Er läuft, und läuft, und läuft...

Der in die Jahre gekommene Bullenmarkt läuft seit 2009 – im Schnitt konnten sich die Kurse mehr als verdreifachen. Da drängt sich die Frage auf, wann den Aktienmärkten die Luft ausgeht. GEWINN beschreibt, warum prinzipiell nichts gegen eine weitere Extrarunde an den Börsen spricht und welche Stolpersteine man als Langfristanleger dennoch beachten sollte.

 

Der britisch-indische Läufer Fauja Singh absolvierte als erster Mensch auch im biblischen Alter von über 100 Jahren noch Marathonläufe. Auch an den Aktienmärkten sagt das Alter eines Bullenmarktes prinzipiell noch nichts darüber aus, wie lange es noch weiter nach oben gehen kann (Foto: DIVYAKANT SOLANKI/EPA/picturedesk.com, Bildbearbeitung: GEWINN)

Das erste Börsenhalbjahr 2017 zeigte konträr zum Vorjahr ein durchwegs positives Bild. Nahezu alle Börsen brachten ansehnliche Gewinne und in vielen Fällen sogar neue historische Höchststände, während negative Einflussfaktoren elegant weggesteckt wurden. Wer dem Motto „Nerven bewahren!“ im letzten GEWINN-Börsenausblick in der Dezember-Ausgabe 2016 gefolgt ist, konnte seither lukrative Kursgewinne verbuchen: Europa liegt seit Jahresbeginn mit neun Prozent plus knapp vor den USA (8,5 Prozent). Im Match „Österreich gegen Deutschland“ hatten wir endlich wieder einmal mehr als nur die Nase vorne, zeigt doch der ATX, der Leitindex der Wiener Börse, ein sensationelles Plus von 22,6 Prozent gegenüber dem Anstieg des deutschen DAX um 11,6 Prozent. Mit knapp 20 Prozent waren auch Südkorea und Hongkong auf den Spitzenplätzen zu finden, ebenso tendierten die Schwellenbörsen mehrheitlich positiv. War das bereits der Zielsprint im fast neunjährigen Börsen-Marathon oder reicht die Kraft für eine Extrarunde?

Positive Ausgeglichenheit

Ein Mix aus unverändert niedrigen Zinsen (und damit kaum interessante Veranlagungsmöglichkeiten im Geld- und Anleihenmarkt), niedriger Inflation, verbesserten weltwirtschaftlichen Perspektiven, steigender Unternehmensgewinne und vor allem eine gesunde Portion Optimismus unter vielen Inves­toren schaffen ein Umfeld, in dem auch politische Unsicherheiten (Trump, Wahlen in Europa, „Pulverfass“ Nordkorea usw.) ignoriert werden. Ließen sich die Börsianer im letzten Jahr von Unsicherheiten noch stärker beeinflussen, so scheint man nun im Zweifel jedenfalls auf freundliche Märkte zu setzen. „The trend is your friend“, ist ein aktuell oft zitiertes Motto optimistischer Börsianer. Und dennoch zeigt sich trotz der Langfristhausse bisher eigentlich kein richtiger Hype, also der typische euphorische und trendbeschleunigende Aufschwung, an dem alle partizipieren und möglichst schnell reich werden wollen. Sollte sich jetzt dieser Hype doch noch aufbauen, etwa weil die bisherigen „Zaungäste“, die nahezu ertragslos auf dem Sparbuch oder Girokonto hängengeblieben sind, Aktien kaufen, dann sind weitere Indexsprünge von zwanzig und mehr Prozent durchaus möglich. Die übliche Bewertung nach historischen Börsenkennzahlen kann man mittlerweile aber getrost vergessen, da sich schon jetzt die meisten Märkte im „orangen“ Bereich bewegen.

Wer ist der Partyschreck?

Längere Phasen von Über- und auch Unterbewertungen gab es in der Geschichte auch immer wieder, aber man sollte sich dessen auch bewusst sein. Entfernen sich die Kurse zu weit von ihrer fundamentalen Realität, so tritt die dann kaum vorstellbare Trendwende oft unvermutet und auch heftig ein.
Wer aber könnte der „Partyschreck“ sein, was könnte eine abrupte und weltweite Trendwende auslösen? Dazu zählen das sehr wichtige Zinsthema, die Frage nach einer steigenden Inflation, die politische Landschaft, das Auf und Ab der Schwellenbörsen, der Anstieg der Verschuldung in China, die Aktionen von Trump, die Schwankungen bei den Rohstoffpreisen, insbesondere des Ölkurses etc. Sensible Themen wären etwa Cyberattacken, eine Eskalation in Nordkorea oder einer der weiteren 20 geopolitischen Brandherde.

Weltwirtschaft und Zinsen okay

Zwei wichtige Rahmenbedingungen für einen weiterhin positiven Verlauf an den Börsen sind jedenfalls gegeben: Zum einen wurden die Prognosen für das globale Wirtschaftswachstum leicht nach oben revidiert, zum anderen sind die Veränderungen in der Zinslandschaft überschaubar: Das durchschnittliche reale Wachstum für 2017 wird aktuell mit drei Prozent erwartet, wobei der EuroRaum etwas über und die USA unter den Schätzungen liegen. Im Bereich der Schwellenländer können sich sowohl China als auch Indien über ein stabiles Wachstum freuen.
Angenehm, dass auch die Inflation überall unter Kontrolle ist. Auch wenn die US-Notenbehörden weiter auf leicht steigende Zinsen setzen und die EZB, also die Europäische Zentralbank, spätestens 2018 einen Richtungsschwenk einleiten wird, sollten die Zinsen im historischen Vergleich weltweit sehr niedrig und in Europa über kürzere Laufzeiten sogar im Minus bleiben.

Strategie für das zweite Halbjahr

Unsicherheiten und damit Volatilitäten werden die Börsen weiterhin prägen, aber grundsätzlich ist es noch nicht zu spät, um auf den Börsenzug aufzuspringen. Viele Investoren haben die Hausse verpasst und damit noch Nachholbedarf. Wer aber bereits hoch investiert ist, der könnte dennoch ruhig auch einmal Gewinne realisieren und etwas Cash aufbauen.

Nach dem langen Anstieg „gehören nun beide Hände ans Lenkrad.“ Doch keine Aktien zu besitzen ist langfristig betrachtet nach wie vor ein Fehler, genauso nichts tun und abwarten. Wie erwähnt sind die Alternativen bei der Suche nach Erträgen auch überschaubar. Schwache Börsenphasen sollten daher unverändert zur Schnäppchenjagd von jenen genützt werden, die noch keine Aktien besitzen. Diversifikation nicht vergessen: Risikostreuung bleibt oberstes Gebot.

Der richtige Mix macht es aus

Was ist der richtige Mix? Aktuell wird Europa im Vergleich zu den USA aufgrund besserer Rahmenbedingungen positiver eingeschätzt. Die Unternehmensgewinne auf dem „alten Kontinent“ sollten heuer um 20 Prozent wachsen, in den USA hingegen nur um neun. Tatsächlich war in den letzten Wochen ein vermehrtes Kaufinteresse internationaler Investoren bei europäischen Aktien festzustellen. Daher wäre eine Mischung aus Europa und den USA mit stärkerer Gewichtung des alten Kontinents empfehlenswert – ergänzt um eine „kleine Brise“ an Schwellenländerbörsen. US-Aktieninvestments könnte man beispielsweise auch mit den in Österreich „beheimatetem“ Kathrein-US-Equity-Fonds (AT0000779665) gut abdecken. Für ­„Gesamteuropa“ empfiehlt sich der ­Allianz-Wachstum-Euroland-Fonds (DE0009 789842) aufgrund seiner guten Langfristperformance. Im Schwellenländer-Segment favorisieren wir die aufstrebenden Märkte in Asien, die etwa im Templeton-Asia-Growth- Fonds (LU0029875118) gut abgebildet werden.

Klassisch, dass bei Europa-Engagements ein deutscher Aktienfonds nicht fehlen sollte. Wie etwa der DWS-Deutschland-Aktienfonds, der sich durch eine stetig gute Performance ­auszeichnet (DE 0008490962).
Als stabiler Faktor sollte ein „klassischer“ Hedgefonds, wie etwa der in Österreich „beheimatete“ SMN Diversified Futures Fund ( LU0070 804173) mit einem Durchschnittsertrag von 7,3 Prozent seit 1996 nicht nur in unsicheren Börsenzeiten gute Dienste leisten.

Einzeltitel mit Potenzial

An Einzeltiteln sind da die beiden führenden deutschen Technologieaktien Infineon (DE0006231004), Halbleiterhersteller mit großen Umsatz- und Gewinnsteigerungen, und SAP (DE0007164600) als führendes Software-Haus mit wichtiger Präsenz im „Cloud-Geschäft“ sowie Carl Zeiss Meditech (DE0005313704), Optik für medizinische Instrumente mit guter Nischenposition, hervorzuheben.

In der Schweiz stellen der Pharmariese Roche (CH0012032048) aufgrund seiner Position im Onkologiebereich und Logitech (CH00257 51329), Hersteller von Computerperipheriegeräten mit hohem Gewinnwachstum, interessante Aktien mit Langfristpotenzial dar.

In den USA zählt etwa Johnson & Johnson (US4781601046) zu den Dauerbrennern. Der führende Hersteller bei Hygieneprodukten bietet auch diag­nostische Geräte. Das Unternehmen zählt zu den Dividendenkaisern und hat heuer zum 55. Mal in Folge die Dividende erhöht! Das in den USA notierte Unternehmen Priceline (US7415034039) bietet Online-Dienste für Reisebuchungen und Reservierungen und ist auch hierzulande bekannt unter den Marken booking.com und rentalcars.com. Die Firma liefert überdurchschnittliches Umsatz- und Gewinnwachstum.

Ebenfalls im digitalen Geschäft gut vertreten sind Online-Händler Amazon (US0231351067), die bekannte Nummer eins im Online-Versand und daneben auch erfolgreich als Anbieter von Cloud-Serverspeicher, und Alphabet (US02079K3059), vormals Google, als weltweit führende Suchmaschine. Nach dem jüngsten Kurseinbruch sind die Einstiegskurse wieder etwas günstiger.

Wer eher auf klassische Branchen setzt, wird eventuell bei VISA (US92826C8394) fündig. Der global agierende Kreditkartenanbieter verfügt über langfristig gutes Gewinnwachstum. ExxonMobil (US30231G1022) wiederum zählt zu den global führenden Erdöl- und Petrochemieunternehmen und erwartet für 2017 trotz des schwachen Ölpreises deutliche Gewinnsteigerungen.

Etwas spekulativer wäre etwa die Aktie von Celgene (US1510201049), einem der bedeutendsten US-Biotechnologieunternehmen mit Schwerpunkt von Krebsmedikamenten und Mitteln zur Stärkung des Immunsystems. Hier wird eine starke Umsatz- und Gewinnentwicklung erwartet. Interessant ist auch AbbVie (US00287Y1091). Das Unternehmen wurde 2013 von Abbott Laboratories abgespalten und hat u. a. Medikamente gegen Arthritis, Alzheimer, Multiple Sklerose und bietet eine hohe Dividendenrendite.

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