„Aktuell gibt es keine Anlage­klasse, die nicht extrem überteuert ist!“

So lange die Notenbanken die Märkte mit Geld fluten und die Zinsen niedrig sind, ist es laut Christoph von Bonin, Geschäftsführer und Chief Investment Officer der LLB Invest, ratsam, weiterhin in Aktien zu investieren.

(Foto: Pepo Schuster, austrofocus.at)

GEWINN: Trotz der grassierenden Pandemie sind die meisten Experten recht zuversichtlich für die Aktienmärkte 2021. Ist dieser Optimismus aus Ihrer Sicht begründet?

Von Bonin: Grundsätzlich ja. Der Markt schaut ja bekanntermaßen über das sprichwörtliche „Tal der Tränen“ hinaus. Erstens ist zu erwarten, dass die Pandemie durch Impfungen, und wenn die Leute bei wärmeren Temperaturen wieder mehr Zeit draußen verbringen, gebremst wird. Hier erwarten wir einen starken wirtschaftlichen Nachholeffekt. Und vor allem werden die Notenbanken nicht den gleichen Fehler beispielsweise wie nach der Finanzkrise machen und sollten relativ lange diese ultralockere Politik beibehalten. Und so lange das gegeben ist, ist es durchaus opportun, Aktien zu kaufen, weil sie inzwischen nahezu alternativlos sind.

GEWINN: Aktien kann man somit trotz der hohen Bewertungen kaufen?

Von Bonin: Ja, die Bewertungen sind exorbitant hoch. Aber aktuell gibt es keine Anlageklasse, die im historischen Vergleich nicht extrem überteuert ist. Wieso sollten Aktien hier ausgenommen sein? Angesichts des niedrigen Zinsniveaus ist es durchaus fair, dass Aktien auch längerfristig grundsätzlich teurer bewertet sein können, als es historisch der Fall war. Früher wurde im Durchschnitt ein niedriges zweistelliges Kurs-Gewinn-Verhältnis als attraktiv angesehen. Ich glaube, davon werden wir uns mittelfristig oder zumindest für einen langen Zeitraum einmal verabschieden müssen.

GEWINN: Was könnte möglicherweise die gute Stimmung an den Märkten dämpfen?

Von Bonin: Wenn einer dieser genannten Punkte nicht eintritt, wenn etwa das Wirtschaftswachstum nicht so rasch zurückkommt, wie es in den Kursen eingepreist ist, oder die Notenbanken einen Fehler machen und zu früh auf die Bremse steigen, dann kann es natürlich entsprechende Korrekturen geben. Und es wird zwischenzeitlich auch Korrekturen geben, die allerdings aus heutiger Sicht eher Kaufgelegenheiten darstellen, als dass sie einen Anleger wirklich nervös machen sollten.

GEWINN: Manche Branchen bzw. Unternehmen, die aktuell vergleichsweise güns­tig bewertet sind, hatten ja auch schon vor der Krise Probleme. Besteht hier die Gefahr, dass die auch in einem Post-Corona-Wirtschaftsaufschwung günstig bleiben?

Von Bonin: Das ist durchaus möglich, wenn man zum Beispiel an den Energie- bzw. Ölsektor denkt. Hier stellt sich die Frage, wie viel Wachstum angesichts der starken Tendenz in Richtung Nachhaltigkeit und Klimaschutz noch möglich ist. Wobei große Unternehmen wie Royal Dutch oder Total diese Entwicklung ja sehen und viel in erneuerbare Energiequellen investieren.

GEWINN: Und wie sieht es bei den stark in Mitleidenschaft gezogenen Unternehmen im Bereich Tourismus, Flugverkehr etc. aus?

Von Bonin: Hier wird sich erst zeigen, ob die Pandemie unser Verhalten nachhaltig verändert. Das kann ich Ihnen nicht beantworten. Wird etwa die Luxusschifffahrt nach der Pandemie weiter so wachsen, wie sie davor gewachsen ist? Das ist, glaube ich, eine Frage, die wird man erst in ein, zwei Jahren wirklich beantworten können. Was sich sicherlich ändert, ist das Arbeitsleben. Ich glaube etwa, das Home-Office wird bleiben.

GEWINN: Setzen Sie bei Kundenvermögensverwaltung  eher auf aktiv gemanagte Fonds oder auf ETFs oder beides?

Von Bonin: Unterschiedlich. Es gibt Märkte, wo man durch aktives Management kaum Mehrwert erzielen kann. So wird es relativ schwierig, einen Fondsmanager zu finden, der längerfristig den breiten US-Aktienmarkt gemessen am S&P-500-Aktienindex schlagen kann. Hier setzen wir bewusst auf kostengünstige ETFs. Andere Märkte, wie gerade im Bereich Emerging Markets, oder wenn es von der Asset-Klasse her etwas spezieller wird, wie etwa bei Wandelanleihen, da tendieren wir dann schon auch dazu, auf aktive Manager zurückzugreifen.

GEWINN: Angesichts der gigantischen Corona-Hilfsprogramme werden die Warnungen vor einer Überschuldung der Staaten und einer damit verbundenen Einschränkung der fiskalischen und geldpolitischen Möglichkeiten in Zukunft immer lauter. Ist diese Kritik aus Ihrer Sicht berechtigt?

Von Bonin: Das ist eine fast schon philosophische Frage. Theoretisch können Notenbanken wie die Fed oder die EZB ewig Geld drucken. Es stellt sich dabei allerdings die Frage, wie viel dieses Geld am Ende des Tages dann noch wert ist. Das Vorgehen der Notenbanken und Staaten ist in der aktuellen Situation meiner Meinung nach richtig und sollte auch fortgesetzt werden, so lange die Wirtschaft auf relativ fragilen Beinen steht. Nichtsdestotrotz, wenn sich die Situation bereinigt hat und die Wirtschaft auch wieder läuft, dann muss man die Staatshaushalte konsolidieren und den Verschuldungsgrad wieder senken. Leider ist halt der bisherige Track Record unserer Politiker dahingehend eher bescheiden.

GEWINN: Mit der Geldflut geht auch ein gewisser Vertrauensverlust in das bisherige Geldsystem und die Befürchtung einer irgendwann auch einsetzenden Inflation einher. Viele Anleger antworten darauf mit dem Kauf von Gold und Bitcoin. Was halten Sie von dieser Antwort?

Von Bonin: Gold sehe ich weniger als Absicherung gegen Inflation, sondern eher als Risiko-Diversifikation. Und da die Zinsen so niedrig sind, sind auch die Opportunitätskosten für Gold, das ja bekanntermaßen keine Zinsen oder Ertrag liefert, sehr gering. Daher macht es durchaus Sinn, Gold – wenn möglich in physischer Form – in einem gewissen Maße in seinem Portfolio zu haben. Wir sprechen da von drei bis fünf Prozent des liquiden Vermögens. Beim Thema Bitcoin als Geldanlage hingegen tue ich mich als Vermögensverwalter relativ schwer, muss ich zugeben. Diesbezüglich bin ich wohl eher noch etwas „Old School“, obwohl Bitcoin zum Teil ähnliche Charakteristika wie Gold aufweist. Zum Beispiel ist auch hier die verfügbare Menge begrenzt. Aber wenn man den Bitcoin-Kurschart bzw. den Markt betrachtet, zeigt dieser meiner Meinung nach alle Anzeichen einer Blase. Das heißt aber nicht, dass Bitcoin nicht auch auf  100.000 Dollar steigen kann. Die Volatilität ist jedenfalls enorm. Innerhalb von zwei Tagen steigt oder fällt der Kurs oft gleich einmal um 20, 25 Prozent. So etwas in einem diversifizierten Wertpapierdepot zu halten, ist meiner Meinung nach nicht wirklich opportun.

GEWINN: Bisher galten Staatsanleihen guter Bonität als Grundlage eines gut diversifizierten Portfolios. Sollte man sie auch bei negativen Renditen noch weiterhin im Depot behalten?

Von Bonin: Bei klassischen Staats- und Unternehmensanleihen hoher Bonität sind wir schon seit Jahren untergewichtet. Wenn man diese Anleihen bis zur Endfälligkeit hält, ist der Ertrag de facto negativ. Es ist auch nicht zu erwarten, dass ihre Kurse noch weiter steigen, weil einfach der Plafond irgendwann erreicht ist. Und man konnte auch am Anfang dieser Krise beobachten, dass die Diversifikation mittels dieser Anleihen nicht mehr funktioniert. Am Anfang der Krise haben sich auch Staatsanleihen negativ entwickelt. Wir sind daher der Meinung, dass sich die Wirkung als Diversifikator bei den Anleihen deutlich reduziert hat. Es gibt jedoch Anleihenklassen, die wir nach wie vor als attraktiv einstufen, wie z. B. Emerging-Markets-Anleihen. Aber wenn es darum geht, Diversifikation in ein Portfolio zu bringen, das heißt, eine Anlageklasse zu haben, die steigt, wenn alles andere fällt, da suchen wir mittlerweile tendenziell eher den Weg über alternative Anlagen, vor allem im Bereich der sogenannten Volatilitäts-strategien.

GEWINN: Was steckt dahinter?

Von Bonin: Wenn ein Markt korrigiert, steigt die Volatilität stark an. Und wir investieren in Strategien, die davon profitieren. Quasi als Versicherung gegen starke Markteinbrüche. Allerdings kostet das – wie bei einer normalen Versicherung – auch eine Art Versicherungsprämie, die man laufend einzahlen muss, um im Fall des Falles abgesichert zu sein.

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