Der Barren wird zum Philharmoniker

So entsteht in Wien eine der berühmtesten Münzen der Welt.

Von der späteren Eleganz ist zu Beginn noch wenig zu sehen. Angeliefert werden die Goldbarren „schlicht“ auf Paletten, gestapelt wie Ziegelsteine. Jeder wiegt stattliche sechs Kilo. Wie viel vom Rohstoff für den Wiener Philharmoniker durch die Sicherheitsschleuse gehen, ist freilich streng geheim. Schon bald wandert das begehrte Edelmetall in den Prozess der Münzwerdung.
Als Erstes geht es ihnen so richtig heiß an den Kragen. Bei 1.000 Grad schmilzt das edle Metall in der hauseigenen Gießerei. Aus dem Schmelztiegel der Stranggussanlage rinnt ein gleißend-gelber Strahl in sein neues Bett. Flammen züngeln aus der Gießvorrichtung und Funken spritzen empor, wenn Verunreinigungen verbrennen.
Aus den Barren wird in wenigen Minuten ein Band, in der Fachsprache „Zain“ genannt. Eine hydraulische Walze bringt das Material auf die Stärke der späteren Philharmoniker-Münzen. Die fertigen Zaine werden auf Rollen gewickelt, mit Metallstreifen fixiert und wieder eingelagert. Doch nicht alle wandern wieder ins Regal, ein Teil geht gleich Richtung Weiterverarbeitung.

Gut gereinigt zum Prägestempel

Die hydraulische Stanze stößt aus dem Zain die Münzrohlinge, auch „Ronden“ genannt, heraus. Zwischen 13 (1/25-Unze) bis 37 Millimeter (eine Unze) bewegen sich die Durchmesser. Im nächsten Schritt werden die Ronden gestaucht, damit der beim Philharmoniker charakteristische erhabene Rand entsteht.
Dann wird’s nass. Mehrere Dutzend Ronden fahren per Edelstahlkorb ins Wasser- und Alkoholbad, damit die Oberfläche fettfrei wird. Fett mögen nämlich die Prägestempel gar nicht. Sie machen im nächsten Arbeitsgang mit einem Schlag von 200 Tonnen aus dem Rohling einen echten Philharmoniker. Rotationszufuhr, Prägen und Einzelauswurf auf Tablets.  Bei Edelmetallmünzen erfolgen diese Schritte bei der Münze Österreich, im Gegensatz zur Massenproduktion von Umlaufmünzen, in beschaulichem Tempo und teils händisch. Zum Einsatz kommen mannshohe hydraulische Prägemaschinen des deutschen Herstellers Gräbener.
Die dreifache Qualitätskontrolle startet unmittelbar nach dem Prägen noch an der Maschine, wird visuell fortgesetzt beim händischen Verpacken und bei der Versiegelung abgeschlossen. Fertig sind die Goldmünzen für den Vertrieb über Münzhändler, Banken sowie im hauseigenen Shop.

27 Millionen Philharmoniker

Der Philharmoniker ist eine österreichische Erfolgsgeschichte. Erfunden im Jahr 1989 vom damaligen Chef-Graveur der Münze Österreich, Thomas Pesendorfer, ist der Wiener Philharmoniker eine der bekanntesten Goldmünzen der Welt. Laut britischem World Gold Council, dem Dachverband der Goldbergbauindustrie, war die Münze in den Jahren 1992, 1995, 1996 und 2000 sogar die am meisten verkaufte Goldmünze weltweit. Bis dato hat die Münze Österreich knapp 27 Millionen Stück davon produziert. Alleine im Jahr 2017 waren es 885.300 Stück. Seit 2008 gibt es den Philharmoniker auch in Silber, seit 2016 in Platin.

Wo das Gold herkommt

Die Münze Österreich kauft ihre Rohstoffe bei Edelmetallraffinerien in der Schweiz ein. Gold für Barren, Silber und Platin werden jedoch in Granulat angeliefert. „Die Raffinerien garantieren uns, dass die Edelmetalle ausschließlich von Triple-A gerateten Bergwerksunternehmen stammen. Das Rating betitelt nicht die Bonität, sondern signalisiert, dass ökologische, soziale und ethisch vertretbare Produktionsbedingungen vorherschen“, erklärt Münze-Österreich-Generaldirektor Gerhard Starsich. So vermeidet man, dass „Blutgold“, also Gold aus kriminellen Geschäften, etwa von Warlords, beim Philharmoniker Verwendung findet.

Viel Handarbeit steckt im Motiv

Vier Graveure, so nennt man die „Münzdesigner“, arbeiten bei der Münze Österreich. Sie gestalten auf Basis von Grafiken, Fotos, Gemälden und Skizzen. Von der Hochzeitsmedaille als Kleinserie bis hin zu den Sammlermünzen, die von der Münze Österreich jährlich ausgegeben werden. Der Großteil der Arbeitsschritte erfolgt händisch, wie ein Lokalaugenschein in der „Graveurabteilung“ zeigt. Über Arbeitstische mit Gips- und Knetmassenmodellen beugen sich die Mitarbeiter konzentriert. Die hohe Kunst besteht darin, von zweidimensionalen Modellen, etwa von Zeichnungen, auf eine dreidimensionale Prägevorlage zu kommen.
„In der Höhe haben wir nur 1,5 Millimeter Platz, um etwa ein Gesicht als Relief zu modellieren“, erklärt Abteilungsleiter Helmut Andexlinger. So müssen Ohren, Nase und Kinn in der Münze „neu interpretiert“ werden, damit sie auch nach der Transformation in die dritte Dimension realistisch wirken und dem Original ähneln.
In mehreren Schritten stellen die Graveure überdimensionale Gipsmodelle im Durchmesser von etwa 18 Zentimetern her. Der Werkstoff Gips lässt sich mit feinen Werkzeugen leicht bearbeiten und im Positiv-Negativ-Spiel beliebig oft umgießen. So entstehen mit jedem Umgießen weitere Details. Fehler lassen sich damit ausmerzen. 40 bis 60 Arbeitsstunden stecken in so einem Modell, das per Laserscanner digitalisiert wird und dann als Graustufenmodell (65.000 Grauabstufungen) die Basis für die maschinelle Herstellung des Ur-Stempels darstellt. Bis zu 16 Stunden dauert es, bis ein feines, nadelförmiges Werkzeug das Relief in den stählernen Stempel ritzt. Anschließend wird dieser „positive“ Stempel gehärtet und mit rund 350 Tonnen in ein weicheres Metall gedrückt.
Mit diesem Negativstempel erfolgt dann die eigentliche Münzprägung. Der Ur-Stempel bleibt erhalten und dient als „Werkzeug fürs Werkzeug“, denn Stempel nützen sich während der Münzprägung ab und müssen immer wieder neu hergestellt werden.

Talente mit Sitzfleisch


Früher wurden alle Schritte händisch gemacht. „Zur Zeit Maria Theresias etwa gab es in der Münze Österreich drei Berufsgruppen: Maler, Modellierer und Negativstecher“, schildert Andexlinger. „Heute ist das alles in einem Beruf gebündelt.“ Die Mitarbeiter kommen meist von der Fachschule für Kunsthandwerk und Metalldesign an der HTL Steyr und müssen neben dem künstlerischen Talent auch eine enorme Konzentrationsfähigkeit mitbringen. „Sie müssen mitunter bis zu 40 Arbeitsstunden an einem Modell sitzen“, so Andexlinger. Beim Philharmoniker haben sie es vergleichsweise einfach, denn seit Erfindung und Produktionsstart im Jahr 1989 gab es lediglich 2002 eine Änderung, nämlich die Umstellung von Schilling auf Euro. Auf der Rückseite ist die Orgel des Großen Saals des Wiener Musikvereins abgebildet, auf der Vorderseite typische Instrumente des namensgebenden Orchesters. Ansonsten wird alle zwölf Monate die Jahreszahl „upgedatet“. Das erfolgt am Computer im Graustufenmodell.

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