„Wie ein guter Verteidiger in einem Fußballteam”

Im Gespräch mit G.O.L.D. spezial erklärt Ronald-Peter Stöferle, Managing Partner der Incrementum AG, die Zusammenhänge, die den Gold-Aufwärtstrend und dessen Rolle als Inflationsschutz begünstigen.

Ronald-Peter Stöferle, Managing Partner, Incrementum AG: „Zu erwartende negative Realzinsen sind das perfekte Umfeld für Gold.“ (Foto: Incrementum)

G.O.L.D. spezial: In Ihrem letzten Report sagen Sie, schon im 4. Quartal 2018 habe ein Sig­nal den bevorstehenden Preisanstieg zuverlässig angekündigt?
Stöferle: Ja, die Dow-Gold-Ratio. Diese drückt das Verhältnis des US-Börsenbarometers Dow Jones zum Goldpreis aus. Anders gesagt: Wie viele Unzen Gold benötige ich, um eine Einheit des Index zu kaufen? Demgemäß haben die US-Aktienkurse schon Ende 2018 ihren Hochpunkt erreicht. Der Goldpreis ist dagegen angestiegen.
Vielen ist nicht bewusst, dass der Goldpreis schon vor Ausbruch der Corona-Krise auf Allzeithochs geklettert ist – in praktisch jeder Währung, ausgenommen dem US-Dollar, heuer aber auch auf Dollar-Basis.
G.O.L.D. spezial: Wo sehen Sie den Goldpreis bis Ende 2020 bzw. 2021?
Stöferle: Gold befindet sich in einem Bullenmarkt, immer mehr institutionelle Investoren haben es auf dem Radarschirm. Abhängig auch vom Ausgang der US-Präsidentschaftswahlen wird Gold Ende 2020 um die 2.000 US-Dollar je Feinunze notieren, auf Ein-Jahres-Sicht könnten es 2.300 sein. Am Ende der Dekade sehe ich den Preis bei 4.800 US-Dollar.
G.O.L.D. spezial: Was sind die Haupttreiber?
Stöferle: Der nächste Trigger wird die anziehende Inflation sein. Die Schuldenberge sind höher denn je. Die Zinswende wurde auf den St.-Nimmerleins-Tag verschoben. Auch ohne Corona wäre eine Rezession noch vor der geldpolitischen Normalisierung wahrscheinlich gewesen. Das Ausmaß der Zentralbankmaßnahmen bereitet nicht nur einer kritischen Minderheit Sorgen, sondern zunehmend anerkannten Anlage-Experten.
G.O.L.D. spezial: Man könnte meinen, die hohe Verschuldung der Staaten ist unausweichlich und so lange sich alle verschulden und so die Balance gewahrt bleibt nicht so dramatisch?
Stöferle: Im Zuge der Covid-19-Pandemie sind Hilfspakete in Dimensionen geschnürt worden, die wir zuvor nicht für möglich gehalten hätten. Der fiskalische und monetäre Stimulus erreicht in Summe 30 Billionen US-Dollar, das sind 30.000 Milliarden! Im Unterschied zur Finanzkrise 2008/2009 betrifft die Überschuldung nicht nur die Industriestaaten, sondern ist auch auf Ebene der Schwellenländer, der Privaten, Kommunen und Unternehmen zu sehen. Deshalb ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir steigende Zinsen sehen, so gering wie nie.
G.O.L.D. spezial: Die Fed hat im Sommer 2020 noch dazu ihren Kurs geändert . . .
Stöferle: Ja, das ist ein weiteres Indiz. Nachdem das Inflationsziel von zwei Prozent in den vergangenen Jahren nicht erreicht wurde, lautet die neue Strategie „Average Inflation Targeting“: So viel Geld drucken, bis wir die zwei Prozent überschreiten. Zu erwartende negative Realzinsen sind das perfekte Umfeld für Gold. Die Frage ist, ob man Inflation wie einen Thermostat regulieren kann oder ob es ein gefährliches Spiel ist, mit dem Endergebnis Stagflation – also niedriges Wirtschaftswachstum plus dennoch hohe Inflation, so wie in den 1970er- Jahren.
G.O.L.D. spezial: Wie wird der Konsument in diesem Umfeld reagieren, wird mehr gespart?
Stöferle: Wird Inflation zum Thema, könnte es Verhaltensänderungen geben. Die Geldumlaufgeschwindigkeit, die jetzt darniederliegt, könnte dann massiv anziehen. Gemeinsam mit der enormen Menge an neu geschöpftem Geld bedeutet dies wiederum höhere Inflation. Egal ob man auf Rohstoff- oder Edelmetallmärkte blickt, sie preisen bereits höhere Inflationsraten ein. Man muss sich vor Augen halten, dass derzeit Kapital in negativ verzinsten Anleihen mit garantiert negativer Rendite im Volumen von 500 Millionen US-Dollar liegt. Hier könnte es zu hohen Abflüssen kommen.
G.O.L.D. spezial: Wie steht es um die Liquidität von Gold?
Stöferle: Für mich ist Gold die drittliquideste „Währung“ der Welt: Pro Tag werden durchschnittlich ca. 240 Milliarden US-Dollar in Goldkontrakten gehandelt. In Stresssituationen an den Finanzmärkten kann es rasch und kostengünstig liquidiert werden. Aber es kommt natürlich darauf an, in welcher Form man es hält. Gold ist intuitiv und einfach zu verstehen. Münzen oder Barren zu kaufen ist – anders als in den USA oder im südlichen Europa – hierzulande sehr einfach zu erwerben.
G.O.L.D. spezial: Es heißt außerdem, Gold zahlt keine Zinsen . . .
Stöferle: Vor jedem Goldinvestment sollte man die Motivation hinterfragen. Für mich gibt es zwei: „Sicherheits-Gold“, das auch als Schutz gegen Eingriffe des Staats dienen kann. Ist das die Motivation, dann sollte man es physisch halten und möglichst sicher lagern. Hier rate ich klar zu Bullions (Anm.: Anlagemünzen), etwa Maple Leaf, Krügerrand, Philharmoniker oder Barren. Die zweite Motivation ist der Aspekt „Performancegold“: Geht man von weiteren Preissteigerungen ohne massiven Zusammenbruch der Wirtschaft und des Geldsys­tems aus, ist ein Investment in Goldzertifikate, Exchange Traded Funds, Futures und Optionen, Goldminenaktien oder -investmentfonds geeignet.
G.O.L.D. spezial: Muss man Angst haben, dass Gold zur Neige geht?
Stöferle: Den rund 190.000 Tonnen Gold, die im Laufe der Jahrtausende bereits aus dem Boden geholt wurden, steht eine jährliche Produktion von ca. 3.300 Tonnen gegenüber. Ein „Peak-Gold“ analog zum Peak-Oil (Anm.: globales Ölfördermaximum), also, dass es versiegt, sehe ich nicht. Ja, Gold ist ein rares Gut, aber es wird nicht nur mit dem neu geförderten Gold gehandelt, sondern auch mit dem Bestand.

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