„Value ist die einzig vernünftige Art der Geldanlage!“

Hendrik Leber, Gründer von Acatis Investment und Fondsmanager, erklärt, warum er seit Jahrzehn­ten das Geld im Stil von Warren Buffett anlegt.

"So lange die Zinsen so niedrig bleiben, können die Aktienkurse noch weiter laufen." Hendrik Leber, Acatis Investment (Foto: Martin Maier Media)

GEWINN: Die Hausse an den Aktienmärkten dauert bereits mehr als acht Jahre. Wie lange kann das weiter gehen?
Leber: Was wir erleben, ist durch die tiefen Zinsen getrieben. Dieses niedrige Zinsniveau hält weiter an, gerade in Europa. Ökonomisch spricht viel dafür, in gute Alternative-Aktien zu investieren. Da wird einem fast schwindlig dabei, denn das ist ein Kursniveau, das wir nicht gewohnt sind. Aber wir hatten vorher noch nie so künstlich niedrige Zinsen. Und so lange diese so niedrig bleiben, können die Kurse noch weiter laufen.

GEWINN: Es läuft derzeit ja konjunkturell auch sehr gut. Bieten da Unternehmensergebnisse Unterstützung?
Leber: In den USA ist das ziemlich ausgereizt. Hier quälen sich die Unternehmen, den Gewinn hochzutreiben, indem sie etwa eigene Aktien zurückkaufen, weil so der Gewinn pro Aktie steigt. Ich sehe in Europa hingegen eine stärkere Gewinndynamik, denn wir haben Rückenwind. Die Wahl Macrons als Pro-Europäer ist wirklich beruhigend, weil Europa solche Leute braucht, die die Idee verfechten. Wir waren ja gewöhnt, nur schlechte Nachrichten zu bekommen. Das dreht sich plötz­lich. Ich sehe in Europa auch andere positive Tendenzen, wie man etwa an der guten wirtschaftlichen Entwicklung in Spanien sehen kann. Und der schwache Euro macht die Exportgüter attraktiver.

GEWINN: Wie sieht die Entwicklung abseits der USA und Europa aus?
Leber: Es gibt da auch interessante Märkte, aber da kann man kein Pauschalurteil darüber fälllen. Ein Favorit von mir ist Indien, wo sich eine drastische Entwicklung abspielt. In Indien herrschte ja Chaos und Narendra Modi, der neue Ministerpräsident, ist dabei, das zu ordnen. Da werden etwa die Zölle, die man für den Warenverkehr zwischen den einzelnen Regionen zahlen musste, abgeschafft. Da sind die Kurse aber auch schon kräftig gelaufen.

GEWINN: Wir haben jetzt viel Positives gehört, was könnte den Aufschwung an den Aktienmärkten stoppen?
Leber: Steigende Zinsen könnten den Boom zum Abbruch bringen. In Europa ist das unwahrscheinlich. EZB-Chef Mario Draghi hält an seiner Billiggeldpolitik fest und er kann es sich auch kaum erlauben, europäische Regierungen durch die Anhebung der Zinsen in Probleme zu stürzen. Auch in den USA sollten die Zinsen verhältnismäßig niedrig bleiben. Billiges Geld führt zur Unvernunft, wir sind an einem kritischen Punkt, wenn Mega-Übernahmen passieren. Das kann noch zwei oder fünf Jahre dauern.

GEWINN: Was macht ein Value-Investor?
Leber: Ein Value-Investor kauft Aktien unter ihrem Wert. Eine Aktie hat einen bestimmten inneren Wert, der aus vorhandener Substanz und den möglichen Chancen in der Zukunft besteht. Und dann gibt es einen Börsenkurs und die beiden haben häufig nichts miteinander zu tun. Der liegt mal über, mal unter dem fairen Wert und wir kaufen, wenn die Aktie unter dem fairen Wert liegt. Warren Buffett ist mit dieser Methode unglaublich reich geworden. Value-Investoren bilden sich da eine eigene Meinung, dann liegt man auch einmal neben dem Markt, aber langfristig ist es die überlegene Anlageform. Und ich mache es, um alt zu werden, alle guten Value-Investoren wie Warren Buffett werden sehr alt (lacht). 

GEWINN: Können Sie uns Beispiele von Firmen nennen, die aus Ihrer Sicht unterbewertet sind?
Leber: Ja, da gibt es etwa Firmen, die sich einfach wunderbar gleichmäßig entwickeln, wie Priceline. Die Aktie kennt man nicht, aber die Produkte. Wenn Sie im Internet eine Reise über Booking.com oder einen Mietwagen über rentalcars.com buchen, dann steckt dahinter Priceline. Die Gewinnentwicklung läuft wesentlich stärker als bei Amazon. Ein weiteres Beispiel wäre Deutsche Bank, ein ganz schwieriger Titel, an den sich viele nicht ran trauen. Ich kaufe gerne billig ein. Und bei der Deutschen Bank bekomm ich im Moment einen Euro an Substanz für weniger als 50 Cent. Die Bank hat einen so hohen Abschlag, dass ich da im Grunde die halbe Bank geschenkt bekomme. Das hätte man vor ein paar Jahren nicht machen sollen, inzwischen glaube ich, dass die Probleme aufgearbeitet sind und die schwierigste Zeit hinter uns liegt. Und mit der jüngs­ten Kapitalerhöhung ist wieder genügend Fett auf den Rippen.

GEWINN: Gibt es noch weitere Aktien mit Aufholpotenzial?
Leber: Ein weiteres Beispiel ist Novo Nordisk, der Weltmarktführer bei Insulin. Diabetes ist eine Volkskrankheit und es wird immer schlimmer, gerade weil auch jene Länder, die sich bisher keine ungesunde Nahrung leisten konnten, jetzt immer zuckerreicher und fetter essen – wie etwa China. Letzten Herbst ist die Aktie kräftig abgestürzt, weil Konkurrenzprodukte gegen die Firma angehen. Wenn so eine tolle Aktie dann tief gefallen ist, kann ich sie kaufen, weil sie endlich billig geworden ist. Spannend sind auch die Zukunftsthemen autonomes Fahren und Elektromobilität. Wir haben da zwei deutsche Autozulieferer gekauft: und zwar den Chiphersteller Infineon und Continental als Anbieter von Sensorik und Steuerung. Wenn sich selbstfahrende und Elektroautos durchsetzen sollten, sollten die beiden auf jeden Fall dabei sein. Und sie sind beide nicht zu teuer.

GEWINN: Wann verkaufen Sie?
Leber: (Lacht) Das ist die schwierigste Frage. Wenn die Aktie ihren fairen Wert erreicht, sollte man sie verkaufen. Das funktioniert heute nicht mehr, weil der faire Wert durch die niedrigen Zinsen verzerrt ist. Wir sind dazu übergegangen, die Aktien, von denen wir wirklich überzeugt sind, etwas länger zu halten.

GEWINN: Viele Studien haben gezeigt, dass die richtig gewählte Streuung über Anlageklassen für 90 Prozent des Anlageerfolges verantwortlich ist, die Auswahl der Einzeltitel hingegen nur geringen Einfluss hat. Wozu dann der Aufwand?
Leber: Ja, das hat sich durch den Erfolg der passsiven Anlageprodukte wie ETFs bestätigt. Aber man darf nicht vergessen, wenn ich mir einen Indexfonds kaufe, dann ist mir vollkommen egal, ob da gute oder schlechte Firmen  enthalten sind. Die können faul sein, aber weil es jeder macht, steigt der Kurs automatisch. Man sieht, dass diese Indizes eine Eigendynamik entwickelt haben. Da droht meiner Meinung nach ein Zusammenbruch. Wir haben das 2015 gesehen, als vermutlich die chinesischen Staatsfonds im großen Stil Aktien auf den Markt geworfen haben. Damals sind alle Titel, die in den Indizes enthalten sind, massiv gefallen. Die Titel, die nicht drin waren, haben sich stabil verhalten. Auch wenn es in den letzten Jahren schwierig war, so glaube ich, dass aktiv investieren die einzig sinnvolle Form ist.

GEWINN: Sie haben im März  einen von künstlicher Intelligenz gesteuerten Aktienfonds vorgestellt. Werden in Zukunft Roboter unser Geld anlegen?
Leber: Ja, sie tun es heute schon, ohne  dass wir es merken. Nehmen wir an, es gibt eine schlechte Nachricht zu einem Unternehmen. Da hat der Computer innerhalb von Sekunden eine Verkaufentscheidung gefällt, in der Zeit hab ich die E-Mail ja noch gar nicht aufgemacht. Selbst bei langfristigen Investments, wo der Mensch heute noch im Vorteil ist, werden Roboter kommen, weil sie viel mehr Daten verarbeiten können, als ich als Mensch das kann.

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