenig Übertreibung kann man daher sagen, dass es sich bei Medallion nicht um einen „Fonds“ handelt, sondern um ein „Unternehmen“, das aus historischen und/oder marketingmäßigen Gründen das Wort „Fonds“ im Unternehmensnamen trägt.

Nun zur Krux: Vergleicht man die Performance von Medallion mit der Eigenkapitalrendite sehr erfolgreicher kleiner bis mittelgroßer Unternehmen – nicht Fonds –, dann erscheinen die Medallion-Renditezahlen selbst in Einzelfondsperspektive gar nicht mehr so „unglaublich“, sondern einfach nur noch „sehr gut“.

Mangelnde Skalierbarkeit

Der Medallion-Fonds wurde nicht nur schon vor 28 Jahren geschlossen, er ist dazu auch noch ziemlich klein, weil seine Gewinne immer ausgeschüttet wurden. Presseangaben zufolge hat der Fonds noch nie ein Volumen von über zehn Milliarden US-Dollar gehabt. Relativ zu großen börsennotierten Unternehmen oder großen konventionellen Investmentfonds ist das Volumen des Medallion- Fonds somit „überschaubar“. Der größte Indexfonds der Welt ist zirka 42-mal so groß, das Unternehmen Microsoft, gemessen an seiner Marktkapitalisierung, 170-mal (Stand Ende 2020). Warum ist das relevant? Ganz einfach deswegen, weil es unendlich viel einfacher ist, hohe Prozentrenditen auf ein kleines Investment zu erwirtschaften als auf ein
großes.

Man muss in diesem Zusammenhang noch einen Schritt weitergehen und fragen, warum der Medallion Fonds nie mehr als zehn Milliarden an Volumen aufwies. Antwort: Die Investmentstrategie lässt sich nicht skalieren, also auf ein deutlich größeres Fondsvolumen anwenden, ohne ihre Wirksamkeit zu zerstören. Das im Vergleich zum „Zwerg“ Medallion gigantische Unternehmen Amazon hat in den 23 Jahren seit seiner Börsennotierung 1997 eine prozentuale Rendite produziert, die nur minimal unter der von Medallion im gleichen Zeitraum liegt, aber aufgrund der Größe von Amazon viel beeindruckender ist, da weit mehr Geldwert geschaffen wurde.

Fragwürdige Berechnung der Rendite

Weil beim Medallion-Fonds stets alle Gewinne ausgeschüttet wurden, sind die von seinen Bewunderern in der Branche vorgenommenen Endvermögenskalkulationen einfach falsch: Angenommen, ein bescheidenes Einmalinvestment von 1.000 Dollar wurde im Jahr 1988 für 33 Jahre in den Medallion- Fonds investiert. Bei der oben genannten durchschnittlichen Rendite von 62,6 Prozent p. a. ergäbe das heute die märchenhafte Endsumme von 9,8 Milliarden Dollar vor Gebühren oder auf Basis der Nachgebührenrendite von 37,3 Prozent p. a. 35 Millionen Dollar – jeweils vor Steuern. (Der große Unterschied erklärt sich aus dem Zinseszinseffekt.)

Solche Rechnungen unterstellen jedoch, dass alle jährlichen Gewinne stets sofort und vollständig im Fonds reinvestiert wurden. Das war bei Medallion aber ja gerade nicht der Fall – es wurden so gut wie gar keine Gewinne reinvestiert, weil das mit dieser Fondsstrategie im Unterschied zu klassischen Investmentfonds nicht kompatibel war. Finanzmathematisch korrekt wäre es daher, rechnerisch anzunehmen, dass man die ausgeschütteten Gewinne zu normalen, der Öffentlichkeit verfügbaren Renditen reinvestiert. Das würde jedoch die so korrigierte echte Medallion-Rendite dramatisch nach unten drücken.

Fazit

Dieser Beitrag beleuchtet den legendären Hedge-Fonds-Managers Jim Simons näher. Die verfügbaren Daten erscheinen ernüchternd. Das Einzige, was wir in dieser Hinsicht über Jim Simons mit Gewissheit sagen können, ist, dass es sich bei ihm um einen genialen Unternehmer mit einem Vermögen von über 20 Milliarden US-Dollar handelt. Sein Erfolg als Unternehmer sagt allerdings nichts über seine Leistung als Fondsmanager aus.

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