„Corona pusht die Digitalisierung!“

Der Generaldirektor von Siemens AG Österreich über die Folgen der Pandemie, die Maßnahmen der Regierung, die Auswirkung auf Lieferketten, über moderne und strategische Infrastruktur sowie Nearshoring.

„Es ist sinnlos, jetzt von Unternehmen Prognosen mit Wirtschaftsprüfertestat zu verlangen, die aus der jetzigen Prognosegenauigkeit nicht möglich sind.“ Wolfgang Hesoun, CEO, Siemens AG Österreich (Foto: Michael Hetzmannseder)

GEWINN: Wie geht es Siemens in Zeiten von Corona?
Hesoun: Alle unsere Werke arbeiten zu 100 Prozent, bei uns gibt es derzeit keine Stillstände. Es ist uns glücklicherweise gelungen, die Lieferketten aufrechterhalten zu können.

GEWINN: Muss Siemens durch den Shutdown Auftragsrückgänge verbuchen?
Hesoun: Wir spüren derzeit einen Rückgang im Bereich der Indust­­rie. Unsere Kunden in der Indust­rieautomatisierung und -digitalisierung stehen oft in einer direkten Abhängigkeit von großen Auftraggebern der deutschen Auto- und Maschinenbauindust­rie. Dort ist das Absatzproblem evident. Das spüren wir in der Kette. Wir produzieren die dafür benötigten Elektronikteile in unserem Werk in Wien derzeit in vollem Ausmaß. Anhand der rückgängigen Auftragseingänge rechnen wir damit, dass es in den nächsten Wochen oder Monaten zu Veränderungen im Volumen kommen wird. Wir rechnen derzeit mit rund zehn Prozent weniger.

GEWINN: Gibt es Bereiche, die derzeit nicht betroffen sind?
Hesoun: Ja, der Mobilitätsbereich mit öffentlichen Kunden wie den ÖBB oder den Wiener Linien. Die Auftragsbestände sind groß, hier ist ein möglicher Problembereich die Zulieferindustrie.

GEWINN: Inwiefern?
Hesoun: Es kann sein, dass uns in der Supp­ly-Chain, also im Einkauf, das eine oder andere nicht mehr zur Verfügung steht. Hier standen wir kurz vor ernsthaften Prob­lemen. Durch geschicktes Umlenken der Lieferketten von Italien nach Fernost ist es uns aber gelungen, Produktionsunterbrechungen zu vermeiden. In diesem Bereich haben wir kein Problem auf der Auftragsseite, vielmehr in der Lieferkette.

GEWINN: Wie sehen Sie generell die wirtschaftliche Lage?

Hesoun: Alles, was im weiteren Sinne mit der öffentlichen Hand zusammenhängt, ist derzeit nicht wirklich gefährdet. In anderen Bereichen ist es schwieriger. Im Tourismus, der Hotellerie, bei Privatinvestments, durchaus auch in die Baubranche reichend, werden wir in nächster Zeit Rückgänge erleben. Hoteliers, die nicht aufsperren, werden geplante Investitionen nicht durchführen. Für die Haustechniklieferanten und Baufirmen heißt das, die Aufträge werden nicht kommen. Ich denke daher, dass es gerade jetzt wichtig ist dafür zu sorgen, dass die Regierung dort, wo sie Einfluss nehmen kann – in Gemeinden, in den Ländern, bei den im öffentlichen Eigentum stehenden Unternehmen – die Auftraggeberposition auszuüben, um die Wirtschaft zu stimulieren. Das ist die einfachste und effizienteste Form der Unterstützung für Unternehmen. Bekommen sie Aufträge, haben sie die Möglichkeit, Geld zu verdienen, Mitarbeiter und Lieferanten zu beschäftigen – also die Kette aufrechtzuerhalten.

GEWINN: Wie war die Reaktion seitens der Politik?
Hesoun: In den Gesprächen, die ich mit Regierungsmitgliedern geführt habe, schien mir das Verständnis sehr gegeben. Auch die letzten Pressekonferenzen im Bereich der öffentlichen Hand, in den Ländern, auf Gemeindeebene und vor allem im Bund haben gezeigt, dass man einer möglichen Negativspirale versucht gegenzusteuern. Das kann gerade für viele kleine Unternehmen in den Bundesländern entsprechende Unterstützung substituieren und wird sicher beitragen, die Erholung aus der Krise vernünftiger zu gestalten. Was aber problematisch ist, ist das Thema Energieerzeugung.

GEWINN: Wieso?
Hesoun: Durch den geringeren Bedarf an elektrischer Energie durch die geringere Produktion in den letzten Monaten werden sicher viele Businesspläne für Inves­titionen im Bereich Energieerzeugung hinterfragt oder zumindest verzögert. Gut läuft derzeit der Bereich der Modernisierung, der die elektrische Infrastruktur belangt – Stichwort Smart City. Das sind Investitionen, die sich direkt in der Reduktion von Aufwand, Betriebskosten etc. darstellen und sich rasch rechnen. Dort erwarte ich mir geringere Rückgänge.

GEWINN: Gibt es Kurzarbeit?
Hesoun: Bisher haben wir keine Kurzarbeit in den Werken. Es zeichnet sich derzeit auch nicht ab.

GEWINN: Welche weitere Konjunkturentwicklung erwarten Sie – Stichworte U-, V-, W- oder L-Fortgang?
Hesoun: Ich habe die Finanzkrise damals, im Übergang von Porr zu Siemens, live erlebt. Damals war es eher ein V mit Nachpendlern. Jetzt ist die Krise breiter, daher fürchte ich, dass es, je nach Branche, eine längerdauernde Einsenkung geben wird, wodurch sich das V in ein U verwandeln wird. Immer vorausgesetzt, dass es nicht zu einer zweiten Welle kommt, die dann eine unendliche Anzahl an Insolvenzen nicht nur in Österreich, sondern auf der ganzen Welt mit sich bringen wird.

GEWINN: Wie sehen Sie die bisherige Vorgangsweise der Regierung?
Hesoun: Ich bin persönlich überzeugt, dass die Vorgangsweise der Regierung am Anfang, nicht nur alternativlos, sondern auch gut war. Jetzt kann man rückblickend gesehen das eine oder andere kritisieren, aber das tue ich nicht, weil ich auch keine besseren Ideen hatte. Jetzt gilt es aufzupassen, dass die Stimmung nicht kippt, weil sich viele der richtigerweise und zeitgerecht angekündigten Maßnahmen – Exportförderung, Behaftungen von Krediten und Ähnliches – durch bürokratische und regulative Hindernisse verzögern. Und wenn es tatsächlich so sein sollte, was ich von vielen höre, dass die Banken – und Andreas Treichl hat es ja in aller Öffentlichkeit zugegeben – immer noch nicht differenzieren zwischen Eigenrisiko und Abwicklung von Drittrisiko, zumindest von den 100 Prozent behafteten, oder aber, dass sich der Wille des Vorstands bis zur Sachbearbeiterebene nicht durchgesetzt hat, dann ist das schlecht – für die betroffenen Unternehmen und für die Politik.

GEWINN: Worauf hätten Sie bei den Unterstützungsmaßnahmen Wert gelegt?
Hesoun: Mein Vorschlag war, man sollte eher großzügiger und dadurch schneller in der Zuteilung sein und dafür die begleitende und abschließende Kontrolle forcieren. Die Hilfe wäre dadurch rasch angekommen, während sie läuft, habe ich Zeit, Missbrauch zu entdecken und streng zu sanktionieren. Ich bin der Letzte, der sagt, man soll alles herschenken, aber es ist sinnlos, jetzt z. B. von Unternehmen Prognosen mit Wirtschaftsprüfertestat zu verlangen, weil derzeit niemand die Zukunft voraussehen kann. Und daraus dann abzuleiten, man kann Kreditlinien nicht verlängern und und und – das führt zum Gegenteil dessen, was man eigentlich will, nämlich so viele Leute wie möglich im Job zu halten.

GEWINN: Ihr Vorschlag?
Hesoun: Zuerst die Liquidität in den Unternehmen sichern. Der nächste notwendige Schritt ist, eine Equity-Strategie zu entwickeln, mit Haftungen und anderen Maßnahmen, um das Eigenkapital der Unternehmen zu stärken. Da hört und sieht man in der Politik Verständnis und Bereitschaft, aber das muss auch stattfinden, sonst verpufft stimmungsmäßig ganz viel. Wenn sich die Stimmung verschlechtert, finden keine Investitionen statt, und das trifft uns alle wieder am Ende der Kette.

GEWINN: Abseits von Corona, welche großen Themen kommen in diesem Jahrzehnt auf uns zu?
Hesoun: Durch Corona wird es einen Push in Richtung Digitalisierung, den Treiber für das Jahrzehnt, geben. Das wäre sowieso gekommen. Durch den sich immer stärker aufbauenden Druck, sich in Europa gegen Amerika und Asien durchzusetzen, wird dies nun weiter beschleunigt. Wenn wir das Tal der Corona-Krise durchtaucht haben, wird es in Europa zu einer massiv beschleunigten Investitionstätigkeit kommen, weil es die Möglichkeit bietet, kosteneffizienter und leistungssteigernd zu produzieren und zu vertreiben. Damit meine ich nicht Digitalisierung à la Google, Amazon & Co., sondern die Digitalisierung der Produktionsabläufe, der Logistik etc. All das, wodurch man in Europa als Indust­riestandort schon bisher erfolgreich war. Wir haben auf unseren Kontinent nicht den Hebel, über Billiglöhne die Produktivität zu steigern. Wir müssen es über Effizienzsteigerung tun, da bietet sich Digitalisierung in jeder Form an. 

GEWINN: Wie weit ist Österreich hier?
Hesoun: Wenn es einen Testmarkt für viele Digitalisierungsthemen gibt, dann ist es Österreich. Die Marktdurchdringung ist sehr gut. Unsere Kunden kennen, vertrauen uns und sind bereit, gemeinsam mit uns Piloten etc. zu entwickeln, um zu sehen, ob es sich lohnt, in prozessorientierte Lösungen zu investieren. Dieses Domain-Know-how, wo man ganz tief drinnen in den Primärprozessen der Kunden optimiert, ist jener Bereich, in dem die österreichische und europäische Industrie einen echten Vorteil für sich verbuchen kann, auch in Zukunft. Das geht quer durch alle Industrien, von der Auto-, Maschinenbauindustrie, in unsere Hauptkunden im Bereich der Städte und Gebäude, in der produzierenden Indust­rie, aber auch in der Erdölindustrie, im Gesundheitsbereich, wo durch Künstliche Intelligenz & Co. ein Quantensprung in der Diagnostik entstanden ist, bis hin in Produktionen, in denen sich Roboter selbständig ihren optimalen Weg für ihre Abläufe organisieren – was es schon heute gibt, aber künftig fast zwingend notwendig werden wird, um konkurrenzfähig zu bleiben. Am Ende des Tages geht damit eine Verbesserung der Ergebnis­situation, eine Absicherung des Standortes und damit verbunden der Arbeitsplätze der Mitarbeiter einher. Das ist Österreichs und Europas Stärke.

GEWINN: Dazu benötigen Sie selbst viel Flexibilität.
Hesoun: Wir zwängen niemanden in unser System, sondern passen uns den Kunden an und nicht umgekehrt. Wir haben mit MindSphere ein offenes Internet-of-Things-Betriebssystem geschaffen, das individuell für jeden einzelnen Kunden anzupassen ist. Damit sind neue Möglichkeiten verbunden. Oder Stichwort 3D-Druck, damit kann man Strukturen im Schichtverfahren konstruieren, die früher nicht möglich waren. Auch können wir vieles vorweg realitätsnah digital simulieren. Es gibt unzählige Fälle der Optimierung und zahlreiche Anwendungsfälle. All das setzt aber voraus, dass man eine tiefe Kenntnis über die physischen Prozesse, Systeme und Maschinen der Kunden hat.

GEWINN: Dazu benötigt man eine funktionierende digitale Infrastruktur als Basis.
Hesoun: Straße, Schiene, Energieversorgung, Datenversorgung – man braucht die gesamte Kette der Infrastruktur. Die Datenverbindungen müssen künftig auf einem Niveau funktionieren, die sich vom jetzigen unterscheiden. Viele Zulieferindustriebetriebe sind historisch nicht in gut erschlossenen Zentren entstanden, die benötigen jetzt die Anbindung an leist­ungsstarke Netze, um Teil des Sys­tems, und wettbewerbsfähig zu bleiben. Einige Bundesländer investieren daher schon massiv, etwa Niederösterreich in Lichtleitersysteme.

GEWINN: Dadurch können aber auch Chancen entstehen, Stichwort Nearshoring, die Heimholung von ausgelagerten Produktionen aus Fernost.
Hesoun: Keiner importiert gern über 3.000 Kilometer, wenn es nicht Vorteile bringt. Wenn ich das wieder reinholen will, müssen die Kosten und Qualität auf vergleichbarem Niveau möglich werden. Dafür sind moderne Infrastruktur und Digitalisierung Enabler. Und um eines klarzustellen: Bei der Digitalisierung steht beim Produktionsprozess nicht die Reduktion der Mitarbeiter im Vordergrund, sondern die Produktionssteigerung durch höhere Effizienz.

GEWINN: Was halten Sie vom Gesetzesentwurf zur geplanten Standortsicherheit, der den Ausverkauf strategischer Infrastrukturunternehmen erschweren bis unmöglich machen soll?
Hesoun: Ich kann den Aspekt des Verhinderns, dass strategische Infrastruktur nicht mehr aus dem Land gesteuert werden kann, absolut verstehen und halte es auch für notwendig, vor allem, solange es nicht möglich ist, unter vergleichbaren Umständen in anderen Ländern zu agieren. Die Marktzugänge in den USA und Asien auf der einen und Europa auf der anderen Seite sind gänzlich unterschiedlich. Während man in Asien mit Marktzugangsrestriktionen konfrontiert ist, wird erwartet, dass Europa alles von außen zulässt und noch freudig erregt dreinschaut. Durch solche Maßnahmen eine Form der Reziprozität im Marktzugang zu erzwingen scheint mir durchaus in Ordnung. Dabei stellt sich die Frage, wie passt dieser Gedanke zu unserem inner­europäischen Ansatz des Wettbewerbs – das ist ein offenes Thema. Aber im Außenverhältnis sollte man einen gewissen Schutz, den die Staaten organisieren, ermöglichen. Und zwar bei definierten strategischen Infrastrukturunternehmen. Meines Erachtens sollte der Gesetzestext so präzise wie möglich formuliert werden, damit es zu keiner Diskussion in Richtung Enteignung und anderer Schlagworte kommt. 

Die Siemens AG Österreich setzt mit rund 4.800 Mitarbeitern 1,8 Milliarden Euro um, Siemens insgesamt rund 3,5 Milliarden Euro mit 11.000 Mitarbeitern in Österreich. Je zwei Werke stehen in Linz und Wien, je eines in Graz und in Weiz. Im abgelaufenen Geschäftsjahr betrug alleine das Fremdeinkaufsvolumen von Siemens Österreich bei rund 10.400 Lieferanten, davon etwa 6.500 aus Österreich, rund 1,2 Milliarden Euro.

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