Es stellt sich nicht die Frage ob, sondern wann wir ein neues Allzeithoch beim Goldpreis sehen werden.“

Ein „monetärer Klimawandel“ und damit eine neue Ära höherer Inflation stehen uns laut Ronald Stöferle, Mitgründer und Partner beim Liechtensteiner Vermögens-verwalter Incrementum, bevor. Dabei bieten Gold und ausgewählte Rohstoffe aus seiner Sicht den besten Schutz vor einem Kaufkraftverlust.

Ronald Stöferle, Managing Partner, Incrementum AG„Das bisher angestrebte Ziel eines ausgeglichenen Staatshaushalts, die berühmte „schwarze Null“ , interessiert plötzlich niemanden mehr.“ (Foto: Incrementum)

G.O.L.D. spezial: Der Goldpreis hat  in der Corona-Pandemie starke Ausschläge gezeigt. Wie schätzen Sie die weitere Entwicklung ein?
Stöferle: In den Folgemonaten des Einbruchs an den Börsen im März 2020 sahen wir einen sehr dynamischen Anstieg des Goldpreises, der im August 2020 in neuen Allzeithochs kulminierte. Danach folgte eine Konsolidierungsphase, die mittlerweile abgeschlossen scheint. Aus unserer Sicht spricht viel für einen weiteren Anstieg des Goldpreises. Es stellt sich für uns nicht die Frage ob, sondern wann wir ein neues Allzeithoch sehen werden.
G.O.L.D. spezial: In der aktuellen Ausgabe Ihres „In Gold We Trust“-Reports beschreiben Sie einen „monetären Klimawandel“. Dabei verfolgen Notenbanken rund um den Erdball ja bereits seit Jahren eine extrem expansive Geldpolitik mit unkonventionellen Methoden. Was ist jetzt so anders?
Stöferle: Die Geldpolitik ist tatsächlich schon seit der Finanzkrise über weite Stre­cken sehr aggressiv. Doch im Unterschied zu den vergangenen Jahren kommt jetzt auch noch eine aggressive Fiskalpolitik dazu, die dabei helfen soll, den Konjunkturmotor nach der Corona-Pandemie wieder zu starten. Diese scheinbar unbegrenzte Liquidität ist eine Begleiterscheinung des monetären Klimawandels, die bereits eine merkliche Anhebung der Vermögenspreis- und mittlerweile auch des Konsumentenpreisniveaus bewirkt hat. Das bisher angestrebte Ziel eines ausgeglichenen Staatshaushalts, die berühmte „schwarze Null“, interessiert plötzlich niemanden mehr. Damit wird allerdings das Vertrauen der Bevölkerung in das ungedeckteWährungssystem gefährdet. Und dieses Vertrauen steht und fällt damit, dass die Notenbanken, die auch Währungshüter genannt werden, ihr Geldschöpfungsprivileg nicht missbrauchen, um damit indirekt Staaten zu finanzieren.
G.O.L.D. spezial: Sie gehen in Ihrem Report auch von einer „Renaissance der Verbraucherpreisinflation“ aus. Viele Experten, wie etwa von der Oesterreichischen Nationalbank, erwarten jedoch, dass der aktuelle Anstieg der Inflation nur temporär und nicht längerfristig mit erhöhten Verbraucherpreisen zu rechnen sei.
Stöferle: Zunächst einmal sehen wir kein Ende der ultraexpansiven Geldpolitik. So hat etwa Jerome Powell, Chef der US-Notenbank Fed, verlautbart, dass die Zinsen in den USA frühestens ab 2023 wieder steien werden. In der EZB gibt man sich diesbezüglich noch mehr zugeknöpft. Ich kann mir daher nicht vorstellen, dass die Notenbanken rasch gegensteuern werden, wenn die Teuerungsraten deutlich ansteigen. Des Weiteren sind dieses Mal in der Corona-Pandemie im Unterschied zur Finanzkrise die breiten Geldmengenaggregate bereits signifikant angestiegen.
G.O.L.D. spezial: Eine steigende Geldmenge allein führt ja nicht notwendigerweise zu einem Anstieg der Inflation, oder?
Stöferle: Das stimmt. Es ist lange Zeit daraus keine höhere Inflation entstanden, weil die Geldumlaufgeschwindigkeit in der Corona-Pandemie förmlich kollabiert ist. Aber mit den Öffnungen und steigender Zuversicht am Ende der Pandemie sehen wir, dass die Konsumenten wieder beginnen, mehr Geld auszugeben, und die Unternehmen wieder investieren. Damit trifft jetzt ein Schwall an Liquidität auf eine steigende Geldumlaufgeschwindigkeit. Das ist unserer Meinung nach das perfekte Rezept für höhere Inflationsraten.
G.O.L.D. spezial: Der ehemalige Notenbank-Gouverneur Ewald Nowotny hat einmal bei einer Podiumsdiskussion auf der ­GEWINN-Messe gemeint, er könne die Sorge vor zu hoher Inflation nicht nachvollziehen, weil gerade dagegen die Werkzeuge der Geldpolitik sehr wirksam wären. Hingegen sei es wesentlich schwerer, eine zu niedrige Inflation mit den Mitteln der Geldpolitik anzuheben. Werden die Notenbanken nicht gegensteuern, falls die Inflation zu stark steigt?
Stöferle: Theoretisch ja, aber in der Praxis befindet sich die Geldpolitik in einem Dilemma. Wenn Notenbanken ihren expansiven Kurs beenden, um damit gegen die steigende Inflation vorzugehen, dann birgt das die Gefahr einer heftigen Korrektur an den Aktienmärkten. Tritt das ein, sehen sie sich gezwungen mit expansiven Maßnahmen gegenzusteuern – und dieses Mal mit einer noch höheren Dosis. Das ist wie bei einer Drogensucht. Da muss man auch ständig die Dosis erhöhen, um denselben Effekt zu erzielen. Und das ist ein ziemlich schwieriger Balanceakt, der den Notenbanken – meiner Meinung nach – noch nie gelungen ist, wie uns die Geschichte zeigt.
G.O.L.D. spezial: Welche Rolle spielen diesbezüglich die Staatsschulden, die zur Bekämpfung der Corona-Pandemie und ihrer Folgen weltweit stark ausgeweitet wurden?
Stöferle: Je höher die Verschuldungsniveaus der Staaten, desto größer ist der Wunsch nach steigenden Inflationsraten und desto größer die Sorge vor einer Deflation, weil das eine reale Aufwertung der Schulden bedeuten würde. Außerdem wird die Zinslast angesichts der hohen Schuldenberge für manche Staaten zum Problem, falls die Renditen wieder steigen sollten.
G.O.L.D. spezial: Ist somit die Ära der niedrigen Inflation vorbei, in der vor allem auch die Globalisierung für massivenWettbewerb und einen stetigen Preisdruck gesorgt hat?
Stöferle: Ja, wir sehen einen Trend zur Deglobalisierung. Man hat in der Corona-Pandemie festgestellt, dass es nicht allein darum geht, möglichst günstig zu produzieren beziehungsweise einzukaufen. Sondern dass es durchaus sinnvoll sein kann, die Produktion wieder lokaler zu betreiben. Auch erwarten wir, dass sich der deflationäre Rü­ckenwind durch die wirtschaftliche Öffnung Asiens, insbesondere Chinas, und Osteuropas und die Fülle an günstigen Arbeitskräften in diesen Regionen mittel- bis langfristig umkehren wird. Die Deflationsgewinne durch den Eintritt dieser Schwellenländer in die globale Wirtschaft verpuffen zusehends. Darüber hinaus wirkt auch die geplante Bepreisung von CO2-Emissionen inflationstreibend. Diese strukturellen Faktoren lassen uns zum Schluss kommen, dass wir uns an einem Wendepunkt befinden.

Die Goldmenge kann nicht beliebig erweitert werden, was Gold aus Sicht von Stöferle zum besten Schutz vor Kaufkraftverlust durch Inflation macht (Foto: Newmont Mining Corporation)
Der Kampf gegen den Klimawandel und der Ausbau der erneuerbaren Energien führen zu einer verstärkten Nachfrage nach bestimmten Rohstoffen, deren Preise längerfris­tig davon profitieren sollten, meint Stöferle (Foto: guenterguni – GettyImages.com)

G.O.L.D. spezial: Angenommen, Sie haben mit Ihrer Einschätzung recht. Welche Anlagemöglichkeiten bieten den besten Schutz vor einem Kaufkraftverlust?
Stöferle: Rohstoffe und Gold haben laut einer Studie, die wir im vorigen Herbst pub­liziert haben, das höchste Inflationsbeta. Das bedeutet die Rohstoff- und Goldpreise steigen im Vergleich zu anderen Anlageformen stärker an, wenn die Inflation steigt.
Aktien bieten zwar als reale Investments auch einen gewissen Schutz, aber der Zusammenhang zwischen hoher Inflation und hohen Aktienkursen ist nicht so eindeutig. Das hängt zum Beispiel vom Inflationsniveau ab. Sobald die Teuerungsrate eine sogenannte „Wohlfühlzone“ von drei bis dreieinhalb Prozent übersteigt, verspüren einige Sektoren, die Preissteigerungen nicht zur Gänze an ihre Kunden weitergeben können, auf dem Aktienmarkt Gegenwind.
G.O.L.D. spezial: Bei einigen Rohstoffen konnte man in den vergangenen Monaten bereits einen signifikanten Preisanstieg beobachten.
Stöferle: Ja, einige Sektoren sind bereits ein bisschen heißgelaufen. Aber langfristig gibt es Rohstoffe, die vom Kampf gegen den Klimawandel profitieren werden. Dazu zählen etwa Kupfer für die Elektrifizierung oder Nickel. Sehr spannend ist auch Silber, weil es sowohl für Anlagezwecke als auch für Anwendungen in der Industrie stark nachgefragt wird. Während wir in Bezug auf Gold optimistisch sind, sehen wir Silber sogar noch etwas positiver. Auch der Ölpreis hat Potenzial, weil viele der „Öl-Majors“ ihre Investitionen in die Exploration neuer Ölfelder massiv gekürzt haben. Das wird sich früher oder später in fallenden Ölförderungmengen bei gleichzeitig nach wie vor steigender Nachfrage ­– vor allem aus den Schwellenländern – manifestieren. Aus unserer Sicht verdichten sich die Anzeichen, dass der gesamte Bereich der inflationssensitiven Vermögenswerte am Anfang eines ausgeprägten Bullenmarktes, ähnlich jenem der 1970er-Jahre, stehen könnte. In unserem Inflation-Diversifier-Fonds investieren wir daher in einen diversifizierten Korb mit Gold- und Silberaktien, in Energietitel, in Rohstoffindizes, aber auch in Rohstoffwährungen, wie etwa den Australischen oder Kanadischen Doller.
G.O.L.D. spezial: Sie konmen in Ihrem aktuel­len Report auch zum Schluss, dass „Krypto­währungen physisches Gold als Wertanlage nicht ablösen werden“. Warum investieren Sie in zwei Ihrer Fonds dennoch in Gold und Krypto-Assets wie Bitcoin?
Stöferle: Es sind für uns beides Investments, deren Menge nicht beliebig inflationiert werden kann. Bei Gold etwa steigt die weltweit verfügbare Menge im Durchschnitt nur um 1,6 Prozent pro Jahr– sehr konstant, sehr gut prognostizierbar. Bei Bitcoin ist der Track Record natürlich nicht 5.000 Jahre lang. Aber Bitcoin hat viele Eigenschaften, die Gold nachgeahmt sind, wie etwa der geringe Zuwachs an neuen Coins im Vergleich zum Bestand und die Limitierung der Bitcoins, die maximal geschürft werden können. Natürlich ist die Volatilität der Bitcoin-Kurse viel höher als bei Gold, weil auch der Markt ein viel kleinerer ist. Alle Bitcoins zusammen haben einen Wert von aktuell rund 700 Milliarden US-Dollar. Der Goldmarkt ist zirka 15-mal so groß. Aber in Kombination machen beide Investments in Zeiten aggressiver Geld- und Fiskalpolitik als nicht beliebig inflationierbare Wertanlagen durchaus Sinn. Außerdem sind die Diversifikationseigenschaften vorteilhaft, weil die Gold- und Bitcoin-Preise kaum korrelieren.
G.O.L.D. spezial: Was ist, wenn die Zinsen doch steigen sollten? Verliert Gold dann seinen Glanz für Anleger?
Stöferle: Wir erwarten auf Sicht der kommenden Jahre keine signifikant positiven realen Zinsen. Sollten wir jemals wieder eine reale Verzinsung von drei, vier Prozent erleben, dann kann man sich von Gold als Investment verabschieden. Aber das geht sich aus heutiger Sicht einfach nicht aus.

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