Boom beim Online-Handel noch im Frühstadium

Trotz der gewaltigen Zuwächse macht Online-Shopping erst einen Bruchteil der gesamten Handelsumsätze aus. Unternehmen wie Amazon, FedEx und Co. haben ­daher noch viel Luft nach oben.

 

Foto: tombaky – Thinkstock.com

Diverse aktuelle Statistiken zum Thema E-Commerce zeigen vor allem eines: Es wird bei Weitem noch nicht so viel übers Internet verkauft, wie man vielleicht glaubt: In den USA kommt das Online-Shopping laut Red-Website-Design auf einen Anteil im Handel von nur acht Prozent; Großbritannien liegt mit 14 Prozent knapp oberhalb des deutschen Niveaus von 13 Prozent des gesamten Einzelhandelsvolumens. Aber: Die Zuwächse können sich sehen lassen. Sogar die Österreicher shoppten 2015 im Vergleich zum Vorjahr um 9,9 Prozent mehr online und kauften um zwei Milliarden Euro ein, so eine EHI-Studie Ende 2016. Am häufigsten drückten die Österreicher beim Versandriesen Amazon auf den Bestellknopf.

E-Commerce an der Börse

E-Commerce gilt als Boom-Thema – auch an den Börsen. Denn die Zahl der weltweiten E-Commerce-Nutzer lag 2015 bei rund 1,5 Milliarden und soll laut statista.de bis 2021 weltweit auf rund 2,3 Milliarden noch kräftig ansteigen. Red-Website-Design geht davon aus, dass der gesamte Umsatz im weltweiten E-Commerce bis zum Jahr 2020 auf 6,7 Billionen US-Dollar explodieren wird. Den meisten Umsatz erwarten Experten bei „Fashion“.
„Wir glauben, dass das Wachstum im E-Commerce die zyklische Konsumgüterindustrie vor allem in den Bereichen Lebensmittel, Getränke, Haushalts- und Körperpflegeprodukte umdefinieren wird. E-Commerce ist der größte Paradigmenwechsel seit Clarence Saunders 1916 den Selbstbedienungssupermarkt eingeführt hat“, sagt Mitch Collett, Europa-Sektor-Analyst bei Goldman Sachs.

Die Online-Retailer benötigen keine großen Lagerflächen nahe beim Endverbraucher, von einigen wenigen Verteilzentren aus können große Gebiete bedient werden. So stellt die Produktpalette der Onliner den stationären Handel in den Schatten. Körperpflege, Babyprodukte und Tierbedarf hätten zuletzt die stärkste Nachfrage gesehen, so Collett.

Bestes Beispiel für die schier endlose Produktauswahl ist der allgegenwärtige Versandriese Amazon: Anfang des Monats ging der Lieferdienst Amazon Fresh in Berlin und Potsdam an den Start. Rund 85.000 Produkte von der frischen Hühnerbrust über Erdbeeren bis zur Tiefkühlpizza bietet der US-Internet-Gigant bereits zum Start an – das Angebot ist damit fast zehnmal so groß wie in einem normalen Supermarkt. Der Lebensmittelhandel befürchtet, dass damit die letzte Bastion des traditionellen Handels gefallen ist.

Amazon: Noch im Frühstadium

Apropos Amazon (US0231351 067): Beim Blick auf die Kursentwicklung seit dem Börsengang 1997 wird einem fast schwindelig: Die Aktie hat um sagenhafte 56.800 Prozent zugelegt. Allerdings rauschte das Papier dazwischen immer wieder auch gehörig hinunter. Und nun, bei einem Kurs von mehr als 900 US-Dollar, kann man Amazon noch kaufen? Die Investmentanalysten des Börsendienstes Motley Fool meinen „Ja“ – mit Verweis darauf, dass „das langfristige Wachstumspotenzial von Amazon sich noch in einem relativ frühen Stadium befindet“. Zudem sei Amazon innovativ, das Management rund um CEO Jeff Bezos finde immer noch Möglichkeiten, um die Kosten zu senken. Der Konzern verfüge über viele Daten, die zur Cloud-Computing-Plattform AWS geführt hätten, von der sich Bezos künftig 100 Milliarden US-Dollar Umsatz jährlich erhofft. Diese Sparte stützt die Gewinnmargen.

Bei einem aktuellen Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 150 erfasst einen zwar ebenfalls ein Schwindelgefühl, die Experten von Motley Fool weisen jedoch darauf hin, dass das Unternehmen auf Kurs-Cashflow-Basis mit einem Wert von unter 30 gehandelt werde und damit deutlich günstiger sei, als es zunächst aussehe. Ähnlich dürften zahlreiche Researchhäuser denken, die US-Investmentbank Goldman Sachs etwa hat das Kursziel für Amazon auf 1.250 US-Dollar angehoben und die Aktien auf der Empfehlungsliste belassen, dahinter liegt das Analysehaus Jefferies mit nun 1.150 Dollar Kursziel und der Einstufung „Kauf“, auch die Schweizer Großbank UBS reiht sich mit einer Kaufempfehlung ein – Kursziel von 1.100 Dollar. Da ist noch Luft nach oben.

Online-Auktionshaus eBay

Während der stationäre Handel an Lösungen arbeitet, um mithalten zu können, z. B. indem Kooperationen mit Onlinern eingegangen werden, haben reine E-Commerce-Unternehmen noch alle Hände voll zu tun, wirklich profitabel zu werden, wie Michael-Kors-CEO John Idol vor einem Jahr bei einem Analysten-Conference-Call einräumte. eBay (US2786421030) scheint die Ausnahme zu sein, denn bekanntlich müssen ja alle Verkäufer auf der Plattform Gebühren zahlen.
Dennoch sind die meisten Analysten für die weltweit größte Internet-Tauschbörse und Handelsplattform „nur“ neutral eingestellt, Goldman Sachs ist mit einer „Buy“-Einstufung und dem höheren Kursziel von 39 US-Dollar derzeit ein Ausreißer.

Das chinesische Amazon

Zeit für einen Schwenk zum chinesischen Pendant zu Amazon: der Alibaba Group (US01609 W1027). Neben der Haupthandelsplattform Alibaba.com betreibt der Online-Riese weitere Online-Händler wie Taobao.com, Tmall.com, Aliexpress oder Alimama.com (Fokus auf Technik). Mit Alipay offeriert das Unternehmen außerdem ein eigenes Online-Bezahlsystem. 2014 vollzog der Konzern unter Gründer Jack Ma den größten Börsengang aller Zeiten. Der Kursverlauf bisher hat sich jedoch als recht volatil erwiesen. Alibaba sei ein beliebtes Vehikel westlicher Anleger, um am chinesischen Aufschwung zu partizipieren, stuft Stephan Heibel, Aktienexperte von „Heibel-Ti­cker“, die Aktie ein; die Bewertung sei jedoch bereits sehr hoch. Zudem sei der Wettbewerb innerhalb Chinas sehr hart.

Und schon wähnt man in China den nächsten Senkrechtstarter: den Gaming-Konzern Tencent (KYG875721634). In China haben erst rund 50 Prozent der Bewohner Internet. Das facebook Chinas hat eine ähnliche Funktion wie WhatsApp entwi­ckelt, und das mit einer Bezahlfunktion kombiniert.

Lukrative Doppelstrategie

Ein Unternehmen, das nicht auf den ersten Blick mit Online-Handel in Verbindung gebracht wird, ist die Mediengruppe ProSiebenSat.1 (DE000PSM7770). Unter dem Vorstandsvorsitzenden Thomas Ebeling werden Werbefernsehen und Internet-Shops sukzessive zusammengeführt. Mit den Fernsehsendern erreicht ProSiebenSat.1 täglich etwa 42 Millionen Zuschauer.

Die Hälfte des Konzernumsatzes entfällt auf Werbespots, drei Viertel des Gewinns werden so erzielt. 2016 fielen die Zuwächse äußerst erfreulich aus: +17 Prozent beim Konzernumsatz auf 3,8 Milliarden, zehn Prozent mehr Gewinn (513 Millionen Euro). Daneben verleibt sich die Senderkette so allerlei Online-Business ein: Parship und Elite-Partner, Verivox, Etraveli und weg.de etc. Die Strategie, gezielte Werbung sowohl im TV als auch in den Internet-Shops zu machen, dürfte gut aufgehen. Denn Ebeling erwartet auch heuer gute Zuwächse und der Bereich „Digital Commerce“ trage dem Vernehmen nach bereits ein Fünftel zum Konzerngeschäft bei.

Die Hardware

Doch E-Shops kommen nicht ohne Infrastruktur und Logistik, nicht ohne „Hardware“ aus. Eine Aktie, die profitieren könnte, ist die Schweizer Interroll Holding AG (CH0006372897). Die global tätige Unternehmensgruppe mit Sitz im Tessin beliefert Unternehmen der Flughafenlogistik, des Post-, Kurier- und Expressversands sowie Distributions-zentren mit Fördertechnik, Logistik und Automation.
Interroll betreut nach eigenen Angaben mehr als 23.000 Kunden über ein weltweites Netzwerk von über 30 Unternehmen und feierte 2016 den höchs­ten Bestellungseingang seiner Geschichte. Der Auftragswert stieg gegenüber 2015 um 5,2 Prozent auf 405,2 Millionen Franken, der Nettoumsatz legte um 11,3 Prozent auf 401,5 Millionen Franken zu, unter dem Strich blieb ein Reingewinn von 36,2 Millionen Franken – ein sattes Plus von 23,6 Prozent. Allerdings kann man den Titel mit nur etwa 930 Millionen Franken Marktkapitalisierung fast schon zu den Small Caps zählen. Die Aktie hatte bereits einen guten Lauf und zuletzt etwas korrigiert.

Verpackungen gefragt

Dann benötigen die Online-Händler natürlich auch Verpa­ckungen. Es setzt sich zusehends die Erkenntnis durch, dass sich mit ansprechender Verpackung als Eyecatcher und Visitenkar-
te gut punkten lässt. Der südafrikanische „Papier“-Konzern Mondi (ZAE000156550) setzt heute an die 75 Prozent mit Verpackungen um und möchte hier weiter wachsen.

Eine Alternative zu Mondi könnte der führende globale Hersteller von Verpackung, Papier und Zellstoff International Paper (US4601461035) sein. Der Umsatz war zwar vier Jahre in Folge rückläufig, die Trendwende könnte jedoch bevorstehen, denn Analysten geben dem Konzern mehrheitlich eine Kauf-, Outperform- oder Halten-Empfehlung.

Logistiker profitieren

Zugestellt müssen die Waren dann auch noch werden. Die dynamische Entwicklung des E-Commerce beflügelt nicht nur die Phantasie hinsichtlich Ausbau der Netze, neuer Verteilzentren oder der Erweiterung großer Drehkreuze – auch das Paketzustellungs- und insbesondere das Expressgeschäft birgt Chancen. Die Warenströme kennen sprichwörtlich keine Grenzen mehr.

Konzerne wie Post DHL (DE0005552004) oder FedEx (US31428X1063]) wittern daher Morgenluft. Seit 2009 fährt die Deutsche Post DHL ihre Zwei-Marken-Strategie. Neben der Paketsparte gehört das Expressgeschäft, befeuert durch den boomenden Online-Handel, zu den großen Wachstumstreibern und Gewinnbringern des gelben Riesen. Rund 250 Frachtmaschinen transportieren bei DHL rund 750.000 Sendungen pro Tag in alle Länder der Erde. Die Sparte Express ist mit 13,7 Milliarden Euro Umsatz (2015) zwar die kleinste, aber mit gut zehn Prozent Rendite der profitabelste Bereich. Das EBIT auf Konzernebene stieg 2016 gegenüber dem Vorjahr immerhin um 44,8 Prozent auf 3,5 Milliarden Euro. Dank verstärkter Investitionen sei der Konzern inzwischen in 21 europäischen Ländern vertreten und habe seine Position auch in den USA, Mexiko, Indien und Thailand ausgebaut, so Aktienanalys­ten der DZ Bank. Sie sehen die Aktie der Deutsche Post AG in einem langfristigen Aufwärtstrend.

Den Kuchen muss sich DHL aber mit anderen Giganten teilen, etwa der amerikanischen FedEx. Seit der Übernahme der niederländischen TNT macht sich Fed­Ex auch in Europa zunehmend zu schaffen. Allerdings kiefelt der US-Riese noch an der Integ­ration des TNT-Geschäfts, die mehr als erwartet verschlingt. Immer mehr Branchen wie Autozulieferung, Energie, Gesundheit und Pharmazie machen sich vom Expressversand abhängig. FedEx veröffentlicht regelmäßig den Fed­Ex-Bericht, im jüngsten heißt es, dass Unternehmen für schnelleren Lieferservice bereit sind, mehr zu zahlen: „Die Verschmelzung digitaler mit physischen Netzwerken bedeutet, dass die Welt noch stärker verbunden ist und noch mehr Exportmöglichkeiten bietet.“ Auch die Deutsche Post DHL brachte jüngst eine Studie heraus („Der Gewürzhandel des 21. Jahrhunderts“), darin wurde dem grenzüberschreitenden elektronischen Handel bis 2020 ein Plus von 25 Prozent jährlich auf rund eine Billion Dollar (939 Milliarden Euro) vorausgesagt.

Schlüsselfertige Online-Shops

Ein Geschäftsmodell, das auf die vielen kleinen Online-Shops abzielt, betreibt das deutsch-kanadische Unternehmen Shopify (CA82509L1076). Es bietet im Paket ein vollständiges E-Commerce-System, um einen Internet-Shop zu betreiben und die dafür nötigen Prozesse zu automatisieren – angefangen vom Website-Hosting und Frontend-Design bis hin zu der Bezahlabwicklung, zu den Schnittstellen für Drittanbieter-Software und einiges mehr. Der Kurs der Aktie hat sich auf Jahressicht an der NYSE jedoch fast verdreifacht – der Wert scheint derzeit daher ein wenig ausgereizt.

Wenige Dividenden-Papiere

Die wenigsten E-Commerce-Unternehmen zahlen Dividenden. Sie sind wachstums- und daher investitionsgetrieben. Sogar die ganz Großen wie Amazon und eBay investieren überschüssiges Geld in Wachstumsprojekte. Eine Ausnahme stellt das 1999 gegründete multinationale Unternehmen MercadoLibre dar, mit Sitz in Argentinien und einer Börsennotiz an der NASDAQ (US58733R1023). Es konzentriert sich auf das Betreiben von Auktions- und Kleinanzeigenportalen nach Vorbild von eBay, mit dem es seit 2001 offiziell kooperiert. Daneben betreibt der Konzern die Micropayment-Plattform MercadoPago, analog zu PayPal. Und betreibt Versand- und Order-Logis­tik selbst.

Jedenfalls nimmt MercadoLibre in Lateinamerika mit einer Online-Präsenz in 19 Ländern und Marktführerschaft in zehn Ländern Mittel- und Südamerikas eine monopolartige Stellung ein. Und ist innovativ, so wurde vor Kurzem mit Bezahleinträgen für Dritte auf den eigenen Ergebnisseiten begonnen. Auch schüttet man bereits seit Jahren eine Dividende aus – allerdings nimmt sich die Dividendenrendite von rund 0,3 Prozent minimal aus. Was der Aktie Phantasie verleiht, ist die Tatsache, dass Online-Umsätze in Lateinamerika erst rund drei Prozent Anteil am Einzelhandel stellen. Kaufen sollte man allerdings erst nach einer Kurskorrektur. Nach einer Rally seit Jahresbeginn schnellte das Papier neuerlich, nachdem der Erstquartalsgewinn die Analystenprognosen übertroffen hatte, in die Höhe.

Kaum geeignete Themenfonds

Obwohl das E-Commerce-Thema „heiß“ ist, gibt es nicht viele darauf spezialisierte Fonds oder Zertifikate. Viele von GEWINN befragte Vermögensverwalter ­haben zu diesem „äußerst spezialisierten Segment“ keine eigene Meinung. Ein einziger Investmentfonds, der noch dazu in Österreich nicht zum Vertrieb zugelassen ist, diversifiziert ausschließlich innerhalb dieser Branche – es ist der „global online retail“ (DE000A14N9A9) der deutschen Kapitalanlagegesellschaft Hansainvest. Der Fonds ist aufgrund seiner extremen Fokussierung als Beimischung für risikofreudige Investoren gedacht, zumal die Fremdwährungsquote bis zu 100 Prozent ausmachen kann. Von der Julius Bär Bank gibt es ein Tracker-Zertifikat in einer Dollar- und Franken-Tranche (CH03 40488 144 respektive CH0 3404 88151) mit jeweiliger Laufzeit von einem Jahr, basierend auf
dem Digital Commerce Basket der Bank. Dieser Korb enthält 15 Titel, die Anleger partizipieren zu 100 Prozent an deren Wert­entwicklung. Die Julius Bär bie-tet einen Sekundärmarkt für das Produkt, die Anleger müssen sich jedoch des Spread­risikos (Geld-Brief-Spanne) bewusst sein.

Wer einen breiteren Ansatz wünscht, könnte mit Fonds wie dem Fidelity Fund Global Technology (LU0099574567), dem Henderson Horizon Global Technology Fund (LU0572952280) oder dem Robeco Global Consumer Trends Equity Fund (LU0187079347) gut bedient sein.

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