„Die Gewinner von morgen sind virtuell.“

Zahlreiche GEWINN-Abonnenten nutzten Ende Juni die exklusive Gelegenheit, Hendrik Leber live zu erleben, wo der Investmentexperte über die spannendsten Zukunftsthemen an den Börsen sprach. Die wichtigsten Punkte fasst er im Interview mit GEWINN zusammen.

(Fotos: Pepo Schuster, austrofocus.at)

GEWINN: Die Aktienmärkte haben sich nach dem Crash im Februar bzw. März vorigen Jahres sehr rasch wieder erholt und konnten darüber hinaus noch überraschend stark zulegen. Sind die Börsen damit bereits zu heiß gelaufen?

Leber: Die Aktien sind im Moment sehr teuer. In den USA etwa sind börsennotierte Unternehmen in etwa dreimal so hoch wie im historischen Durchschnitt seit 1896 bewertet. Dafür gibt es zwei gute Gründe, das Zinsniveau und die Inflation. Wenn man lange zurückreichende Datenreihen auswertet, dann zeigt sich, dass Aktien immer dann die höchsten Bewertungen hatten, wenn die Inflationsrate zwischen null und drei Prozent lag. Wenn die Inflationsrate höher war, gingen die Kurse tendenziell runter. Und wenn die Inflation ins Negative, also in Deflation, abrutschte, dann ebenso. Und der zweite Grund für die hohen Bewertungen der Aktienmärktte ist das Zinsniveau, das sich auf einem so niedrigen Niveau befindet, wie es das in der Weltgeschichte noch nie gegeben hat. Es gab immer mal Phasen mit niedrigen Zinsen. Aber negative Zinsen, noch dazu global in fast allen großen Ländern, das ist extrem ungewöhnlich.

GEWINN: Ist der Anstieg der Inflation, den wir aktuell beobachten, nicht einfach nur eine vorübergehende Reaktion auf die wirtschaftliche Erholung nach der Pandemie?

Leber: Ich rechne damit, dass die Inflation weiter ansteigen wird. Wenn das eintritt, werden die Notenbanken handeln müssen. Das würde steigende Zinsen bedeuten. Und das wiederum würde den Aktienmarkt abwürgen. Ich glaube daher, dass die Notenbanken die Inflation länger laufen lassen werden, als man das früher toleriert hätte.

GEWINN: Was bedeutet das für die Entwicklung an den Aktienmärkten?

Leber: Im Unterschied zu den vergangenen Jahren, in denen wir einen unglaublichen Börsenboom erlebt haben, werden in den kommenden Jahren eher moderate Erträge an den Aktienmärkten erwartet. Ich rechne mit fünf bis sechs Prozent für die nächsten fünf bis zehn Jahre als realistischen Wert. Das ergibt sich aus der erwarteten Profitabilität der Firmen.

GEWINN: Welche langfristigen Entwicklungen werden Ihrer Meinung nach die Börsen bewegen?

Leber: Diese statische Welt, wo sich in einer Branche die selben Wettbewerber an der Spitze abwechseln, gibt es nicht mehr. Die Firmen von heute sind dynamischer und beweglicher und verletzlicher, als sie es noch vor ein paar Jahren waren. Das Durchschnittsalter der Firmen im US-Aktienindex S&P-500 ist von 60 Jahren im Jahr 1958 auf unter zwanzig Jahre gesunken. Amazon, eines der wertvollsten Unternehmen der Welt, ging erst vor etwas mehr als 20 Jahren an die Börse. Und von den acht wertvolls - ten Firmen der Welt im Jahr 2005 ist mit Microsoft heute nur noch ein einziger dieser ehemaligen Riesen in die ser Liste vertreten. Die Innovationszyklen werden schneller, die Lebensdauer wird kürzer. Auch die finanzielle Erntedauer wird kürzer. Viel häufiger gilt auch das Gesetz „The winner takes it all“, der Sieger bekommt alles. Man muss als Anleger auch immer auf der Hut sein und sich in Bezug auf erfolgreiche Firmen laufend die Frage stellen, ob es nicht in näherer Zukunft eine Technologie geben könnte, die die bisherige ablöst.

GEWINN: In Ihrem Vortrag haben Sie festgestellt: „Das Bruttosozialprodukt wird immer leichter.“ Was ist damit gemeint?

Leber: Lassen Sie mich das anhand eines Beispiels erläutern: Vor 100 Jahren waren schwere Schellack-Schallplatten weit verbreitet. Darauf folgten leichtere Vinylschallplatten und ab 1985 die Compact Disc. Und heute in Zeiten von Streaming braucht es gar keine physischen Tonträger mehr. Oder denken Sie an die Hotelbranche: Die Hilton-Hotelkette hat 100 Jahre gebraucht um weltweit 800.000 Hotelzimmer aufzubauen. Das Online-Buchungsystem Booking.com konnte in rund 20 Jahren das Angebot auf fünf Millionen Zimmer ausdehnen, die nicht einmal ihnen gehören. Aber sie machen als relativ junges Unternehmen mit geringem Kapital doppelt so viel Umsatz und Gewinn wie die Hilton-Kette. Generell zählen heute vor allem jene Firmen mit geringem Kapitalbedarf zu den Gewinnern, während sich die etablierten Firmen mit viel Kapital, vor allem auch an der Börse, nicht so gut entwickeln. So konnten die kapitalintensiven Branchen seit 1990 ihren Börsenwert gerade einmal verdoppeln, während die weniger kapitalintensiven im Durchschnitt ihre Kurse um fast 2.000 Prozent steigern konnten. Die Intermediäre des Internetzeitalters haben an Macht und Geld gewonnen. Und die Verlierer sind die physischen Anbieter wie zum Beispiel Hilton oder Marriott Hotels. Nichts gegen diese Firmen, das sind gut geführte Unternehmen. Aber die Gewinner von morgen sind virtuell.

GEWINN: In welchen Branchen sehen Sie in Zukunft die stärksten Veränderungen?

Leber: Starke Veränderungen sehen wir etwa im Automobilsektor. Dort wird die Entwicklung in Richtung alternative , umweltfreundliche Antriebe und selbstfahrende Autos bereits seit Jahren diskutiert, aber so richtig mit Macht kommt das erst jetzt in der Wirtschaft und im Alltag an. Wir sind zum Beispiel in das japanische Unternehmen Nidec investiert. Die haben sich zum Marktführer für kleine Präzisionselektromotoren für Festplatten hochgearbeitet. Jetzt haben sie voriges Jahr angekündigt, dass sie den Markt für E-AutoMotoren aufrollen wollen. Weil das aus ihrer Sicht für die Autobauer nicht zum Kernthema gehört. 2020 haben sie die ersten 80.000 Motoren ausgeliefert, 2023 wollen sie bereits 2,5 Millionen produzieren. Aufgrund der stark steigenden Produktionsvolumina rechnen sie damit, dass in etwa zwei Jahren der Elektromotor zusammen mit der Batterie billiger ist als ein vergleichbarer Verbrenner.

GEWINN: Das zweite große Thema, ist – aus gegebenem Anlass – die Gesundheit. Hier steht uns laut Ihrem Vortrag eine Revolution bevor.

Leber: Ja, Charlie Munger, der mit Warren Buffett Berkshire Hathaway leitet, nennt das den „Lollapalooza-Effekt“. Er tritt auf, wenn mehrere unterschiedliche Strömungen und Denkmuster zusammenwirken und in dieselbe Richtung wirken. Wir haben das beim Internet erlebt: Viele Teilnehmer, günstige Übertragungskosten und bequeme Browsertechnologie haben diesen Rieseneffekt möglich gemacht. In der Biomedizin erleben wir gerade Ähnliches: Riesiges Datenmaterial, günstige Analysewerkzeuge und geringe Kosten kommen zusammen. Das alles zusammen führt dazu, dass wir eine Revolution erleben werden. So haben wir jetzt mit mRNA ein neues Werkzeug, das eine komplett neue Art von Medikamentenentwicklung ermöglicht. Viele Krankheiten werden in den nächsten Jahren heilbar werden .

GEWINN: Diese mRNA steckt ja auch hinter dem Covid-19-Impfstoff von Biontech/Pfizer.

Leber: Ja, dabei waren Impfstoffe für Biontech eigentlich nur ein Nebenthema. Das war gar nicht das Ziel. Der Gründer ist getrieben von dem Wunsch, eine echte Heilung für den Krebs hinzubekommen. Und das machen sie mit verschiedenen Technologien. Wie etwa die Immuntherapie, die gegen viele weit verbreitete Krebsarten helfen kann. So haben sie etwa mit BNT 111 einen Krebsimpfstoff in der zweiten Testphase. Biontech kann aus meiner Sicht daher gar nicht teuer genug werden. Zu den weiteren interessanten Unternehmen im Gesundheitsbereich zählt etwa die deutsche Sartorius. Die sind führend im Bereich von Reaktoren zur Herstellung biopharmazeutischer Wirkstoffe. Oder Novo Nordisk, der Weltmarktführer für Diabetesmedikamente hat einen riesigen Wachstumsmarkt vor sich.

GEWINN verwendet Cookies um die Website möglichst benutzerfreundlich zu gestalten und Ihnen damit den bestmöglichen Service zu gewährleisten.
Wenn Sie fortfahren, stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu.