„Europäische Aktien sind noch immer relativ günstig bewertet“

Die Unternehmensgewinne überzeugen, die politischen Unsicherheiten legen sich allmählich. Für Diego Franzin, Chefstratege für europäische Aktien bei Pioneer Investments, ist das eine gute Zeit, Europas Aktienmarkt näher in Betracht zu ziehen.

„Wir sehen vor allem bei vielen zyklischen Aktien, etwa aus dem Bereich der zyklischen Konsumgüter, ­sowie bei Energie- und Rohstofftiteln eine Erholung.“ (Foto: Pepo Schuster, austrofocus.at)

GEWINN: Herr Franzin, obwohl Frankreichs Präsidentschaftswahlen viele Anleger in Atem hielten, blieb eine Rally nach dem Sieg Emmanuel Macrons in der zweiten Runde aus. Braut sich hier der nächste Sturm zusammen?
Franzin: Nein, aber der Ausgang der zweiten Wahlrunde in Frankreich kam für viele Marktteilnehmer wenig überraschend. Es war vielmehr die Ungewissheit über den Ausgang der ersten Runde, die für Nervosität gesorgt hatte. Seither haben die Aktienkurse freilich ein gutes Stück zugelegt. Trotzdem sind Europas Märkte im Vergleich zu jenen in den USA noch immer relativ günstig bewertet.

GEWINN: Dabei hellt sich das wirtschaftliche Umfeld doch selbst in Europa zunehmend auf?
Franzin: Auch Europas Unternehmenslandschaft steht sehr gut da. Allein im ersten Quartal legten die Gewinne im Jahresvergleich um zirka 24 Prozent zu. Das ist eines der besten Ergebnisse in den vergangenen zehn Jahren. Dennoch reicht ein einzelnes gutes Quartal nicht aus, die Unternehmen werden auch in den kommenden Quartalen beweisen müssen, dass sie gutes Geld verdienen.

GEWINN: Woher kommt eigentlich das Wachstum, das die Unternehmensgewinne beflügelt?
Franzin: Viele europäische Unternehmen haben einen starken internationalen Fokus. Da sorgt die anziehende Weltwirtschaft für Rückenwind. Außerdem haben viele Unternehmen ihre Schulden seit der Finanzkrise kräftig abgebaut. Somit gibt es reichlich Spielraum für Investitionen, den sie bald wieder zunehmend ausnutzen dürften. Grundsätzlich erzielen viele Unternehmen in Europa außerdem eine hohe Gewinnspanne, wenn man etwa das Betriebsergebnis in Relation zum Umsatz setzt.

GEWINN: Und welche Bereiche haben Sie derzeit besonders im Fokus?
Franzin: Wir sehen vor allem bei vielen zyk­lischen Aktien eine Erholung, auch bei Unternehmen aus dem Bereich der zyklischen Konsumgüter sowie bei Energie- und Rohstofftiteln. Dabei gibt es durchaus einige interessante Beispiele, etwa die spanische Inditex, die Mutter von Zara. Das Management sowie die internationale Ausrichtung überzeugen uns. Im Energiesektor halten wir etwa den französischen Pipelinekonzern Technip. Hier gibt es langfristige Verträge für den Transport von Rohöl. Somit ist es keine direkte Wette auf die unmittelbare Ölpreisentwicklung, die wollen wir nicht eingehen. Allerdings rechnen wir in den kommenden drei bis fünf Jahren mit einem Preis von 50 bis 60 US-Dollar je Fass Rohöl.

GEWINN: Zuletzt sorgte die Autoindustrie für einige Schlagzeilen. Lohnt ein näherer Blick?
Franzin: Das ist ein interessanter Sektor. Hier gibt es eine Menge Diskussion darüber, ob die Industrie bereits am Ende des Zykluses steht. Wir sehen hier allerdings noch interessante Bewertungen. Allerdings bevorzugen wir die großen Produzenten mit einem etablierten Vertriebsnetzwerk. Dazu zählen wir beispielsweise BMW. Das Unternehmen schafft es schließlich auch in schwachen Wirtschaftszeiten, Geld zu verdienen.

GEWINN: Welchen Bereich halten Sie hingegen für teuer bewertet?
Franzin: Dazu zählen wir den Bereich des nicht zyklischen Konsums. Der Sektor hatte sich seit 2011 schon sehr gut entwickelt. Dabei handelt es sich klassischerweise um Unternehmen mit stetigen Einnahmen und Dividendenzahlungen. Angesichts der tiefen Zinsen wurden sie deshalb oftmals als ein Anleihenersatz gekauft. Inzwischen sind sie schon relativ teuer bewertet.

GEWINN: Die Welt wird auch in Europa zunehmend von Innovationen etwa im Bereich der Robotik oder künstlichen Intelligenz beeinflusst. Welche Rolle spielen diese Entwicklungen bei Ihren Investmententscheidungen?
Franzin: Innovationen haben sogar einen sehr großen Einfluss. Ein gutes Beispiel ist der klassische Einzelhandel. Unternehmen wie beispielsweise der US-Internet-Händler Amazon gewinnen hier immer mehr an Marktanteil. Zugleich müssen die Einzelhändler aber ihre Mieten für große Flächen, die immer weniger gebraucht werden, bezahlen. Denn immer mehr Menschen lassen sich Produkte nach Hause liefern. Deshalb sind wir etwa bei Lebensmittelketten inzwischen vorsichtig geworden. Was wir hingegen nicht machen, ist, auf mögliche Innovatoren von morgen zu setzen. Hier handelt es sich oftmals um junge Start-ups. Da ist es nicht immer klar, wer sich erfolgreich etablieren wird und wer nicht.

GEWINN: Auch am italienischen Bankensektor zweifeln derzeit viele Marktteilnehmer. Die Sorge um eine mögliche Pleite wächst. Wie ernst ist die Lage?
Franzin: Bei einigen kleinen Banken sind durchaus die Probleme längst nicht gelöst. Doch gerade bei den großen, systemrelevanten Banken sehen wir gute Fortschritte bei den Restrukturierungen. Diese Institute stehen inzwischen besser da als in den Jahren 2011 und 2012. Grundsätzlich gefällt uns Europas Bankensektor. Wir sind in einigen Universalbanken wie beispielsweise die BNP Paribas aus Frankreich investiert. Und zwar längst vor den Präsidentschaftswahlen. Auch Österreichs Bankensektor behalten wir im Auge, auch wenn wir derzeit darin nicht investiert sind.

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