Frühjahrsputz im Depot

Wer sein Depot nicht regelmäßig „putzt“, lässt viel Ertragspotenzial liegen und setzt sich möglicherweise einem höheren Verlustrisiko aus. GEWINN gibt praktische Tipps, wie man in wenigen Schritten seine Geldanlage wieder auf Vordermann bringt.

So bringen Sie Ihre Wertpapierbestände in Ordnung. (Fotos: artisteer - Thinkstock.com, Chet-w – Thinkstock.com, Bildbearbeitung: GEWINN)

Nach einem letzten Aufbäumen des Winters, der weite Teile Österreichs Ende April noch einmal in ein Schneechaos gestürzt hat, scheint jetzt endlich der Frühling überall angekommen zu sein. Viele nutzen diese Zeit, um die verstaubten Fenster zu putzen, den Dachboden zu lüften, die letzten Geschenksverpackungen von Weihnachten aus dem Keller zu entsorgen und den Haushalt wieder auf Vordermann zu bringen.
In ähnlicher Form sollten das auch alle Anleger, die sich als Selbstentscheider eigenhändig um ihre Geldanlage kümmern, mit ihren möglicherweise etwas angestaubten oder bereits länger vernachlässigten Wertpapierdepots machen – denn diese zumindest einmal jährlichen Pflegemaßnahmen sind bares Geld wert!

Gewichtung überprüfen

Denn mit schlecht „gewarteten“ Portefeuilles kann man langfristig sehr viel Ertragspotenzial ungenützt verstreichen lassen und sich andererseits einem sehr viel größeren Verlustrisiko als notwendig aussetzen. Als ersten Schritt sollte man überprüfen, ob und wie sich denn die Verteilung der einzelnen Anlageklassen (z. B. Aktien, Anleihen, Rohstoffe, Immobilien . . .) des Depots im Lauf der Zeit verändert hat.

Angenommen, ein Anleger hat vor fünf Jahren im Rahmen einer ausgewogenen Strategie zu 50 Prozent in einen durchschnittlichen Euro-Staatsanleihenfonds und zu 50 Prozent in einen durchschnittlichen globalen Aktienfonds investiert. Falls er seither nicht korrigierend eingegriffen hat, sollte sich das Verhältnis zwischen Aktien und Anleihen aufgrund der unterschiedlich starken Zugewinne in der Zwischenzeit deutlich  verschoben haben und derzeit etwa bei 55 Prozent Aktien und 45 Prozent Anleihen liegen.

Strategie hinterfragen

Warum diese eigentlich banale Frage der Aufteilung der Anlageklassen (engl. Asset Allocation) so entscheidend ist, erklärt Jürgen Lukasser von der LGT Bank Österreich: „Die akademische Forschung zeigt, dass die Entscheidung über die richtige Asset Allocation 90 Prozent des langfristigen Veranlagungserfolges ausmacht, während nur fünf Prozent der Einzeltitelauswahl zugerechnet werden können.“

Demzufolge ist es enorm wichtig, sich intensiv mit folgenden Fragen auseinander zu setzen: Passt die ursprünglich eingeschlagene Strategie noch zu den eigenen Zielen? Will man ab jetzt vielleicht bewusst mit einem erhöhtes Aktienanteil weiterfahren und ein höheres Risiko und höhere Chancen ausnützen, oder will man im Hinblick auf ein näher rückendes Anlageziel (z. B. Pensionsantritt) doch lieber das Risiko von Wertschwankungen reduzieren und den Anteil der Anleihen noch ausdehnen? Wobei sich laut Thomas Eschelmüller, Leiter des Private Banking Österreich der Wiener Privatbank, „viele Kunden sich nicht darüber bewusst sind, dass derzeit wahrscheinlich das größere Risiko im Anleihenteil steckt als im Aktienmarkt. Weil bei den Anleihen gibt es im Unterschied zu den Aktien derzeit nur ein Rückschlags-, aber kein Steigerungspotenzial.“

Auch aus Sicht von Susanne Höllinger, Vorstandsvorsitzende der Kathrein Privatbank, bleiben vermeintlich „sichere“ Staatsanleihen  angesichts der niedrigen bzw. negativen Renditen unattraktiv: „Anleihen von Schwellenländern in lokaler Währung erscheinen aufgrund der sich verbessernden Fundamentaldaten und der unterbewerteten Währungen attraktiver.“

Falls nötig: Rebalanzieren

Egal wie die Entscheidung ausfällt, sie sollte bewusst gefällt werden und nicht einfach so passieren! Sollte man sich für eine Beibehaltung der bisher eingeschlagenen Aufteilung der Anlageklassen entscheiden, ist ein korrigierender Eingriff notwendig: „Das heißt in der Praxis Gewinnmitnahmen bei Anlageklassen, die besonders gut gelaufen sind, und Nachkaufen bei Anlageklassen, die besonders schlecht gelaufen sind“, beschreibt Lukasser den Vorgang, der „Rebalanzieren“ genannt wird. „Professionelle Vermögensverwalter und Fondsmanager machen das Rebalancing in mehreren Tranchen. Kleinanleger sollten hier aber auf die Transaktionskosten achten“, beschreibt Wolfgang Matejka, Chef von Matejka & Partner Asset Management und Chief Investment Officer der Wiener Privatbank.

Viele Experten betonen die Bedeutung dieses relativ einfachen Vorgangs: Erstens legt man so automatisch antizyklisch an, indem man im Kurs gestiegene Werte verkauft, um gefallene Werte zu kaufen. Und zweitens widerstehen vor allem Kleinanleger damit der Versuchung durch riskantes Markt-Timing den Gesamtmarkt schlagen zu wollen, was langfristig nur selten gelingt.

Einzelne Wertpapiere prüfen

So entscheidend die geschickte Verteilung auf verschiedene Anlageklassen in der Praxis auch ist ­–  manchmal kann einem Privatanleger auch eine einzelne Aktie oder ein Fonds das Anlegeergebnis ordentlich „verhageln“.
Dabei gilt es unbedingt zu unterscheiden, ob der jeweilige Gesamtmarkt verloren hat oder nur das eine Unternehmen oder der eine Fonds aus der Reihe tanzt. Um das zu erkennen, muss man das gekaufte Wertpapier mit einem geeigneten Wert (Benchmark) vergleichen. Bei Aktien wäre das der passende Aktienindex, in dem die Aktie enthalten ist. Im Fall der Vienna Insurance Group wäre das etwa der ATX, der Leitindex der Wiener Börse.

Ein Vergleich im kostenlos zugänglichen Börsen- und Fondsbereich von GEWINN online unter www.gewinn. com/boersefonds zeigt, dass die Vienna Insurance Group sich in den letzten drei Jahren deutlich schlechter als der Durchschnitt der anderen großen Titel an der Wiener Börse entwickelt hat (siehe Grafik unten). Zuerst kann man über „Kurs Suche“ die gewünschte Aktie suchen und in der „Chart Detail“-Darstellung den ATX unter „Index“ auswählen.

Ähnliches gilt auch für andere Geldanlageinstrumente, vor allem bei Investmentfonds, deren Entwicklung sich auch deutlich vom Durchschnitt vergleichbarer Produkte bzw. dem abgebildeten Gesamtmarkt unterscheiden kann.

Ursachenforschung betreiben

Wenn sich jetzt ein Fonds oder eine Aktie auf Sicht von drei oder fünf Jahren um ein paar Prozentpunkte schlechter entwickeln, ist das noch nicht weiter schlimm. Genauer anschauen sollte man sich einzelne Wertpapiere, wenn sich eine Lücke von zehn, 15 Prozent oder mehr auftut.

„Wenn sich ein Einzeltitel im Vergleich zum Gesamtmarkt sehr schlecht entwickelt hat, muss man Ursachenforschung betreiben und der Frage nachgehen, wieso das passiert ist“, rät Matejka. Bei Fonds etwa sollte man sich laut dem Experten die regelmäßig veröffentlichten Halbjahres- und Jahresberichte ansehen, in der die Fondsgesellschaften Rechenschaft über die Entwicklung des Fonds ablegen. „Man kann und sollte sich auch als Kleinanleger direkt an die Fondsgesellschaft wenden, wenn man weitere Fragen hat“, wobei hier seiner Einschätzung nach heimische Anbieter verlässlicher reagieren als große, internationale Fondshäuser.

GEWINN-TIPP! Bei Aktien hilft ein Blick auf das kostenlose Angebot unter http://de.4-traders.com. Hier  kann man sich für gewünschte Aktien unter „Charts“ über die Funktion „News-Chart“ die Kursentwicklung darstellen lassen, in der auch die wichtigsten Ereignisse in dem gewählten Zeitraum eingezeichnet sind. So kann man anhand der News zum Unternehmen leichter ableiten, was zur Kursentwicklung geführt hat.

Geeigneten Ersatz finden

Und was sollte man tun, wenn man herausgefunden hat, warum ein Fonds oder eine Aktie im Vergleich schlecht abgeschnitten haben? Dann sollte man sich möglichst frei von Emotionen die Frage stellen: Hat man mit anderen vergleichbaren Fonds oder Aktien höhere Chancen, bisherige Verluste möglicherweise wieder aufzuholen? Viele private Anleger machen hier den Fehler, zu lange an verlustreichen Investments festzuhalten, in der Hoffnung, das Tief  auszusitzen und zumindest den Einstiegskurs wieder zu erreichen.
Falls hier die Ursachenforschung nicht ergeben hat, dass der Grund für die schlechte Entwicklung weggefallen ist oder bald wegfallen könnte, sollte man die Reißleine ziehen und wenig aussichtsreiche Produkte gegen jene mit höheren Chancen austauschen.

Bei der Auswahl eines neuen Fonds würde Daniel Feix, Chef des Fondsmanagements bei der C-Quadrat Asset Management GmbH, folgendermaßen vorgehen: „Zunächst sollte man nur Fonds in die engere Auswahl aufnehmen, die zum Vertrieb in Österreich zugelassen sind und bei denen bei einer österreichischen depotführenden Stelle automatisch die KESt abgeführt wird. Alles andere wäre aus Sicht eines Privatanlegers ineffizient.“

Um die Qualität des Fonds einzuschätzen, schaut er sich die Ergebnisse für einen längeren Zeitraum von ein, drei oder fünf Jahren an: „Dabei sind drei Kennzahlen besonders wichtig. Ers­tens, die sogenannte Outperformance, die anzeigt, ob der Fonds sich im Vergleich zum Gesamtmarkt besser oder schlechter entwickelt hat. Zweitens die Sharpe Ratio. Denn diese Kennzahl setzt die erzielte Performance in Relation zum eingegangenen Risiko. Gute Fonds zeichnen sich dadurch aus, dass sie dasselbe Ergebnis mit geringerem Risiko erreichen. Und drittens den maximalen Verlust, der angibt, wie viel ein Fonds innerhalb eines gewählten Zeitraums maximal verloren hat. Diesbezüglich sollten Anleger sich selbst fragen, ob sie einen derartigen Verlust verkraften würden.“ Für all jene, die sich damit im Detail nicht auseinandersetzen wollen, bieten laut Feix die kostenlosen Fonds-Ratings von Morningstar (www.morningstar.at) einen guten Anhaltspunkt.

Was tun mit Depotleichen?

Viele leidgeplagte Anleger können ein Lied davon singen: Aktien oder andere Finanztitel, die einen Totalabsturz erlitten haben und seit Jahren mit einem Kurs von ein paar Cent oder gar null Euro im Depot verstauben. Was tun?

Im Wesentlichen hat man drei Optionen: Erstens, liegen lassen. Zweitens, versuchen zu verkaufen, oder drittens, von der Depotbank ausbuchen lassen.    Jürgen Lukasser rät: „Liegen lassen. In seltenen Fällen passiert doch noch ein Wunder – siehe Lehman Bonds, die nach Abschluss des Insolvenzverfahrens eine massiv höhere Recovery-Rate hatten, als man sich ursprünglich träumen hätte lassen.“ Wolfgang Matejka empfiehlt hier, sich an Rechtsanwaltskanzleien zu wenden, die sich auf mögliche Ansprüche aus derartigen Wertpapieren spezialisiert haben. Diese finde man im Internet, wenn man nach den entsprechenden Aktien sucht.
Die zweite Option des Verkaufs kann sich in der Praxis als schwierig herausstellen. „Die Frage, ob das Papier noch an einer regulären Börse gehandelt wird oder nicht, sollte die Depotbank beantworten können“, meint Matejka. „Wenn die Aktien an keiner Börse mehr notiert sind, wird es sehr schwierig, hier einen Käufer zu finden. Professionelle Händler sollten zumindest Auskunft geben können, ob es „außerbörslich“ Möglichkeiten gibt, die Aktien zu verkaufen“, meint Höllinger. 

GEWINN-Tipp: Über die SCHNIGGE Wertpapierhandelsbank werden viele Wertpapiere noch gehandelt, die nicht mehr regulär an Börsen notieren (www.schnigge.de).
„Falls man für derartige Depotleichen  keinerlei Verwertungschancen mehr sieht und sie einfach loswerden möchte, bieten wir und viele andere Banken die Möglichkeit, im Rahmen einer Verzichtserklärung das Wertpapier an die Bank zu übertragen. Sie wird dann aus dem Depot gelöscht“, erklärt Eschelmüller und macht darauf aufmerksam, dass man damit im Gegenzug gänzliche Rechtsansprüche dieses Papiers an die Bank abtritt. Manche Banken bieten diesen Service kostenlos, andere wiederum gegen Gebühren an.

Verluste steuerlich nutzen

GEWINN-Tipp: Wenn man schon den Verlust über den Verkauf bzw. die Ausbuchung einer „Depotleiche“ realisiert, so sollte man diesen wenigstens so timen, dass man ihn steuerlich geltend machen kann, etwa in einem Jahr, wo man andere Aktien mit Gewinn verkauft. Denn innerhalb eines Jahres werden von den Depotbanken unter bestimmten Bedingungen automatisch beim KESt-Verlustausgleich Einkünfte und realisierte Verluste  bei einer Bank gegengerechnet.

FAZIT: Wer seine Geldanlage selbst in die Hand nimmt, sollte zumindest einmal jährlich sein Depot „warten“. Wer den Aufwand scheut, der kann sich durch Kauf eines vermögensverwaltenden Fonds oder den Auftrag an eine vermögensverwaltende Bank bzw. Private Banking  die Arbeit abnehmen lassen.

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