"Der Welthandel schrumpft 2019 um 0,8 bis 0,9 Prozent!“

Aus Sicht von Declan Daly und Grzegorz Sielewicz von Coface sollte sich die Weltwirtschaft auch 2020 weiter einbremsen. Ebenso geht in Zentral- und Osteuropa das Wachstum leicht zurück – bleibt aber auf hohem Niveau.

Declan Daly, Leiter für Mittel- und Osteuropa bei Coface (Foto: Michael Hetzmannseder)

Declan Daly, Leiter für Mittel- und Osteuropa bei Coface, präsentierte GEWINN-Redakteur Martin Maier im Wiener Büro des Kreditversicherers Coface seinen Wirtschaftsausblick für 2020. Live per Videokonferenz aus Warschau zugeschaltet war sein Kollege, der polnische Ökonom Grzegorz Sielewicz.

GEWINN: Wir haben im laufenden Jahr eine deutliche Abkühlung der globalen Konjunktur gesehen. Setzt sich das auch 2020 so fort?

Daly: Ja, wir werden auch im nächsten Jahr eine weitere Verlangsamung des Wirtschaftswachstums sehen. Am wahrscheinlichsten ist eine Art „Zwischenszenario“, wie wir es 2001, 2002 nach dem Platzen der Internet-Blase hatten: ein Überschwappen der Rezession in der Industrie auf den Dienstleistungssektor und damit eine signifikante konjunkturelle Eintrübung der Gesamtwirtschaft.

GEWINN: Als Kreditversicherer schaut Coface ja vor allem auch auf den globalen Handel. Wie sieht hier die Entwicklung aus?

Daly: Wir sehen auch hier in vielen Bereichen eine deutliche Abschwächung. Der Welthandel verzeichnete im vergangenen Jahr ein Wachstum von rund drei Prozent. Dieses Jahr schrumpft das Welthandelsvolumen um 0,8 bis 0,9 Prozent. Und wir erwarten auch für das nächste Jahr einen Rückgang des Welthandels.

GEWINN: Worin liegen die Ursachen für diese Entwicklung?

Daly: Einer der wichtigsten Faktoren ist das geopolitische Risiko. Unser diesbezüglicher Indikator befindet sich auf einem Rekordhoch. Dies ist auch keine große Überraschung, mit allen anhaltenden Problemen wie dem Brexit, dem Handelskonflikt zwischen den USA und China sowie zuletzt der Währungskrise in Argentinien. Wir sehen Demonstrationen in Russland sowie in Hong Kong und Chile. Dies wird Auswirkungen auf die Stimmung der Anleger und der Wirtschaft haben. Die einzige gute Nachricht ist, dass die Zentralbanken der Vereinigten Staaten, der Euro-Zone und vieler Schwellenländer auf die Lage mit der Ankündigung von geldpolitischen Lockerungsmaßnahmen reagieren.

GEWINN: Sie haben unlängst eine Studie über die Wirtschaft in Zentral- und Osteuropa veröffentlicht. Wie entwickelt sich die Wirtschaft in dieser für Österreich so wichtigen Region?

Daly: In Mittel- und Osteuropa wurde 2017 und im vergangenen Jahr ein BIP-Wachstum von rund 4,6 beziehungsweise 4,3 Prozent verzeichnet– die höchsten Werte seit 2008. Diese Beschleunigung der Wirtschaft ist vor allem auf die gestiegene Inlandsnachfrage zurückzuführen, insbesondere auf den deutlichen Rückgang der Arbeitslosigkeit, von der die Haushalte profitierten. Gleichzeitig wirkte sich auch der starke Lohnanstieg direkt auf den Konsum aus. Neben dem privaten Konsum wurde das Wachstum durch einen Anstieg der öffentlichen und privaten Investitionen gestützt.

GEWINN: Aber auch hier sollte die wirtschaftliche Entwicklung zurückgehen, oder?

Sielewicz: Ja, das durchschnittliche Wirtschaftswachstum in der CEE-Re­gion wird sich in diesem Jahr auf rund 3,6 Prozent und im nächsten Jahr auf 3,2 Prozent verlangsamen. Denn viele dieser Länder, wie etwa Polen oder die Tschechische Republik, exportieren über 50 Prozent ihrer Produkte in die Euro-Zone. Noch dazu geht der Automobilabsatz in der EU und in China zurück. Und einige Länder in dieser Region sind stark von der Autoindustrie abhängig, wie etwa die Slowakei und die Tschechische Republik. Aber trotz all dieser Probleme ist die Wirtschaft in der CEE-Region mit einem Wachstum von über drei Prozent dennoch sehr robust – zumindest auf gesamtwirtschaftlicher Ebene. Auf Ebene der Unternehmen ist die Lage nicht ganz so rosig.

GEWINN: Warum?

Sielewicz: Insbesondere sehen wir – ähnlich wie in Österreich – in vielen Regionen einen großen Arbeitskräftemangel. Dies führt zu erhöhten Lohnkosten für die Unternehmen, was wiederum die Margen drückt. Häufig ist damit der einschränkende Faktor für Wachstum nicht die Nachfrage, sondern die Angebotsseite. Außerdem leiden viele Unternehmen unter einer Erhöhung der allgemeinen Faktorkosten, wie etwa bei den Rohstoff- und Ölpreisen. Und zu guter Letzt nimmt der Wettbewerb in vielen Branchen, wie etwa im Einzelhandel, kräftig zu. So überlegt beispielsweise der Handelsriese Tesco sich aus den CEE-Märkten zurückzuziehen.

GEWINN: Laut Ihrer Studie hat das auch schon Auswirkungen auf die Finanzlage vieler Unternehmen in dieser Region?

Sielewicz: Ja, unsere Untersuchungen zeigen eine zunehmende Zahlungsverzögerung. Zum Beispiel ist die Zahlungsdauer jetzt dreimal länger wie vor einem Jahr. So betrug ewa der durchschnittliche Zahlungsverzug im Einzelhandel in Polen letztes Jahr 15, aktuell sind es 44 Tage.

GEWINN: Wie schätzen Sie die Risken von Unternehmenspleiten global ein?

Daly: Die Zahl der Insolvenzen ist im Allgemeinen sogar leicht rückläufig. Wenn man jedoch in den verschiedenen Sektoren tiefer gräbt, findet man einige Bereiche, in denen sich eine Verschlechterung abzeichnet. Wie etwa in der Automobilbranche. Dieser Sektor ist acht Jahre in Folge gewachsen, das ist jetzt vorbei. Der Markt hat sich verändert. Zum einen gibt es diese Verzögerung bei der Anpassung an neue Abgasnormen. Und langfristig sehen wir ein verändertes Verbraucherverhalten, bei dem die Leute mehr auf Elektroautos umstellen und die Bedeutung von Car-Sharing zunimmt. Insgesamt muss der Automobilsektor seine Strategien auf globaler Ebene überdenken.

GEWINN: Ziehen Sie bei Ihrer Einschätzung auch den Klimawandel in Betracht?

Daly: Langfristig stehen die Auswirkungen des Klimawandels und des geänderten Bewusstseins außer Frage. Aber die Frage ist, wie schnell sich die Dinge verändern. Ob es uns gefällt oder nicht, die globale Energieerzeugung wird wahrscheinlich noch einige Zeit von fossilen Brennstoffen abhängig sein. Den Unternehmen muss nur bewusst sein, dass sie sich langfristig nach Alternativen umsehen müssen.

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